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Veröffentlicht: 11.04.2007, 11:47 Uhr

„Die Sopranos“ Die Mafia trägt Morgenmantel

In Amerika sind „Die Sopranos“, eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten, in ihre letzte Runde gegangen. Hierzulande sind sie gescheitert - ein Skandal mit Gründen. Eine Hommage von Tilmann Lahme - und ein Plädoyer für die DVD.

von Tilmann Lahme

„Dad, bist du eigentlich in der Mafia?“ „Das ist doch Blödsinn - wir sind eine ganz normale Familie, so wie unsere Nachbarn, die Cusamanos.“ „Finden die Cusamano-Kinder auch 50.000 Dollar in Gold und 45er-Automatik-Pistolen, während sie Ostereier suchen?“ Der Zweifel nagt an der Sechzehnjährigen, und bald erreicht sie Gewissheit: Ihr Vater ist nicht „Berater in der Abfallbranche“, sondern Mafiaboss von New Jersey. Was sie und ihren jüngeren Bruder nicht daran hindert, die Eltern mit den üblichen Problemen zu traktieren: Aufsässigkeit, schlechte Noten, falsche Freunde, Drogen- und Alkoholexperimente. Kein Wunder, dass Tony Soprano deprimiert ist, unglücklich und genervt von familiärem Ärger und den auf Treue abzielenden Ansprüchen seiner Frau, und auch die Freude an seiner „Arbeit“ hat er verloren. Schließlich bricht er zusammen. Panikattacke, so die Diagnose, eine Therapie ist nötig.

So sitzt er also, dick und gefährlich, in der Praxis der Psychiaterin Dr. Melfi, die, wie nahezu jeder in New Jersey, weiß, wen sie vor sich hat. Ein Mafioso auf der Therapiecouch. Auf dieser Grundidee basiert jene Serie, die zu Spitzenzeiten 18 Millionen Zuschauer in Amerika sahen, die mit Preisen überhäuft (18 Emmy-Awards und fünf Golden Globes bisher) und von vielen Kritikern als die großartigste in der Fernsehgeschichte angesehen wird. Zu den wirtschaftlich erfolgreichsten gehört sie in jedem Fall: Allein die Vergabe der Rechte, Wiederholungen der „Sopranos“ auszustrahlen, soll dem Sender HBO 215 Millionen Dollar eingebracht haben. In Deutschland jedoch sind „Die Sopranos“ nur auf DVD ein Erfolg. Im Fernsehen wurden sie rasch in die Nacht verschoben und dann aus dem Programm genommen.

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Amerikanische Verwandte der Buddenbrooks

Der Vater des amerikanischen Erfolgs heißt David Chase. Der Drehbuchautor und Regisseur schuf eine filmische Erzählung, die er konträr zu den herkömmlichen Erfolgsrezepten konzipierte - entsprechend schwer fiel es ihm vor Jahren, seine Idee an einen Sender zu bringen. Kaum eine Figur ist attraktiv, weniger noch sind sie sympathisch, laden ein zur Identifikation. Es geht nicht um Gut gegen Böse, sondern um den Widerstreit von Gut und Böse innerhalb der Menschen, wobei das Böse, Niedrige zumeist die Oberhand behält - wenig verwunderlich bei einer Mafiaserie, aber suggeriert wird: Es gilt überhaupt. Das eigentliche Thema ist aber nicht das Verbrechen, sondern die Familie - die Sopranos sind amerikanische Verwandte der Buddenbrooks, eine funkelnde Satire auf die moderne westliche Welt. Das wirklich Böse hat nicht den Finger am Abzug, sondern haust in der Einfamilienidylle mit Doppelgarage.

Bereits nach wenigen Folgen weiß man einiges über den brutalen, verschlagenen, aber gelegentlich durchaus charmanten Mafiaboss, brillant gespielt von James Gandolfini, der sich die in der Rolle angelegte zunehmende Verfettung Tonys teuer bezahlen ließ, zum Schluss mit einer Million Dollar pro Folge. Er hat Probleme mit seiner Familie ebenso wie mit seiner „Familie“, die schlimmsten mit seiner abgrundtief bösartigen Mutter. Auch persönlich ist er bald als Mörder aufgetreten, ohne dass man ihm, erschreckenderweise, alle Sympathien entzieht. Gerade aus der Ambivalenz des Mannes, der in der Therapie mit dem Dämon der übermächtigen Mutter ringt und wenig später kaltblütig einen Mord begeht, zieht die Serie ihre Stärke.

Dr. Melfi bleibt ungerächt

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