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Der Politiker als Darsteller : Hört das Spiel denn nie mehr auf?

Angela Merkel vor einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt Bild: ddp

Die Pose gehört zur Politik wie die Bühne zum Theater. Aber welche Spielertypen gibt es, und warum haben unsere Spitzenpolitiker gerade jetzt ein Glaubwürdigkeitsproblem? Eine Polittheaterkritik.

          Im Jahr 2011 ist der Politiker endgültig zum rätselhaften Wesen geworden. Zwar gab es schon im vergangenen Jahr eine Reihe überraschender Rücktritte (Horst Köhler, Roland Koch) und politischer Kehrtwenden (Kundus-Affäre, Stuttgart 21). Neuerdings aber treffen wir fast täglich auf Standesvertreter, die sich öffentlich entschuldigen, ihre Meinung komplett revidieren oder zurücktreten.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Zugegeben, die politische Lage ist durch die arabischen Aufstände und die Katastrophe in Japan so krisenhaft wie selten. Aber gerade solche Situationen sind ja häufig schon zur Geburtsstunde entschiedener Politik geworden. Das Gegenteil ist jedoch momentan der Fall, unsere Politiker stehen auf der Szene wie Schauspieler, denen ständig neue Anweisungen zugeworfen werden. Sie wissen nicht mehr, welchen Grad der Distanz sie zu Wählern und Medien einzunehmen, wie sie sich selbst und ihre Angelegenheiten darzustellen haben. Sollen sie twittern oder lieber Bürgersprechstunden abhalten, Volksbegehren befürworten, Talkshows in Krisengebieten veranstalten?

          Es gibt seit Platon eine Reihe philosophischer Bestimmungen des Politikers, aber keine verbindlichen Bühnenanweisungen für ihn, nicht bei Cicero, nicht bei Machiavelli, nicht bei Carl Schmitt. Aber man kann Konzepte zur Philosophie des Schauspielers versuchsweise auf die deutsche Politik übertragen.

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          Der Fluch des Repräsentanten

          Zu den größten Fehlurteilen über Angela Merkel gehört die Behauptung, sie sei keine oder keine gute Schauspielerin - was je nach Blickwinkel als Lob oder Tadel gemeint ist. Dabei ist die Behauptung, dass sie nicht spiele, leicht zu entkräften. Helmut Plessner weist in seinen anthropologischen Schriften nach, dass jeder Mensch ein Darsteller ist, weil er den Naturzusammenhang verloren hat und seine Position in der Welt immer neu erfinden muss. Er kann gar nicht anders als spielen. Ausgerechnet in der Politik wird diese Tatsache aber gern vergessen. So nannte Helmut Kohl seinen Kontrahenten Helmut Schmidt pejorativ einen Burgschauspieler, und Schmidt selbst wiederum bekannte in Interviews, als sei das ein Geständnis, er habe manchmal „ganz schön die Show abgezogen“. Was natürlich auch auf Helmut Kohl zutrifft, zum Beispiel auf dem Bremer Parteitag von 1989.

          Angela Merkel zeigte so etwas wie einen persönlichen Darstellungsstil erstmals als Ministerin unter Kohl. Vor der damaligen ersten Kabinettssitzung meinte ihr Kollege Norbert Blüm, er könnte das „Mädchen“ zu diesem Anlass vor den Kameras mal eben onkelhaft auf den Schoß nehmen. Doch Merkel entwandt sich geschickt, darstellerisch ohne großen Aufwand und mit einem kess-schüchternen Lächeln, das sie noch heute aufsetzt, wenn sie eine Diskussion beenden will.

          Es reicht für den Politiker nicht, einfach nur Menschendarsteller zu sein. Wie ein Mime spielt er eine Doppelrolle, was ihn in die erste Paradoxie seines Berufsstands verwickelt, denn er muss „eine natürliche und künstliche“ Existenz verbinden, wie Plessner in seiner „Anthropologie des Schauspielers“ (1948) im Rückgriff auf Diderot zuspitzt. Gleich dem Mimen ist der Politiker der multiple Darsteller schlechthin. Während der Schauspieler aber schon glaubwürdig ist, wenn sein Körper in einer Rolle aufgeht, ist es der Politiker erst dann, wenn die private zur öffentlichen Darbietung passt. Er ist Repräsentant und Vorbild. Das ist sein Fluch.

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