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Im Gespräch: Benoît Poelvoorde : Wollen Sie wirklich aufhören, Monsieur Poelvoorde?

  • Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie/xix

Er stammt aus Belgien, studierte Kunst und war Comiczeichner, bevor er mit komischen Rollen in Frankreich bekannt wurde: Der Schauspieler Benoît Poelvoorde spricht über das Spielen ohne Distanz, sein Doppelkinn und den letzten klassischen Kinofilm.

          Benoît Poelvoorde wartet in der Lobby eines Hotels in Brüssel. Es ist vierzehn Uhr, er trinkt ein Bier und rutscht in seinem Sessel hin und her. Er spricht schnell und viel und geht zwischendurch draußen eine Zigarette rauchen.

          Monsieur Poelvoorde, weil Sie in Belgien und in Frankreich sehr bekannt sind, aber in Deutschland nicht so sehr . . .

          Ich war schon mal in Deutschland, zur Premiere meines ersten Films „Mann beißt Hund“.

          Das ist lange her, das war . . .

          Ja, lange her. Welcher von meinen anderen Filmen in Deutschland gelaufen ist, weiß ich gar nicht. Nur für „Mann beißt Hund“ war ich in ein paar deutschen Städten, aber der Film kam nicht gut an bei den Deutschen. Ich glaube, er war zu gewalttätig. Ich erinnere mich an eine Pressekonferenz, ich glaube in Frankfurt, bei der irgendjemand auf die Konzentrationslager zu sprechen kam, und wir unsere Ansicht verteidigten, dass man über alles lachen darf. Am Ende hat sich der Übersetzer mit einem Journalisten geprügelt, wir mussten den Saal verlassen. Jedenfalls ist der Film in Deutschland nicht gut gelaufen.

          Im Gegensatz zu Frankreich, wo man ihn sehr schnell zum Kultfilm erklärt hat. Wenn man Sie also bitten würde, sich den Deutschen einmal vorzustellen, was würden Sie sagen?

          Also erst einmal: Ich bin Belgier - von den Franzosen nur adoptiert. Ich bin Schauspieler, obwohl, am Anfang war ich gar kein Schauspieler, jedenfalls habe ich keine Schauspielausbildung. Im Kino bin ich dann vor allem für meine komischen Rollen bekannt geworden, und dann hat mich das französische Kino auch in tragische Rollen geführt. Wie immer.

          Wieso wie immer?

          Weil in Frankreich viele Leute denken, dass es ehrenwerter ist, etwas Seriöses zu machen als etwas Lustiges. In Frankreich wird das Komische gemocht, aber nicht respektiert. Man muss immer erst durch eine dramatische Rolle gegangen sein, um geachtet zu werden. Und dann erntet derjenige den Lorbeer, der erkannt hat, dass Sie in der Lage sind, eine dramatische Rolle zu spielen.

          In Ihrem Fall war das Anne Fontaine.

          Nein, eigentlich war es Benoît Mariage. Aber er ist Belgier. Im französischen Kino war Anne Fontaine diejenige, die mich Dinge hat tun lassen, die ich vorher nicht gemacht habe.

          Beispielsweise Liebesszenen drehen? Sie hatten sich jahrelang geweigert, im Film eine Frau zu berühren.

          Ja, Liebesszenen habe ich mit Anne Fontaine zuerst gedreht. Aber ich habe bei ihr auch das erste Mal Menschen gespielt, die ganz leise sprachen, die mehr raunten als redeten. Vorher war ich ein Komiker, der gern und viel gebrüllt hat. Ich ähnelte eher Louis de Funès als Gérard Philippe. Vor allem in „Entre ses mains“ habe ich aber mit ganz tiefer Stimme gesprochen, ich hasse das, aber ich hab's gelernt. Früher dachte ich immer, was nutzt es, Filme zu machen, wenn man in ihnen redet wie im normalen Leben. Aber ich war jung, jetzt bin ich älter geworden.

          Anne Fontaine hat einmal über Sie gesagt, Sie seien „ein existentieller Komiker, ein Schauspieler, der nicht spielt“.

          Das ist ein typischer Anne-Fontaine-Satz. „Existentiell“, was soll das heißen? Jeder ist existentiell. Aber dass ich nicht spiele, das stimmt. Ich verstelle mich nicht. Egal, welche Situation du mir gibst, ich werde mich nicht coachen lassen oder üben, ich denke nicht nach, ich lasse mich stumpf auf die Situation ein. Anne Fontaine sagt, ich würde nicht spielen; es wäre aber besser zu sagen, ich denke nicht nach. Ich muss es fühlen. Das funktioniert für alles, und es ist nicht kompliziert. Es reicht, in die Kamera zu sprechen und keine Angst vor den Menschen um dich herum zu haben. Je schneller du dich darauf einlässt und jetzt beispielsweise der Typ bist, der eine Frau umbringt, desto besser. Wie würde ich reagieren, wenn ich eine Frau umbringen würde? Ich versetze mich in diesen Menschen hinein.

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