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Im Gespräch: Ismail Kadare : Glauben Sie noch an die Nation, Herr Kadare?

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Ismail Kadare Bild: Burkhard Neie/xix

Paris, Boulevard Saint Michel, ein mondänes Gebäude im Stil des Barons Haussmann. Ismail Kadare blickt aus dem Fenster, hinaus auf den Jardin du Luxembourg, in den er jeden Morgen flieht, um nachzudenken.

          Was ist der Unterschied zwischen Nation und Heimat?

          Die Heimat beherbergt Patrioten - und Patrioten gibt es, bevor eine Nation geboren wird. Die Patrioten eint Kultur und Sprache, es gibt Einverständnis darüber, was die Nation einmal sein könnte und sollte. Die albanischen Patrioten hatten sich, bevor es Albanien gab, die Marseillaise als Hymne ausgesucht. Sie war das Symbol für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Als Modell für ein Staatswesen galt die Schweiz. Warum? Weil sich dort Leute zusammengetan hatten, die in drei unterschiedlichen Sprachen redeten. Das hat die Albaner beeindruckt. Die Nation ist ein Gebilde mit Grenzen. Die Heimat kennt keine Grenzen, sie reist mit, wenn der Patriot das Land verlassen muss.

          Hat Heimat demnach eher mit Gefühl als mit Geographie zu tun?

          Sie hat etwas mit Patrioten und Patriotismus zu tun . . .

          Unterstützer der Albanischen Demokratischen Partei feiern im Mai 2011 ihren Wahlsieg
          Unterstützer der Albanischen Demokratischen Partei feiern im Mai 2011 ihren Wahlsieg : Bild: dpa

          In der deutschen Sprache wird das bisweilen mit „Vaterlandsliebe“ übersetzt.

          Also mit Emotionen. Ihr deutscher Begriff Heimat weist aber, glaube ich, auch auf Kultur hin und auf die von ihr getragenen Traditionen. Sie hat nichts zu tun mit Chauvinismus oder gar Rassismus, mit dem die Faschisten sie der Zerstörung preisgaben. Die Begriffe Patriotismus und Heimat sind zu unterscheiden von dem des Nationalismus.

          Der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll sagte sinngemäß: „Meine Sprache ist meine Heimat.“ Wenn in Bölls Bekenntnis das Wort „Heimat“ durch den Begriff „Nation“ ersetzt würde, ergäbe das noch einen Sinn?

          Ich kann Bölls Aussage nur unterstreichen. Aber was er gesagt hat, ist für einen Schriftsteller normal. Zumal, wenn er - wie ich - in einer Diktatur leben musste. Ich war ein normaler Schriftsteller in einem anomalen Land. In der Diktatur bleibt dem Dichter als Heimat tatsächlich nur die Sprache. Das hat dazu geführt, dass wir viel gelesen haben. Zu viel. Die Realität verschwand hinter den Büchern.

          Was ist nun die Nation für einen Mann vom Balkan? Beherbergt die Nation die Heimat?

          Normalerweise sollte niemand mit einem Mann vom Balkan über den Begriff der Nation reden. Das führt automatisch zu Missverständnissen. Wir alle auf dem Balkan - Kroaten, Serben, Bosnier, Albaner - hatten immer eine Heimat, eine Nation hatten wir nicht. Das Osmanische Imperium sah den Status Nation für uns nicht vor. Das war verboten. Das Konzept des Osmanischen Reiches war die Vorherrschaft des Islam, es war sozusagen ein internationalistisches Konzept auf Religionsbasis. Als die Türken abziehen mussten, kamen die Kommunisten. Auch der Kommunismus ist kein nationales Konzept, sondern ein internationales. Unter Enver Hodscha sprachen wir nicht von der albanischen Nation, sondern wir waren Teil der kommunistischen Internationalen. Was die Leute nach dem Fall Hodschas verwechselten, waren die Begriffe Freiheit und Nation. Die gewonnene Freiheit hat sich nach Befreiung und Nationwerdung zum Teil in üblen Formen ausgedrückt. Uns ging es wie einem Menschen mit schlimmer Kindheit: In dem Moment, in dem er erwachsen, also frei wird, hat er sich vielleicht zu einer bösartigen Kreatur verformt. Bei uns in Albanien überlagern sich im Moment immer noch Gutes und Schlechtes.

          Was die Albaner unter anderem bis heute eint, ist die Vernachlässigung der Religionszugehörigkeit. Nicht nur, weil Hodschas Albanien dreißig Jahre lang der einzige absolut religionsfreihe Staat der Welt war, sondern weil die Frage schon vorher, auch unter der Türkenherrschaft, keine Rolle gespielt hatte für die albanische Identität. Gilt das heute noch?

          Ja. Das ist etwas, auf das wir wirklich stolz sein können. Es ist in der Tat ein Modell, an dem sich andere Nationen ein Beispiel nehmen könnten. Wir haben Muslime, Orthodoxe und Katholiken. Wir hatten bis vor einigen Jahrzehnten auch noch Juden - die wir übrigens, im Gegensatz zu vielen anderen Völkern Europas, beschützt und in Sicherheit gebracht haben vor den nationalsozialistischen Häschern. Für unser Zusammenleben haben diese Religionszugehörigkeiten absolut keine Rolle gespielt. Ich selbst entstamme einer Familie die sich dem Derwisch-Orden der Bektaschi zurechnete - für mein soziales und kulturelles Leben ist das immer unwichtig gewesen.

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