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Peter Hacks II : Ihm war zeit seines Lebens kalt

Hacks ist 1955 von München in die DDR gegangen, um da zu arbeiten, wo diese Art Nüchternheit herrscht. Man vergisst das gern (oder will es vergessen machen), aber zur fraglichen Zeit und eine Weile später haben nicht nur alte KPD-Leute, denen Adenauer nicht geheuer war, sondern auch politisch vergleichsweise unvorbelastete Lohnabhängige, die sich vor Arbeitslosigkeit fürchteten, und schließlich Künstler und Schriftsteller den Bannfluch „Geh doch rüber“ als ernsthafte Aufforderung aufgefasst - nicht nur Hacks, auch Stefan Heym kam aus dem Westen, genau wie der Romancier Werner Steinberg, der nach frustrierenden Erfahrungen mit dem westdeutschen Literaturbetrieb doch lieber von den Roten gedruckt werden wollte (und damit nicht nur Freude hatte).

Manchen lockte auch die sogenannte „Entstalinisierung“ nach dem XX. Parteitag der KPdSU, ein Vorgang, von dem Peter Hacks ungefähr so viel gehalten hat wie sein später guter Freund, der Faschismus-Forscher und Revisionismus-Gegner Kurt Gossweiler, dem wir die leicht zu merkende Formel von der „Stalin-Kritik des konterrevolutionären Agenten und Tito-Freundes Nikita Chruschtschow“ verdanken. Die politische Situation war, als Hacks in sein Land kam, nach mehreren Seiten hin vielversprechend; die künstlerische, und das hieß für den Dramatiker: die sprachliche, war eher trist. Denn wie an allem, was deutsch war, klebte auch an der deutschen Sprache nach 1945 Blut und Dreck; wer da etwas retten und bewahren wollte, musste entweder Neuerer werden oder tiefe Brunnen ins Vergangene graben. Am besten beides: Arno Schmidt, Neuerer und Konservativer, den Hacks sehr schätzte, beschloss daher, gleich „alles, was je schrieb, als immerfort mitlebend zu behandeln“.

Erlass ans Publikum

Hacks verließ sich bloß auf einen, der dafür aber Goethe hieß (die Vorstellung, Goethe sei groß genug, den ganzen deutsche Horrormuff von den sogenannten Freiheitskriegen bis Hitler in die Schranken zu weisen, ist vielleicht der einzige offen schwärmerische Zug an Hacksens Denken und Schaffen; liest man nur lange genug Goethe, kommt sie einem allerdings zunehmend plausibler vor). Es ging Hacks bei seinem vielberufenen Klassizismus nicht darum, den Sozialismus mit goethischen Girlanden zu verhübschen, sondern darum, die Schönheit der Goethe-Haltung zu sozialisieren, allerdings nicht didaktisch und als Schenkung, sondern absolutistisch, als Erlass ans Publikum: Damit habt ihr euch zu beschäftigen, wenn ihr nach Hitler wieder menschenähnlich werden wollt.

Goethe ist Hacks Garant nicht nur von Schönheiten, sondern vor allem von Haltung; die schätzte er immer, selbst ein Philosoph wie Seneca, dessen Philosophie Hacks flach fand, kann ihm aufgrund seiner Haltung zum Dramenhelden werden. „Senecas Tod“ wird vom dramaturgischen und rezensorischen Flachsinn gern als Tragödie aufgefasst, es ist sogar schon so inszeniert worden. In Wahrheit teilt das Stück mit, wie töricht der Hang gewisser Schamanen und sonstiger Intellektueller in Gesellschaftsordungen, die sich selbst nicht durchschauen, immer ist, das Leben ausgerechnet vom Tod her verstehen zu wollen, das Jenseits vom Diesseits aus. Hacks hat sich dagegen nicht nur in seiner Dramatik, sondern auch als Essayist erklärt: „Mit dem Fortschritt kann es jeder halten, wie er will, ausgenommen die Künstler. Das Prinzip Hoffnung mag ein Weltprinzip sein oder auch keines; jedenfalls ist es ein Kunstprinzip. Indem einer Kunst macht, verrät er, dass er mit dem Weltende nicht rechnet. Er gibt sich nicht die ganze Mühe, um einen befristeten Stoff für einen befristeten Verbraucher herzurichten. Würde er mit dem Weltende rechnen, würde er die Sache lassen.“

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