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Im Gespräch: Paul Pietsch : Was bleibt nach hundert Jahren zu tun?

  • -Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie/xix

Rennfahrerei, Journalismus, Verlegerdasein und Familienvater. Diese Quadratur des Kreises meistert Paul Pietsch glänzend. Wir treffen den bald Hundertjährigen in seinem Haus in Titisee-Neustadt. Er ist dynamisch wie eh und je.

          Hätten Sie jemals gedacht, ein solch biblisches Alter zu erreichen, Herr Pietsch?

          Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich habe einfach versucht, mich körperlich und geistig fit zu halten.

          Was wünscht man sich mit hundert Jahren?

          Zufriedenheit. Das ist für mich zeitlebens ein ganz wichtiger Leitgedanke. Ich habe immer versucht, aus jeder Situation das Beste zu machen.

          Ihre Tochter beschreibt Sie als „rundherum liebenswert“. Wie sehen Sie sich selbst?

          Ich denke schon, dass ich liebenswert bin. Das wollte ich zumindest immer sein. Ich habe aber auch immer versucht, ein fairer und verlässlicher Mensch zu sein - als Rennfahrer, als Verleger und als Privatmensch. Ich versuche einfach, Dinge so hinzubringen, wie ich mir vorstelle, dass sie richtig und zielführend sind.

          Sie hatten als Verlagschef Spürsinn für erfolgreiche Publikationen, und Sie hatten Menschenkenntnis. Wurden Sie auch einmal menschlich enttäuscht?

          Das bleibt bei einem so langen Leben nicht aus - ich war ja bis vor zehn Jahren noch intensiv ins Verlagswesen involviert. Mit menschlichen Enttäuschungen umzugehen fiel mir nicht leicht. Es kam zum Glück nicht allzu oft vor.

          Wie waren Sie als Arbeitgeber?

          Ich habe den Ruf, nicht immer alle Taschen aufgemacht zu haben. Aber die Verlage wären sicher nicht derart wirtschaftlich gesunde Unternehmen, wenn sie nicht aus eigener Kraft gewachsen wären. Ich habe nie mit Krediten gearbeitet, sondern mir gesagt: Lieber einen Schritt langsamer wachsen als mit zu hohem Risiko.

          Sparsamkeit ist doch eher eine schwäbische als eine badische Tugend?

          Aber ich habe Anfang der fünfziger Jahre aus nächster Nähe mitgekriegt, wie beispielsweise Veritas der Geldhahn zugedreht wurde, genauso Borgward. Da sagte ich mir: Nicht mit mir. Ich mache nur das, was ich aus eigener Kraft stemmen kann. Erfolg braucht immer eine gesunde wirtschaftliche Basis. Ich kann ein großartiges Buch, eine großartige Zeitschrift machen, wenn aber die wirtschaftliche Grundlage fehlt, geht's auf Dauer nicht.

          Wie kam es zur Verlagsgründung?

          Ernst Troeltsch, Joseph Hummel und ich saßen 1945 auf den Trümmerbergen in Freiburg. Wir alle drei wollten wieder Rennen fahren. Das mussten wir irgendwie finanzieren, und dazu mussten wir ja etwas verkaufen. Ich sagte mir, was soll ich verkaufen, wenn nicht mein Know-how zum Thema Motorsport? Josef Hummel ist dann nach einem Jahr wieder ausgestiegen. Er wollte lieber Geld verdienen, als Geld in den Verlag reinzubuttern.

          Da fehlte ihm die Weitsicht, die Sie hatten. Denn im Dezember 1946 war die Erstausgabe der Zeitschrift „Das Auto“, der heutigen „auto motor sport“, sofort ausverkauft.

          Trotzdem hatten wir mächtig Gegenwind. Wir mussten uns anfangs anhören, es werde in Deutschland nie mehr so viele Autos geben, dass man eine Zeitschrift dafür braucht. Doch wir glaubten an eine Massenmotorisierung. Leider starb mein Freund Ernst dann schon 1956. Das war für mich einer der schwersten Momente, als ich allein dastand und das, was ich zusammen mit meinem Freund geplant hatte, weiterführen musste.

          Sie haben aus einer Baracke in Freiburg ein weltumspannendes Verlagsimperium aufgebaut. Zuvor waren Sie erfolgreicher Rennfahrer. Sind Sie denn mit Ihrer Rennfahrerkarriere zufrieden, wohl wissend, dass deutlich mehr möglich gewesen wäre?

          Was erreichbar war, habe ich erreicht. Und damit konnte und kann ich gut und zufrieden leben. Ich habe immer gesagt: Du musst das Beste aus jeder Situation machen.

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