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Gleichberechtigung : Frühjahrsoffensive der Teilzeitamazonen

So friedlich geht es unter Frauen nicht immer zu: Mütter und Kinder auf einem Spielplatz im Frankfurter Holzhausenviertel Bild: Helmut Fricke

Der Lieblingsfeind von Frauen sind Frauen. Das ist angesichts der Tatsache, dass sie nach wie vor auf der Seite der Diskriminierten stehen, absurd. Eigentlich müssten Frauen wütend protestieren. Gemeinsam. Warum nur tun sie das nicht?

          Die Spielplatzsaison hat begonnen. Das bedeutet, dass man nun wieder ganz entspannt beobachten kann, wie Mütter einander zwischen Rutschen, Klettergerüsten und Schaukeln bekriegen, während ihr Nachwuchs glucksend im Sandkasten buddelt. Inmitten der vermeintlichen Idylle hört man Sätze wie: „Was, deine Kleine kann noch nicht sprechen? Mach dir keine Sorgen, das kommt schon noch.“ Oder: „Nette Latzhose, H & M? Ich finde ja die Kinderboutique um die Ecke großartig.“ Vollzeitmütter treten gegen Karrieremütter an, Öko-Mamis gegen Fertignahrung-Mamis, gestylte Mütter gegen ungestylte Mütter, Frühgebärende gegen Spätgebärende.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kinder sind bekanntlich Statussymbole. Je wohlgeratener, talentierter, niedlicher sie sind, desto besser kann man sie der Öffentlichkeit vorführen. Manche tun das, als handele es sich um den kürzlich erworbenen Sportwagen. Die Botschaft: Schaut her, ich bin eine perfekte Mutter! Für dieses Phänomen gibt es eine Bezeichnung, sie lautet „Mommy Wars“. Die Autorin Ayelet Waldman hat am eigenen Leib erfahren, wie man sich als Zielscheibe übler Beschimpfungen fühlt, nachdem sie in einem Artikel der „New York Times“ gestand, dass sie die erotische Transformation einer Mutter nicht durchlaufen habe und ihren Mann mehr liebe als ihre Kinder. In ihrem Buch „Böse Mütter“ schreibt Waldman: „Die Mütterpolizei war sofort zur Stelle. In den tiefsten Niederungen der Blog-Kommentarstränge verkündete sie, dass ich verrückt sei, bösartig und gefährlich, und dass man mir die Kinder wegnehmen solle . . . Die New-York-City-Spezialeinheit der Mütterpolizei, die Kampfzicken von UrbanBaby.com, schlugen ihre spitzen, kleinen Schneidezähne in meine Waden.“

          „Was für eine Generation wird da herangezogen?“

          Der Lieblingsfeind von Frauen sind Frauen. Das ist bekannt, doch es trat einem lange nicht so klar vor Augen wie im Moment. Frauen vernichten publizistisch die Lebensmodelle ihrer Geschlechtsgenossinnen, weil sie nicht ihrem eigenen Karrieredenken und Lebensstil entsprechen, sie stempeln sie als Liebesbesessene ab, unterstellen ihnen Mädchengetue, Naivität, Feigheit. Sie beschimpfen sie als dumm und unfähig, sobald sie es wagen, andere Werte als sie selbst zu vertreten, und nicht vor ihnen, den Kämpferinnen der Frauenbewegung, auf die Knie fallen. Sie lassen im Internet Hasstiraden los und beschimpfen auf Mama-Blogs Mütter, dass einem schwindlig wird.

          Aufstiegschance in der Politik genutzt: Die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU)
          Aufstiegschance in der Politik genutzt: Die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) : Bild: dpa

          Beim Thema Einsamkeit liest sich das zum Beispiel so: „Lieber einsam als mich mit oberflächlichen lifestyle Müttern rumplagen, denen ihre Kinder eine zu große Last bedeuten und die am liebsten jeden Tag bei irgendjemand deponiert werden! Tägliches Wehklagen über die ach so anstrengenden Kinder, welche aber ja nie wirklich zu Hause sind. Was für eine Generation wird da herangezogen? Mein Haus ist offen für die Freunde meiner Kinder, der Rest darf draussen bleiben! Ich bin ja keine Gratiskinderhütestelle! Leider braucht es immer noch keinen Ausweis um Kinder zu kriegen, bei den Hunden sind wir etwas weiter.“ Waldman verweist in ihrem Buch auf eine Untersuchung der Universität von Maryland, der zufolge Frauen im Internet fünfundzwanzig Mal öfter das Ziel von bösartigen Angriffen werden als Männer.

          Die Bissigkeit der alten Fregatten

          Auch im Berufsleben sind die Teilzeitamazonen sehr aktiv, nur schweigen die Frauen selbst lieber darüber, um dem Zickigkeitsvorwurf zu entgehen. Isabelle Kürschner von der Hanns-Seidel-Stiftung schreibt in einer Studie über Frauen in der CSU, dass sich die Diffamierungen häufig auf die persönlichen Lebensentwürfe bezögen, „ganz gleich, ob sich eine Politikerin für das Leben ohne Familie oder die Vereinbarkeit von Politik und Familie entscheidet oder noch so jung ist, dass sie noch keine diesbezügliche Wahl getroffen hat“. Selbstverständlich führen auch Alter und Aussehen zu Gefechten unter Frauen, auf dem Schulhof ist das früher nicht anders gewesen, nur dachte man - etwas naiv vielleicht -, diese Zeiten seien endgültig vorbei.

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