http://www.faz.net/-gqz-wgdz

Peter Hacks II : Ihm war zeit seines Lebens kalt

Erzieherisch, doch unwiderstehlich

Dass Hacks, wo er so entschieden erzieherisch spricht, oft unwiderstehlich ist, hat ihm im gründlich depolitisierten Deutschland nach der DDR den Ruf eingetragen, vor allem ein Autor bedeutender Aufsätze und hinreißender Kinderbücher zu sein. Weil es Kulturträger gibt, die Kunst für Kinder als etwas Kindisches betrachten und gerade deshalb schätzen, und weil die sich einbilden, Prosa zu verstehen, da sie selbst dauernd Prosa zu reden und zu schreiben glauben, soll Hacks entsprechend formatiert werden. Das kann selbst, wenn es kurzfristig gelingt, nicht von Dauer sein.

Denn Hacksens Hauptfach ist die allerreifste Erwachsenendichtung, die man sich denken kann. Seine Sentenzen, Perioden, Distichen, Alexandriner, Blankverse, Lieder, Zeitstrophen, Elegien, Sonette, seine Klein- und Großformen sind haltbare Gefäße für Gedanken, die das Unendliche vom Endlichen aus denken wollen, die Ewigkeit von der Konkretion her, die abstrakte Intelligenz von der sinnlichen Schönheit.

Kann leer sein, was groß ist?

Wenn Hacks also etwa anhand der konkreten Situation der frühen DDR im Stück „Moritz Tassow“ Lenins Polemik gegen den „linken Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ explizieren will, dann benutzt er dafür gerade keine Karikaturen und kurzatmigen Pappkameraden, sondern selbst dem linksradikalen Narren, den er als schlechtes Beispiel meint, hat er als Mittel der Darlegung seiner falschen Ansichten solide Sätze geschenkt, die aus einem Wittgenstein-Drama stammen könnten: „Ich red nicht ungern. Gute Worte setzen / sich an die Dinge in der Art wie Henkel, / Dass sie beweglich sind und handhabbar. / Man redet über sie, dann hat man sie.“

Der Marxist Mattukat aber, der das Blendwerk des Schwätzers durchschaut, darf eben noch bessere Sätze sprechen, damit die Rangordnung klar ist: „Er will im Recht sich wissen, sonst in nichts, / Mundlos genießen, was er handlos erntet. / Wo steck ich solche hin? Nicht groß sein kann, / was leer ist. Aber kann leer sein, was groß ist?“ Kein Anlass, keine Maske ist dem Dichter zu doof, um daran seine Textintelligenz zu wetzen - selbst im agitatorischen Aktualitätentheater, das er nicht mochte und selten ausprobiert hat, finden sich plötzlich Bruchstücke einer theoretischen Kritik des Wirtschaftsliberalismus: „Du hast gesagt, Kollege, im Wettbewerb / Kann einer nur gewinnen. Lasst mich das / Kollegen, unterstreichen. Dieser eine, / Das ist der Sozialismus.“, heißt es in „Die Sorgen und die Macht“.

Abglanz vom Geist

Selbst Erich Honecker, literarisch veredelt zur Königin Semiramis von Ninive, darf seinen in Hacksens Augen ganz ekelhaften Schlingerkurs mit so wohlgesetzten Worten selbst erläutern, dass zumindest ein Abglanz von Geist darauf fällt: „Und meine zu umwegige List, Verrottung / herbeizuführen, vorsätzlich, doch so, / als walte natürlicher Verfall, / kurz, uns zu schädigen, um uns zu retten, / war krauses Zeug und Eitelkeit des Planens.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Bundesinnenminister Horst Seehofer

Horst Seehofer : „Das werden wir uns nicht gefallen lassen“

Der CSU-Chef wirft Angela Merkel vor, im Asylstreit „aus einer Mücke einen Elefanten zu machen“. Die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin will er nicht hinnehmen. Die SPD beklagt, die Union schade dem ganzen Land.
Logo von WhatsApp

Messenger-Dienste : Barley will WhatsApp zur Öffnung zwingen

Wer nur WhatsApp nutzt, kann keine Nachrichten an andere Messenger-Dienste schicken. Justizministerin Barley möchte das ändern. Sie fordert von den Apps offene Schnittstellen – und will damit den Wettbewerb beleben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.