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Im Gespräch: Luigi Colani : Sind Sie ein Kurvenstar, Herr Colani?

  • -Aktualisiert am

Stadtauto: Colanis gelbes Ei Bild: picture-alliance/ dpa

Von der Zahnbürste über den Toilettensitz bis hin zu Flugzeugen hat Luigi Colani fast alles gestaltet. An diesem Samstag wird der Designer, der diesen Begriff hasst, achtzig. Ein Gespräch über Spinnereien, seine Arbeit mit Knete und die Überlegenheit des Geistes gegenüber dem Computer.

          In einem Vorort von Karlsruhe hat Luigi Colani eines seiner vielen Ateliers. Muster liegen herum: Flugzeuge, Schiffe, Autos, Feuerzeuge. Der „beste lebende Designer“, wie er sich selbst nennt, wird am heutigen Samstag achtzig Jahre alt. Wie immer ist er ganz in Weiß gekleidet, schwarz wallen Mähne und Schnurrbart. Mal redet er laut, gestikuliert wild, dann wieder wird er sehr ruhig und nachdenklich. Luigi Colani überlegt genau, was er sagt. Vor allem, wenn er provoziert - was nicht selten vorkommt.

          Herr Colani, Sie sind jetzt achtzig Jahre alt. Müssen Sie da immer noch die großen, starken Worte in den Mund nehmen?

          Warum soll ich die Dinge nicht beim Namen nennen? In meiner Familie werden übrigens alle so alt. Da kommt noch was auf Sie zu.

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          Ihr Vater war Filmarchitekt. Hat er Sie oft zur Arbeit mitgenommen?

          Ja, und ich habe das Handwerk der Stukkateure bewundert und von der Pike auf gelernt. Ich habe auch nie Design studiert, ich fing an mit Bildhauerei. Und dann bin ich gleich in die Höchsttechnologie der Aerodynamik eingestiegen. Bis hin zu Mach-24-Gasdissoziation, wo Gasmoleküle gespalten werden. Die Nasa berate ich ja heute noch darin. Ich bin sehr eigenartig erzogen worden, ich hatte nie Spielzeug, aber die wahnsinnigste Bastelkammer, die man sich überhaupt nur vorstellen kann: Da war alles drin! Und ich war mit fünf Jahren schon ein begnadeter kleiner Bildhauer. Deshalb habe ich es an der Kunstakademie nur vier Semester lang ausgehalten. Dann konnte mein Professor in der Bildhauerei mir nichts mehr beibringen!

          Sie hassen den Begriff Designer und nennen sich selbst einen „Form- oder 3D-Philosophen“. Wo ist der Unterschied?

          Wenn ich für die Nasa Flugzeuge entwerfe und sie konstruiere, dann bin ich ein Aircraft-Designer, das heißt: ein Konstrukteur. Derjenige, der die Außenform macht, ist ein Stylist. Voilà la différence! Wenn man den Begriff ins Deutsche übernimmt, hat es nichts mehr mit der Konstruktion zu tun, sondern bedeutet Styling im besten Sinne. Und weil ich meist in englischsprechenden, internationalen Regionen arbeite, habe ich mir dieses Wort abgewöhnt. Design war mir in seinem deutschen Sinn auch nicht korrekt genug. Ich beschäftige mich mit der gesamten formalen, dreidimensionalen Umwelt, daher kommt dieses vielleicht ein bisschen anmaßend klingende Wort 3D-Philosoph. Es trifft in der Essenz der Dinge aber genau auf das zu, was ich tue.

          Warum muss bei Ihnen eigentlich alles rund sein?

          Zunächst einmal wegen der Astrophysik: Wir leben auf einem runden Erdkörper. Es fliegt nicht ein einziger Koffer da oben herum, der eckig ist. Sämtliche Planeten sind mehr oder weniger rund. Rotationssymmetrie bestimmt alles dort oben. Selbst das Weltall ist ein rundes Gerät, von dem wir noch gar nicht wissen, wie es aussieht! Aber es explodiert unter unseren Füßen weg, so dass wir es nie wissen werden. Die zweite Erklärung lautet: Meine Vorfahren kommen nicht aus der Schweiz, sondern aus Kurdistan, väterlicherseits aus dem Norden des Irak. Dort gibt es einen Stamm, der gholani heißt. Aber das ist eine rein phonetische Geschichte, sie nennen sich Colani. Ich war sehr verblüfft, als ich sie einmal besuchte: Da habe ich mir einen Turban aufgesetzt, eine Kalaschnikow in die Knie gelegt - und sah aus wie diese Typen da! Ich war ganz erstaunt und erleichtert zu wissen, woher meine runde Formsprache kommt: Der Orient verbietet sich, das menschliche Antlitz darzustellen, von Allah oder von Gott, und hat sich in die Ornamentik, in die Arabeske geflüchtet. Das ist in meinem Blut vorhanden. Meine Formen sind arabesk im besten Sinne des Wortes. Und daher rund.

          Von der Zahnbürste über den Toilettensitz bis hin zu Flugzeugen und Frachtschiffen haben Sie fast alles gestaltet. Laufen Sie durch Ihre Umwelt, sehen etwas, was Ihnen nicht gefällt, und machen sich daran, es zu ändern?

          Wenn ein Hirn trainiert, wenn es entfesselt wird, wenn man ihm die Chance gibt, zu spinnen, es nicht eindämmt, wie das in unseren Schulen geschieht, wo alles in dieselbe Margarine-Würfelform zusammengeprügelt wird, wenn das nicht geschieht, dann haben wir die Chance, uns mit dem, was uns umgibt, auseinanderzusetzen. Und das ist meistens Schrott. Weil ich von frühester Kindheit an von irrsinnigster Neugier war, habe ich mich mit Wissen versehen auf fast allen Gebieten. Es gibt nicht ein Gebiet, das ich nicht betreten habe, auf dem wir nicht die Weltspitze bearbeitet, manchmal verdrängt oder verändert haben. Ich lese tonnenweise Papier, ich ziehe mir alles Mögliche rein, was mich interessieren muss, um à la page zu bleiben. Ob das nun Tanker sind oder Hochgeschwindigkeitszüge oder neue Raketentechniken oder ein neues Metall, das man in Büstenhalter einbauen kann, was ein Memory hat.

          Trotzdem sind siebzig Prozent Ihrer Entwürfe nie in Serie gegangen.

          Es sind wahrscheinlich noch viel mehr, weil meine Archive voll sind. Das lag in der Struktur meiner Unternehmensführung und meiner Philosophie. Ich war sehr früh sehr reich. Für den einfachen Mann verfügte ich über Millionenbudgets und habe nie auf Aufträge aus der Industrie gewartet. Die waren mir einfach zu dämlich, ich muss es einmal so hart formulieren. Außerdem hätte die Industrie immer reingequatscht. Die engagieren einen, sagen: Hier, mach mal, du hast einen Namen und kannst das - aber wir wollen es so gemacht haben. Meine Standardantwort war immer: Wenn ihr es so gemacht haben wollt, dann nehmt doch einen Werkzeugbauer, der kostet ein Hundertstel vom Colani, und lasst euch das bauen. Entweder kommt ihr her, legt das Geld auf den Tisch, verschwindet wieder, und ich mache euch eure Sache so, wie ich es verstehe - oder ihr kommt gar nicht! Deshalb haben wir auch angefangen, wertfrei zu forschen. Wir sind ein Forschungsunternehmen mit vielen Verästelungen und Verzweigungen. Meine Archive sind so voll, ich könnte die gesamte europäische Industrie mit Dingen zuwerfen bis ins Jahr 2030.

          Sie entwerfen auf dem Papier und mit Knetmasse. Warum nicht am Computer?

          Der Computer ist noch nicht reif für Denkvorgänge. Er war eigentlich nie vorgesehen, denken zu können. Er ist eher ein hyperschnell ordnendes Gerät. Wenn ich eine Stecknadel in einem Heuhaufen suche, kann ich das mit dem Computer hervorragend machen. Da komme ich gar nicht hinterher. Der Chip, der den Computer regiert, ist ein flaches, kleines Viereck, manchmal so groß wie eine Briefmarke, wenn es sich um Superhirne handelt. Das ist eine eindimensionale Geschichte, eine Fläche. Wenn dieses komische Ding aber nun anfangen würde zu wuchern, wenn man etwas Hefe darunterrührte, und es würde hochgehen und zum Würfel werden - o Herr, da wäre dann natürlich das Hirn in argen Nöten und hätte einen ernsthaften Konkurrenten. Aber dazu müsste der Chip erst einmal dreidimensional werden. Vorher schlage ich jeden Computer mit Längen. Was die Kreativität angeht, nicht, was die Schnelligkeit angeht. Da kann ich nicht im Entferntesten mithalten. Da gehe ich am Stock.

          Viele Formen für Autos oder Flugzeuge haben Sie beim Tauchen den Fischen abgeschaut. Was sich blitzschnell in einem Medium wie Wasser bewegen kann, das achthundertmal dichter ist als Luft, hat auch die perfekte Form, um durch unsere Atmosphäre zu kommen. Lernen die Designer genug von dem, was die Natur in Jahrmilliarden entwickelt hat?

          Das Entwerfen ist eigentlich ein Hirnvorgang. Man kriegt eine Aufgabe gestellt oder stellt sie sich selbst, danach wird erst einmal das Terrain sondiert: Was hat die Natur getan, um auf eine Frage dieser Art eine Antwort zu finden? Und weil die Natur Milliarden Jahre Zeit hatte, mit Versuch und Verbesserung voranzugehen, wird man dort relativ schnell fündig. Wenn man sich, wie ich das kann, eines hervorragenden Mikroskops bedient. Dann nehme ich mir DIN-A4-Papier und einen wunderbar funktionierenden Schreiber und schmiere einen ganzen Block innerhalb von Stunden zu mit Metaphern, Randbemerkungen, grundsätzlichen Dingen. Jedes Problem ist eigentlich in ein paar Stunden gelöst. Sofern es lösbar ist. Meistens geschieht das bei mir in den sehr frühen Morgenstunden, wenn das Hirn ausgeruht ist. Dann knacke ich fast jede Denkaufgabe.

          Und wie geht es dann weiter?

          Nach der Arbeit auf Papier wechsle ich meist sofort in die dritte Dimension: Ich nehme Plastilin, modelliere das Ding im Maßstab 1:10. Das geht sehr schnell. Dann wird meist parallel dazu in einem großen Block Styropor mit dem heißen Draht geschnitzt und das Ding schon in der Rohform dargestellt - die eine Hälfte zumindest. Davon werden Schablonen abgenommen und auf die andere Seite übertragen, weil wir es meist mit symmetrischen Dingen zu tun haben, wie Automobilen, Flugzeug- oder Schiffsrümpfen. Das ist in groben Zügen der Gestaltungsvorgang, und er geht aus vom Melken der Natur. Mich hat einmal ein Besucher in meinem Schloss in Westfalen gefragt: Wo ist denn Ihre Bibliothek? Sie sprechen doch immer von einer Institutsbibliothek? Da habe ich den mit in den Garten genommen und ihm gesagt: Hier auf einem Quadratmeter Gartenboden finden Sie die ganze Welt der Höchsttechnologie, der Mechanismen, der Mechatronik, die feinsten konstruktiven Faserstränge, Hohlkörper, Rispen, Dolden, Knollen. Das sind die intelligentesten Verpackungstechniken und Konstruktionsverfahren! Sie Gehirnloser, verschwinden Sie aus meinem Leben. Sie haben mir eine falsche Frage gestellt!

          Sie sagen, Sie seien ohne Spielzeug aufgewachsen. Wäre das Ihr Rat an heutige Eltern? Den Kindern das Spielzeug wegzunehmen?

          Mein Rat ist: Kauft Knete für die Gören und Papier und Malzeug und lasst sie kreativ tätig sein, dann entfesseln sie sich! Kinder können spinnen. Das hat mich sehr interessiert, mich auch inspiriert und auf den Weg gebracht. Meine Eltern standen allerdings auch keiner wie auch immer gearteten Exzentrizität im Wege. Die haben mich am Arsch und Kragen genommen und überall hingeschleppt, wohin ich auch nur meinte, gehen zu wollen. Die haben also nicht nein gesagt, sondern immer ja! Mach, los, entfessele dich! Das ist wahnsinnig wichtig: Es sind ja doch die Eltern, die das Kind früh bestimmen. Ob sie es in Sandpapier einwickeln oder in weiche Seide. Das ist ein riesiger Unterschied.

          Sie sind jetzt achtzig Jahre alt. Haben Sie jemals zurückgeschaut?

          Sie haben das Wort Arbeit nicht erwähnt, ich finde das gut. Denn das, was ich tue, ist eigentlich eine unheimliche Gnade, die ich erfahren habe in meinem Leben. Eine Gnade, die nur ganz, ganz wenigen Menschen zuteil wird - ich kenne keinen anderen. Die Gnade, dass sie ihre Spinnereien und ihre Träume verwirklichen können und davon sogar noch honorig leben. Ich bin in außergewöhnlicher Verfassung, in physikalischer, in physischer und zerebraler sowieso. Das Hirn wächst bis zum Ende weiter, wenn man es fordert. Es geht also rund in den nächsten fünf Jahren, da ist der Teufel los bei uns, und ich werde einfach beweisen, dass das mit dem rein physischen Alter gar nichts zu tun hat. Ob das nun die Erotik ist oder die zerebrale Auseinandersetzung mit Fragen der Zeit. Das Verkalken kann man, wenn man asketisch lebt, aufhalten - und ich habe die Askese in Asien von der Pike auf gelernt. Ich habe die Zen-Leute in Japan an die Wand gedacht. Aber es ist eine Frage der Auseinandersetzung mit sich selbst. Ganz eindeutig! Sie können sich ins Bett legen und können sich in drei Monaten zu Tode denken. Aber es gibt Todgeweihte, die sich gesund gedacht haben. The power of spirit! Die Kraft des Geistes ist enorm, die kann wirklich Berge versetzen!

          Zur Person

          Luigi, eigentlich Lutz Colani wird am 2. August 1928 in Berlin als Sohn einer Polin und eines Schweizers geboren. Er studiert Bildhauerei in Berlin und Aerodynamik an der Pariser Sorbonne.

          Vom Flaschenöffner über die legendäre Poggenpohl-Kugelküche bis hin zu Riesentankern hat Colani fast alles entworfen. Vieles davon blieb Prototyp oder Entwurfsskizze. Seine abgerundeten Objekte mit fließenden, biomorphen Formen findet man auf der ganzen Welt. Größter Verkaufserfolg ist die digitale Spiegelreflexkamera von Canon.

          Colani hat lange Zeit für die Nasa und die europäische Luft- und Raumfahrt gearbeitet. 1972 baute er das 1,7-Liter-Auto. Sein Kunststoffrad von 1979 sieht heute noch aus wie die Rennmaschinen der Radprofis.

          Seit Jahren hat Colani eine Professur in Schanghai inne und baut dort die „Eco-City“, die in Form und Funktion ganz dem menschlichen Körper nachempfunden ist: eine Stadt wie ein lebendiger Organismus mit „grüner Lunge“, einem Kraftzentrum in der Mitte und Verkehrswegen als Blutbahnen.

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