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Peter Hacks II : Ihm war zeit seines Lebens kalt

Der Dichter verstand sich als überlegener Bauchredner nicht allein linker Spinner, kluger Frauen, fauler Friedensstifter und absolutistischer Könige, aus ihm redeten manchmal sogar die Größten restlos außerliterarischer Disziplinen: „Die Geheimnisse der Vernunft sind so viel unerschöpflicher als die der Unvernunft“, sagt Albert Einstein im späten Drama „Die Höflichkeit der Genies“, und das ist, wie jeder zugeben muss, der sich mit Einsteins Leistungen und Ansichten beschäftigt hat, just so gesagt, wie Einstein gern geredet hätte, aber mangels Dichtergabe kaum je geredet hat. Geheimnisse der Vernunft: Davon lebt das ganze Politikverständnis dieses Autors; nur deshalb etwa könnten sogar seine Hausbesitzer Frau Ypsilanti und Herr Beck in bestem Deutsch politischen Realismus lehren - als einem solchen Kerl im späten Stück „Fafner, die Bisam-Maus“ vorgeworfen wird, er habe das Wort eines Ehrenmanns gebrochen, sagt er völlig richtig: „Ein geringeres Wort zu brechen würde sich kaum rechnen.“

Sonderfall Theaterübel

Über das Gesetzesförmige, Erwogene, Geregelte und sich dann doch wieder aus den Regelungen Freikämpfende nicht an der Politik, aber an der Kunst des Peter Hacks lässt sich schwer reden an einem Ort und zu einer Zeit, wo, zum Beispiel, nur Literaturwissenschaftler, nicht Autoren, noch etwas von Metrik verstehen (wo soll man speisen in Ländern, in denen nur die Lebensmittelchemiker was vom Kochen ahnen?).

Das Theaterübel ist von diesem Zustand nur der Sonderfall; in Deutschland gilt die Idee als altbacken, abgetan, schon fast tot, einfach mal ein Stück zu spielen, vom Text her, während man nur einen Roman zu schreiben braucht, den zwei Journalisten in je zwei Spalten besprechen, rumms kommt ein Dramaturg und will ein Video und einen DJ drum herum wickeln. Einverstanden, her mit dem Neuen und weg mit dem Erledigten; aber der Umstand, dass die Neuigkeit merkwürdigerweise meistens leichter herzustellen und schwerer zu genießen ist als das angeblich Vergammelte, nimmt nicht gerade für den Krempel ein.

Lustigkeit des Geschlechterwahnsinns

Angefangen hat diese ganze Mode unter Deutschen nicht einfach, wie man jetzt als verbiesterter Theaterabonnent meinen könnte, im dekadenten Westen, sondern schlicht in Konkurrenz zu Hacks an sich, also gerade auch in der DDR, dort erfunden und vorangepeitscht von Heiner Müller. Der hatte zunächst, im „Philoktet“, zum Beispiel, bei aller Erzwidersacherei noch ein ehrliches dramatisches Kräftemessen mit dem Gegner veranstaltet - Neoptolemos: „Aus faulen Grund wächst wohl ein Gutes nicht.“ Odysseus: „Eins ist der Grund, ein andres ist der Baum.“ Später zog Müller es vor, Hacks von außerhalb der Kunst her zu ärgern; als Verfechter von deren Abschaffung und Ersetzung durch Boing und Zack. Zunächst hatten beide noch die jeweils effektivsten Mittel zur Hand, zum Festlichen und Heiteren (Hacks) wie zum Greulichen und Sinnlosen (Müller). Spätestens bei den wirklich heiklen Themen, zum Beispiel der untröstlichen Lustigkeit des Geschlechterwahnsinns, wurde dann die Überlegenheit des beweglichen Hacksschen Witzes, etwa im Stück „Adam und Eva“, über den Müllerschen Atomkriegshumor, etwa im Stück „Quartett“, unübersehbar - letzteres Machwerk verlangt vom Publikum ganz ernsthaft, als Szenenbild einen „Bunker nach dem dritten Weltkrieg“ zu ertragen, man fasst es heute kaum, wie finster dumm sie waren, diese achtziger Jahre, sowohl in der BRD wie in der DDR.

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