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Im Gespräch: Paul Kuhn : Was unterscheidet Sie von Mick Jagger, Herr Kuhn?

  • -Aktualisiert am

Swingender Jazzer: Paul Kuhn Bild: Burkhard Neie

Das mit dem Schlager hat er gar nicht so gewollt: Der swingende Jazzer Paul Kuhn, der am Mittwoch achtzig wird, über das Leben als Mann am Klavier, die schlechte Musik der Rolling Stones, den Typus Hansi Hinterseer und Dieter Bohlen.

          Paul Kuhn hat nie mit dem Rücken zum Publikum gestanden. Die Schlager und die Filme hat er für den Jazz aufgegeben. Wenige Tage vor seinem achtzigsten Geburtstag wirkt er am Telefon höchst unternehmungslustig.

          Herr Kuhn, wann fing für Sie die Welt zu swingen an?

          Ich habe Swing gemacht, da gab es den eigentlich noch gar nicht. Und ehrlich gesagt konnte ich ihn auch noch nicht richtig. Das war der Kriegs-Swing, von dem man damals, 1942, 1943, glaubte, das sei der richtige Swing. War er natürlich nicht. Wir kannten ja nur ein paar amerikanische Platten, die man zur Zeit des Nationalsozialismus eigentlich nicht besitzen, geschweige denn hören durfte. Mit ein paar Freunden habe ich die Musik natürlich trotzdem gehört. So wussten wir wenigstens, wer Glenn Miller war und dass es einen tollen Pianisten wie Teddy Wilson gab.

          Er denkt zurück „mit einem Lächeln”

          Klavier wurde auch zu Ihrem Instrument. Angefangen haben Sie aber auf dem Akkordeon.

          Mit sechs Jahren. Das Akkordeon war das Weihnachtsgeschenk eines Onkels. Irgendwie konnte ich von Anfang an spielen - ohne dass ich es gelernt hatte. Meine Eltern wollten, dass ich Klavier spiele. Aber sie haben mir sehr geholfen, weil sie nie gesagt haben: „Musik kannst du später immer noch machen - lern erst einmal einen gescheiten Beruf!“ Ich war dann auf dem musischen Gymnasium in Frankfurt. Das Abitur habe ich zwar nicht geschafft, aber musikalisch habe ich auf dieser Schule sehr viel mitgenommen.

          Wie kamen Sie während des Krieges an Jazz-Aufnahmen?

          Das waren Platten aus der Zeit vor dem Krieg. Viele hatten ja vor dem Krieg Jazzplatten zu Hause. Von den Andrews Sisters, Louis Armstrong oder auch von Nat Gonella. An solche Musik kam man schon ran, wenn man sich dafür interessierte.

          Haben Sie auch die sogenannten Feindsender gehört?

          Ja, mit einem Freund, wir waren damals fünfzehn oder sechzehn. Das musste heimlich geschehen. Mit einer Decke über dem Radio, damit die Nachbarn nichts mitbekamen. Uns ging es in erster Linie um die tolle Musik. Aber die gab es eben nur zusammen mit den Nachrichten, die man nicht hören durfte.

          Erinnern Sie sich, wie diese Musik bei Ihnen zum ersten Mal zündete?

          Das muss 1942 gewesen sein. Da war die Glenn Miller Band schon in England und machte Propagandasendungen, mit denen die Alliierten die deutsche Jugend und die Wehrmacht erreichen wollten. Eine dieser Sendungen habe ich damals gehört. Sie spielten ein Stück, das ich manchmal noch heute im Programm habe, wenn ich mit der Big Band auftrete: den „Anvil Chorus“, Verdis berühmten „Coro di zingari“ aus „Il Trovatore“ als Swing-Nummer. Das hat mich umgehauen! Da wusste ich plötzlich, was ich werden wollte.

          Aber dafür musste erst einmal der Krieg zu Ende gehen.

          1943 und 1944 ahnte man ja schon, dass es den sogenannten Endsieg nicht geben würde - außer man war Nazi. Das Kriegsende war für mich die Zukunft: Dann wirst du Jazzmusiker - das war der Gedanke, der mich umtrieb.

          Wie haben Sie das Kriegsende und die Zeit unmittelbar danach erlebt?

          Als tolle Zeit. Auch weil man als Jazz-Musiker damals keinen Hunger leiden musste. Ich habe einige Jahre für die Amerikaner gespielt. Als Gage gab es Zigaretten und Kaffee.

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