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Die New Yorker Jahre : Der nackte Bürger Ai Weiwei

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Ai Weiwei und Yan Li 1985 vor dem World Trade Center: „Machen wir ein Nacktfoto!” Bild: Yan Li

„Du bist doch gerade noch in deiner Jugendzeit, da will man irgendetwas tun“: Wer den Künstler Ai Weiwei verstehen will, der muss sich mit seinen frühen Jahren in Amerika beschäftigen. Ein Freund berichtet über diese Zeit.

          Wenn man das Werk von Ai Weiwei diskutiert, muss man mit seinem rebellischen Geist beginnen, mit seiner Wildheit. Der Künstler wurde im August 1957 in Peking geboren. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein Vater, der Dichter Ai Qing, mit der Familie in ein Dorf in der Region Xinjiang im äußersten Westen von China verbannt. Fünf Jahre lang musste der kleine Weiwei mit seinem Vater jeden Tag vierzig Toiletten und Latrinen saubermachen. Später erzählte er, vielleicht etwas übertreibend, er habe sich erst mit siebzehn zum ersten Mal die Zähne geputzt.

          Ai Weiwei wurde 1978 in die Pekinger Filmakademie aufgenommen. 1981 gab er dieses Studium auf und ging nach New York. In Amerika belegte er zuerst in Philadelphia und dann in Kalifornien Sprachkurse. 1983 bekam er ein Stipendium für die Parsons School of Design in New York. Ein Jahr später fiel er bei einer Kunstgeschichtsprüfung durch, angeblich weil er die Lehrveranstaltungen zu oft geschwänzt hatte. Sein Stipendium wurde nicht mehr verlängert. Ai Weiwei verzichtete darauf, sich noch einmal einzuschreiben. Fortan lebte er illegal in New York. Zehn Jahre lang trieb er sich auf den Straßen des East Village herum, zusammen mit Schriftstellern, Sängern, Hippies, Fixern, Dieben, Hehlern, Buddhisten, Sikhs, Punks und Glatzen, „am Rand eines rauchenden Vulkans“, wie er es selbst ausdrückte.

          Ich selbst kam zum ersten Mal im Oktober 1988 nach Amerika. Der Dichter und Maler Yan Li, ein Mitglied der Pekinger Künstlergruppe „Sterne“, brachte mich damals mit Ai Weiwei zusammen. Bevor ich in seine New Yorker Wohnung kam, war ich ihm so bereits mehrere Male auf der Straße begegnet. Wenn Weiwei jemanden zum ersten Mal traf, war da immer ein boshaftes und gleichzeitig schüchternes Lächeln auf seinem Gesicht. Er wurde sogar rot, während er daran dachte, wie er den Neuankömmling necken könnte. Schließlich sagte er zu jedem neu angekommenen Freund oder Bekannten oder Bekannten von Bekannten völlig unbewegt immer dasselbe: „Machen wir ein Nacktfoto! Wir sind in New York.“

          Ai Weiwei (rechts) und unser Autor Bei Ling (zweiter von links) 1989 auf einer chinesisch-amerikanischen Dichterkonferenz in New York
          Ai Weiwei (rechts) und unser Autor Bei Ling (zweiter von links) 1989 auf einer chinesisch-amerikanischen Dichterkonferenz in New York : Bild: Yan Li

          Schwarzhandel mit gebrauchten Kameras

          Damals war ich jung, frisch aus China angekommen und völlig verwirrt vom Durcheinander dieser Stadt. Innerlich war auch ich ein Rebell, aber sofort ein Nacktfoto in Frontalansicht, dazu war ich dann doch nicht bereit. Ai Weiwei erkannte natürlich sofort, dass ich noch ganz fremd und mir alles recht unheimlich war und sagte wieder mit seinem boshaft-gutmütigen Lächeln: „Wie wär’s mit einem Nacktfoto? Ziehen wir uns miteinander aus.“

          Als ich dann eine Weile mit ihm zusammen durch die Straßen geschlendert war, wollte ich mich bald wirklich ausziehen und von ihm fotografieren lassen. Aber dann wurde ich gerade noch rechtzeitig wieder nüchtern und konnte mich bremsen. Hätte ich ein paar Tage bei ihm gewohnt wie viele Freunde von mir, wäre ich seiner Kamera zweifellos nicht entgangen.

          In seiner Kellerwohnung (siebzig Quadratmeter für 700 Dollar Miete) betrieb Ai Weiwei einen Schwarzhandel mit gebrauchten Kameras. Er hatte diese Apparate von fliegenden Händlern erstanden, die ihre gestohlene Ware möglichst schnell wieder loswerden wollten. Mit der Zeit wurde Weiwei ein sehr geschickter Mechaniker und Kameraexperte. In seiner Wohnung lagen zahllose davon herum, die er reparierte und nachher an Freunde verkaufte.

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