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Im Gespräch: Klaus Doldinger : Ist die „Tatort“-Melodie ein Fluch, Herr Doldinger?

  • Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie

Wer in den letzten dreißig Jahren in Deutschland ferngesehen hat, wird Melodien von Klaus Doldinger im Ohr haben. Wir treffen den Jazzmusiker und Komponisten im Aufnahmestudio seines Hauses in Icking, nahe beim Starnberger See.

          Dave Brubeck ist gerade neunzig geworden, Emil Mangelsdorff sechsundachtzig. Beide spielen noch. Hank Jones war einundneunzig, als er im vorigen Jahr starb. Hält Jazz jung?

          Das könnte man meinen, auch wenn es genug Gegenbeispiele gibt. Der Jazz ist anscheinend so etwas wie eine treibende Kraft, mit der man spielend ein hohes Alter erreichen kann.

          Würden Sie sich selbst denn überhaupt noch als Jazzmusiker bezeichnen?

          Man schätzt mich so ein. Mir selbst genügt Musiker. Ich war immer ein Musikant und als Komponist und Saxophonist eigentlich Autodidakt. Ich habe zwar Musikwissenschaft studiert, am Konservatorium zehn, zwölf Jahre Klavierunterricht gehabt, mal ein halbes Jahr Klarinette gelernt, Gehörbildung, Kontrapunkt, was man so macht am Düsseldorfer Robert-Schumann-Konservatorium. Dieses breite Fundament hat mir den Weg in den Jazz erleichtert. Als Kind bei Kriegsende habe ich meinen ersten Blues gehört. Ich glaube, das alles war eine gute Basis. Seminare oder eine Ausbildung an der Berkeley School waren nicht nötig.

          War der Jazz Protestmusik? Etwas, womit man sich vom Elternhaus absetzen konnte?

          Absolut, wir fühlten uns schon irgendwie gegängelt und unterdrückt. Der Blues war da genau das richtige Mittel. Man spürte natürlich, dass die schwarzen GIs ein Problem hatten, auch wenn man nicht so genau wusste, um was es eigentlich ging. Die Auseinandersetzung zwischen Schwarzen und Weißen war uns ja ganz fremd. Aber etwas davon konnte man auf sich selbst beziehen und seine gelegentliche Wehmut in die Musik legen.

          In den fünfziger Jahren gab es ja nicht nur eine strikte Trennung zwischen den Fans von Jazz und Rock 'n' Roll, sondern auch von Hotjazz-Enthusiasten und Verfechtern der Bebop-Richtung. Sie bilden da wohl eine Ausnahme?

          Diese Gegenwelten des Jazz haben sich mir nie erschlossen. Ich hatte das Glück, nach dem Abitur 1957 gleich in eine professionelle Band einzusteigen. Allerdings kam es bei mir dann sehr früh zur Begegnung mit Musikern aus ganz anderen Richtungen. Und mein Gefühl sagte mir, ich sollte auch der Tradition, dem Blues vor allen Dingen, verbunden bleiben. Wir haben in der Quartettbesetzung im Gegensatz zum damals üblichen Cooljazz auch schon mit Hammondorgel und mit Rhythmen gespielt, die man heute als groovy bezeichnen würde. Siggi Loch hörte uns damals auf dem Düsseldorfer Amateurfestival und produzierte später mit uns das erste Album „Jazz made in Germany“, was dann praktisch auch schon der Durchbruch war.

          Hat man sich für Sie damals mehr als Spieler interessiert oder als Komponist?

          Das Spielerische stand im Vordergrund. Als Komponist hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht profiliert. Spielerisch habe ich mich im Jazz auch deshalb weiterentwickelt, weil ich ganz früh schon mit den größten Musikern zusammen musizieren konnte. Mir ist gerade wieder ein Video untergekommen, da spiele ich mit Max Roach und Abbey Lincoln die „Freedom Suite“. Das war ein unglaublicher Auftritt, anfangs der sechziger Jahre in Koblenz bei einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Bevor das erste Album herauskam, sind wir als Quartett schon im Vorprogramm zu Miles Davis in Juan-le-Pins aufgetreten. Um so etwas zu erreichen, musste man an keiner Schraube drehen. Das war ja das Verrückte. Heute glaubt jeder, er brauche ein gutes Management und Marketing. Damals hat sich alles irgendwie von selbst ergeben.

          Miles Davis hat man den Vorwurf gemacht, seine Wende zum Rockjazz sei von Schallplattenbossen angeregt worden, er selbst hätte ganz andere Musik machen wollen. Wie ist das bei Ihnen gewesen? Gab es Einflüsse von außen, möglicherweise von Siggi Loch, sich in eine bestimmte musikalische Richtung zu bewegen?

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