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Im Gespräch: Dieter Wieland : Wie kaputt ist unser Grün heute, Herr Wieland?

  • Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie

Seine Dokumentationen haben nicht nur Fernsehgeschichte geschrieben, sondern Häuser, Städte und Landschaften gerettet. Wir treffen Dieter Wieland in seinem Haus am Staffelsee . Seine elegische Stimme legt sich mit leichtem Vibrato über den Sommernachmittag.

          Ihren legendären Kampf gegen die Krüppelkoniferen haben Sie gewonnen.

          Sie wurden damals zu Tausenden geschreddert, was mir schon fast leid tat. Aber sie sind wieder im Kommen. Ich denke, die Umweltminister werden hohe Bäume verbieten, weil sie die Solaranlagen beschatten.

          Im Ernst: Es ist nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima eine Diskussion in Gang gekommen, in der sich viele Argumente wiederholen. Frühe Grüne wie Sie müssen sich bestätigt fühlen.

          Wir waren schon einmal an einem Ende angekommen, jetzt sind wir wieder an der gleichen Stelle. Dass das jetzt plötzlich wieder aktuell wird, ist besonders langweilig für einen, der das vor vierzig Jahren schon gesagt hat. Man fühlt sich überrumpelt. Es ist schwierig, wenn man seiner Zeit zu weit voraus ist. Das bringt keine Auflage.

          Sie kokettieren. Mehr Wirkung als Sie kann man als Fernsehjournalist kaum entfalten.

          Das war damals schon ein Glücksfall, wenn jemand am Sonntag um 19 Uhr eine Sendung eingeschaltet hat, in der man angenehme Heimatgeschichten erwartete – und dann kam plötzlich eine kalte Dusche. Zu viel Wahrheit, die man gar nicht wissen wollte. Nach 1989 wurde Deutschland völlig umgedreht. Recht bekommen haben die, die das große Geld machen wollten. Ich kann mich noch gut erinnern, als der Etat des Bundesverkehrsministers gerade ausreichte, um die Reparaturen des Autobahn- und Bundesstraßennetzes zu bezahlen. Jetzt reparieren wir bereits die Straßen der deutschen Einheit. Und sind immer noch dabei, durch schönste Landschaften wie das oberbayerische Isental Autobahnen zu planen. Die Bürgerinitiativen tragen nach dreißig Jahren graue Bärte. Sie werden am Ende von den Gerichten gekippt, denn rechtlich stimmt alles. Warum soll man also diese Autobahn nicht bauen? Sollten die Fledermäuse wirklich Schaden erleiden, baut man eben für hundert Millionen noch einen Tunnel. Wir sind reich geworden durch Naturzerstörung. Wir machen weiter. Wie wollen Sie so eine Geldmaschinerie aufhalten?

          Die Zersiedelung geht ungebremst weiter. Warum tun die Deutschen so als hätten sie Landreserven wie die Amerikaner?

          Wir haben keinen Städtebau, keine Städteplanung, keine Siedlungspolitik. Vor vierzig Jahren, als Max Streibl der erste Umweltminister eines Bundeslandes war, hieß es in Bayern: Entwicklung nur entlang der Eisenbahn. Das genaue Gegenteil ist passiert, die Wirtschaft hat sich entlang der Autobahnen angesiedelt. So ist das ganze Land einfach dem Auto überlassen worden. Politische Lenkung sieht anders aus. Dabei gab es viele Jahrhunderte, in denen man in Europa Städte projektierte, wie sie sein sollten, auch wenn die Bevölkerung noch gar nicht da war.

          Dazu zählen etwa Landshut und Regensburg. Beide Städte sähen heute ohne Ihren Kampf für Denkmalschutz anders aus.

          Ich bin in Landshut aufgewachsen und hänge sehr an der Stadt. Die Folgen der Zersiedelung sind auch dort massiv. Noch dazu hat die Stadt finanziell nichts davon, weil die Gewerbegebiete den Randgemeinden gehören. Historisch gesehen ist Landshut ein gutes Beispiel dafür, wie es anders ginge. Die Freyung wurde 1338 als Stadtteil angelegt, der ausschließlich Neubürgern vorbehalten war, zehn Jahre Steuerbefreiung inklusive. So hat man immer wieder die Stadt erweitert, aber mit genau bemessenen Grundstücksgrößen. Da gab es jemand, der sagte, wie es werden soll. Heute überlassen wir alles der Entscheidung des Marktes. So verurteilt man aber Leute, zwei bis drei Stunden im Auto zu sitzen, weil die Politik unfähig ist, eine Stadt für Familien anzubieten.

          Der Zuzug hält aber trotzdem an, auch wenn es Familien aus der Stadt treibt.

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