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Halloween-Favoriten : Sie haben uns alle zum Fressen gern

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Von allen Untoten ist der Zombie am ehrlichsten. Seine Gier maskiert er nicht wie der noble Vampir, sondern zeigt sie auf bissige Weise. Deshalb ist er das Monster der Stunde - und erlebt vollkommen zu Recht ein Comeback.

          Nun steigen sie wieder aus ihren Gruften und Gräbern. Ihre Särge sind leer, weil die Nacht sie ruft. Sie streifen durch unsere Straßen, die Untoten; Horden sind es, Vampire und Mumien, Werwölfe, Geister und Hexen. Die Gier treibt sie vor unsere Türen, und dort recken sie uns ihre fordernden Hände entgegen. „Süßes oder Saures!“, gellt ihr Ruf zu Halloween. Zeit für den Ablass.

          Schwer, nicht vom Glauben abzufallen, wenn in der Nacht vor Allerheiligen die Kleinen den großen Budenzauber amerikanischer Folklore begehen. Halloween, das ist die Gruselversion der Allerseelen-Idee: durch Fürbitten und gute Taten das Leid der Toten im Fegefeuer lindern. Dabei schmoren wir, die von kichernden, Süßigkeiten schnorrenden Monstern Heimgesuchten, doch selbst schon im Purgatorium der postmodernen Kulturverwurstung.

          Der Zombie als Entertainer

          Wir haben es aber auch nicht besser verdient, das dämonische Amüsement der Kinder ist ja ein hübscher Reflex unserer eigenen Verfassung. Im Zuckerwerk grabschenden Halloween-Kid dürfen wir den gespenstischen Wiedergänger der allgemeinen Bereicherungsmentalität begrüßen. Und wenn der Kleine dann auch noch zerlumpt und halb verwest, mit Bissspuren und Einschusslöchern auf der Haut, vor unserer Tür auftritt, dann haben wir die emblematische Figur des Zeitgeists vor uns: den Zombie.

          Halloween steht vor der Tür: Die Nacht der Kürbisse läuft Allerseelen den Rang ab
          Halloween steht vor der Tür: Die Nacht der Kürbisse läuft Allerseelen den Rang ab : Bild: dpa

          Den Zombie? Jene Figur aus der haitianischen Volkskultur? Dieser Verfluchte, den man mit Drogen betäubte, damit er als willenloses Geschöpf Frondienste verrichten konnte? Von den Verheerungen der Kolonialgeschichte ist am von Kunstblut gesprenkelten Kinderkostüm nicht mehr viel abzulesen, höchstens die Einsicht, dass einen auch das globale Marketing mit seiner Halloweenseligkeit zur Spaßmarionette versklaven kann.

          Lebendig in den Zwangsverhältnissen begraben

          Aber als Darsteller des historischen Schreckenstheaters von Sklaverei, Terror und Fremdherrschaft nehmen wir den Zombie nur noch am Rande wahr. Dafür ist der marode Ghul viel zu sehr Entertainer geworden auf den Bühnen der populären Angstkultur. Seit den Anfängen der Unterhaltungsmoderne schätzt man ihn als dienstbaren Geist der Schreckerzeugung, und seitdem mampft er sich wacker durch die Genres und Medien.

          Gerade im Film macht der Zombie bereits seit den frühen dreißiger Jahren eine gute ungute Figur. In „White Zombie“ von 1932 tritt er als ein Lohnsklave auf, den ein korrupter Fabrikant bis zum Umfallen für sich schuften lässt. Der lebendig in den Zwangsverhältnissen Begrabene war er also von Anfang an, und dieser Zug zur holzschnitthaften Ideologiekritik treibt den Zombie durch die Kinogeschichte.

          Sicherheit nur noch im Medienknast

          Zum vielzitierten Tableau verdichtet sich der Gedanke von der Zurichtung des modernen Zeitgenossen spätestens 1978 in George A. Romeros Film „Dawn of the Dead“. Da verschanzt sich ein Grüppchen Überlebender in einem Supermarkt und trägt dort letzte Kämpfe mit dem abgestorbenen Humanum aus. In den zwischen Regalen umherstaksenden Leichen mussten sich - gerade in den von linker Konsumkritik beschallten Siebzigern - all jene wiedererkennen, denen das Unbehagen an der Mehrwertsteigerung gehörig auf den Magen schlug.

          Heute ist es vor allem der Fernsehzuschauer, der das Verblödungspotenzial der Verhältnisse bis zum Hirntod am eigenen Leib erfährt. Der Zombie wirkt auch hier als Spiegelfigur und Korrektiv, ja er wird zum Helden einer ebenso raffinierten wie abgezockten Selbstläuterung des Mediums. In der 2008 ausgestrahlten britischen Fernsehserie „Dead Set“ zum Beispiel stellen die Bewohner eines „Big Brother“-Containers fest, dass der Rest des Landes nur noch von menschenfressenden Leichen bevölkert wird. Sicherheit gibt es nur noch im Medienknast. Schöner kann man das Eingeschlossensein in die Strukturen der Aus- und Bloßstellungsgesellschaft nicht darstellen.

          Auch die neue, gerade in Amerika gestartete Fernsehreihe „The Walking Dead“ präsentiert eine treffende Pathologie unseres Gemeinwesens. Da kämpft ein Polizist mit seiner Familie ums Überleben, muss aber feststellen, dass sich menschlicher Selbsterhaltungstrieb und moralische Kategorien unter Umständen gefressen haben. Im postapokalyptischen Amerika interniert sich die Restmenschheit selbst in Camps - klar, dass die jenseitigen Kannibalen aus der Perspektive des antifaschistischen Widerstands irgendwann das kleinere Problem darstellen.

          Der Zombie als Massenphänomen

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