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Labor Kosovo : Kein Hahn kräht auf dem Amselfeld

  • -Aktualisiert am

Das ist die Last, die das Kosovo zu tragen hat: Der jüngste Staat Europas gründet auf dem Konflikt zwischen Albanern und Serben, der 1998 und 1999 eskalierte. Noch heute sucht man in Prishtina nach den seit damals Vermissten. Bild: AFP

Das Kosovo gilt als Sorgenkind. Aber der ärmste Staat des Kontinents ist auf paradoxe Weise auch sein dynamischster.Das Land wartet immer noch auf die volle Souveränität, aber der politische Islam ist gebändigt. Eine Reise in ein brodelndes Labor.

          Viele, viele Menschen - das ist der erste Eindruck, den ein Besucher im Kosovo bekommt. Weil die Halle des Flughafens von Prishtina zu klein ist, warten sie draußen in Schnee und Kälte vor dem Portal. Hunderte Gesichter, ein Gedränge wie in einem Balkanbasar. Sofort entsteht ein Eindruck von Armut und Überfüllung: Europas jüngstes Land hat auch zugleich die höchste Geburtenrate. Und mit gut zweihundert Euro monatlichem offiziellem Durchschnittseinkommen sind die Kosovaren zugleich die ärmsten Europäer.

          Seit dem Kriegsende vor elf Jahren sichern fremde Truppen das mühselige Zusammenleben der Menschen, die von der serbisch-nationalistischen Politik Milosevics in Ethnien geschieden und gegeneinander aufgehetzt wurden, bis die serbischen Aggressoren gar die albanischsprachige Mehrheit gewaltsam außer Landes treiben wollten.

          Heute sind - nach dem Tod von 15 000 albanischsprachigen Kosovaren - die meisten Vertriebenen zurück. Ohne Volkszählung kann niemand wissen, wie viele es genau sind, aber sicher weit mehr als zwei Millionen. Nurmehr in einigen Enklaven leben noch Serben, die stets ohnehin nur eine kleine Minderheit gestellt hatten.

          Bild: F.A.Z.

          Eine immense Schattenwirtschaft

          Auch in einer anderen Statistik sind die Kosovaren führend: Aus keinem anderen Volk des Kontinents sind - ob auf der Flucht oder zum Arbeiten - so viele Bürger ins Ausland gegangen. An die dreißig Prozent der Bevölkerung studieren oder arbeiten im Ausland, die meisten in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

          Und auch die verheerenden Wirtschaftsdaten müssen im Licht der Mobilität neu bewertet werden: Jenseits der gut zweihundert monatlichen Euro gibt es eine immense Schattenwirtschaft, angefeuert auch von den Überweisungen der Auslandskosovaren in Milliardenhöhe. So paradox es klingen mag: Europas ärmster Staat ist auch sein dynamischster.

          Jakup Krasniqi, ein milder, melancholisch dreinblickender Mann, schaut trotz aller Probleme recht optimistisch in die Zukunft des Landes, dessen Parlamentspräsident er ist: Es gebe - in einem reichen Fördergebiet seit der Antike - genug Bodenschätze, Edelmetalle, Zink und Nickel. Die Landwirtschaft sei ausbaufähig, die Menschen jung, bildungshungrig, mobil - also beste Voraussetzungen für eine rosige Zukunft nach so viel Mord und Vertreibung bis ins dritte Jahrtausend. Doch das Büro des Politikers, der als Dissident zehn Jahre lang in serbischen Gefängnissen saß, liegt im Hauptquartier seiner Partei, mit der sich der altgediente Politiker überworfen hat. Statt seiner hat sein Parteichef - der starke Mann und Premierminister Hashim Thaçi - den Milliardär Beghjet Pacolli im Parlament zum neuen Präsidenten wählen lassen.

          Bei Eiseskälte vor der Schweizer Botschaft

          Die regierende Koalition ist dadurch zersplittert, das Land kam weiter in Misskredit, weil nun der „Berlusconi des Balkans“ mit besten Verbindungen nach Russland einem Land vorsteht, dem vor allem Russland und andere orthodoxe Nationen - Griechenland, Zypern, Rumänien - jede Anerkennung verweigern. Seit die EU den Serben visafreies Reisen gewähren will, sind ausgerechnet die gepeinigten Kosovaren die letzten Europäer, die in ihrem Land administrativ eingesperrt bleiben.

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