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Im Gespräch: Michael Kunze : Reimen auch Sie Herz auf Schmerz, Herr Kunze?

  • Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie

Michael Kunze ist der erfolgreichste deutsche Musiktexter. Seine Musicals haben Millionen in der ganzen Welt gesehen. Ein Gespräch über das Leben im Hintergrund, Musikliebe in Asien und die Musical-Helden der Zukunft.

          Herr Kunze, Sie kommen gerade aus Korea zurück. Dort sind Ihre Musicals ungewöhnlich beliebt. In Japan stehen zur Zeit sogar gleich drei Ihrer „DramaMusicals“ - so nennen Sie diese Werke - auf dem Spielplan. Sie hätten vermutlich auch als Jurist oder Autor historischer Panoramen und Umbrüche Karriere machen können.

          Ich wollte nie Jurist werden und nie in einen abhängigen Beruf. Mein Vater war Journalist und lange arbeitslos. Weil er in Prag im kommunistischen Widerstand war, bekam er in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre keine Anstellung. Dass meine Familie mit wenig Geld auskommen musste, hat mich nicht bedrückt. Doch dass mein Vater nicht das tun konnte, was er sich gewünscht hatte, prägte mich. Ich wollte unbedingt selbständig sein und mich nicht zu früh festlegen. Deswegen habe ich Jura studiert. Nach einem guten Abitur bekam ich auch Stipendien. Einer meiner Professoren hatte mich ins Herz geschlossen. Er wollte unbedingt, dass ich in die Wissenschaft ginge wie mein Kommilitone und Freund Michael Stolleis. Mit dem Ziel einer Habilitation habe ich dann zunächst einmal die Hinterlassenschaft von Rudolph von Ihering, einer juristischen Größe des neunzehnten Jahrhunderts, aufgearbeitet. Es waren zehntausend ungeordnete handgeschriebene Seiten.

          Wollten Sie schon immer schreiben?

          Jedenfalls immer, wenn ich glaubte, etwas zu sagen zu haben. Mein erstes Buch, „Straße ins Feuer“, beschäftigt sich mit „schrecklichen Juristen“ des sechzehnten Jahrhunderts. Sie rechtfertigten Hexenverfolgung und Folter mit ähnlichen Argumenten, wie Juristen im „Dritten Reich“ die Judenverfolgung oder unter George W. Bush die Folter rechtfertigten. Mir war es wichtig aufzuzeigen, wie dumm Gescheitheit sein kann.

          Wie kamen Sie dann zur Popmusik?

          Seit meinem zwölften Lebensjahr habe ich mich für amerikanische Popmusik begeistert, für Rock 'n' Roll, Folksongs und alles, was es damals gab. Ich spielte Gitarre und schrieb auch Lieder. Ich bot Texte an, doch niemand wollte sie haben. Schließlich stellte mir eine Plattenfirma einen Produktionsauftrag in Aussicht, wenn ich einen guten jungen Sänger fände. Meine Frau Roswitha und ich suchten also in Schwabinger Lokalen nach dem idealen Interpreten und entdeckten Peter Maffay. Das Lied, das ich für ihn schrieb und aufnahm, hieß „Du“. Davon wurden mehr als eine Million Platten verkauft. Von da an waren viele an meinen Texten interessiert.

          Wussten Sie von Beginn an, wie ein Lied gebaut sein muss?

          Liederschreiben muss man lernen. Ich habe von anderen gelernt und mir viel selbst beigebracht. Ich habe aber auch Schlager nie abgewertet. Wenn ich etwas mache, was möglicherweise Millionen von Menschen erreicht, dann muss ich das als Beruf ernst nehmen und mich nicht selten auch anpassen. Ich sah meine Aufgabe darin, etwas zu formulieren, das in der Luft lag, Geschichten zu erfinden, die dem Zeitgefühl entsprachen. Insgesamt sind es viertausend Titel geworden, darunter zwei- bis dreihundert richtige Hits. Einige finde ich heute noch gut.

          Haben Sie nie befürchtet, zu den Herz-Schmerz-Dichtern gezählt zu werden?

          Herz-Schmerz? Habe ich sicher auch gemacht. Das ist ja kein schlechter Reim. Ich hatte nie Angst vor Gefühl, vor Einfachheit. Angst hatte ich vor Lügen und vor Klischees. Sogenannte volkstümliche Texte konnte ich allerdings nicht schreiben, weil ich sie nicht empfinde. In der Branche wusste man bald, für die richtigen breiten Schlager bin ich nicht der Richtige. „Ach, der intellektuelle Kunze“, hieß es. Durchgesetzt haben sich meine Texte, weil sie etwas anders waren als das übliche Schlager-Einerlei.

          Sie gelten als Deutschlands bester Songschreiber. Udo Jürgens, Nana Mouskouri, Julio Iglesias, Gitte, Münchner Freiheit oder Gilbert Bécaud und viele andere verdanken ihren Erfolg auch Ihren Texten. Fühlen Sie sich gleichberechtigt mit diesen Sängern?

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