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Claudio Abbado im F.A.Z.-Gespräch : Was hören Sie im Schnee, Signore Abbado?

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Claudio Abbado, wie Burkhard Neie ihn sieht Bild: Burkhard Neie

„Es geht mir viel besser“, sagt der Dirigent Claudio Abbado in seiner Berliner Hotelsuite. Im F.A.Z.-Interview spricht er über seine Liebe zu Mahler, musikalische Karrieren und den Klang des Schnees in einem einsamen Tal im Engadin.

          Wir unterhalten uns mit dem Dirigenten Claudio Abbado in seiner Berliner Hotelsuite. Vor uns liegen Partituren und musikalische Manuskripte. Abbado strahlt eine große Ruhe und einen überaus freundlichen, sanften Charme aus. Er spricht mit melodiöser, sehr leiser Stimme.

          Was sind das für Manuskripte, die Sie da gerade vor sich liegen haben und studieren?

          Das sind Anmerkungen von Alban Berg zu seiner „Lulu“-Suite, die ich neu bekommen habe. Eintragungen in die Partitur, die sehr interessant sind!

          Sie haben diese Partitur von Berg seit 1964 schon so oft dirigiert. Ändern diese Eintragungen etwas an Ihrer Interpretation?

          Ja, natürlich! Man findet immer etwas Neues. Sehen Sie zum Beispiel diese Bläserstelle: „leierkastenmäßig“ steht da. Das bedeutet für mich, dass dieses Thema etwas „wienerisch“ gespielt werden muss.

          Sie studieren die Partituren sehr genau.

          Ja, man lernt ungeheuer viel dadurch. Oft gerade auch durch die Korrekturen, die die Komponisten selbst eingefügt haben. Mahler schreibt in seinen Partituren ja über sein halbes Leben, über seine Eifersüchte und seine große Liebe. Das ist sehr aufschlussreich. Der arme Mahler hat so viel gelitten. Seine Ehefrau Alma war nicht so einfach . . .

          In der jüngeren Zeit hat man ja ihre Kompositionen entdeckt und behauptet, sie sei von Gustav Mahler unterdrückt worden.

          Wie finden Sie denn die Kompositionen von Alma Mahler?

          Nicht wirklich bedeutend.

          Eben. In Edinburgh habe ich früher einmal ein Mahler-Festival gemacht, wo auch einige Kompositionen von Alma gespielt wurden. Da ist mir klargeworden, dass sie eine gute Studentin war – aber mehr nicht. Sie glaubte jedoch wirklich, dass sie die Größte wäre. Das lag eher an ihrem Charakter als an ihrem Talent.

          Hat das Mahler-Jahr neue Erkenntnisse für Sie gebracht?

          Ja, aber so wie jedes andere Jahr auch. Jubiläen sind immer nur ein Anlass.

          An Mahlers Musik hat sich immer wieder der musikologische Streit entzündet, ob es sich um „absolute“ oder um „Programmmusik“ handele. Hat diese Unterscheidung einen Sinn?

          Meiner Ansicht nach kann das jeder so sehen, wie er möchte. Für mich ist das einfach wunderbare, große Musik, die ich liebe. Dafür brauche ich kein Etikett.

          Und wie gehen Sie mit Mahlers programmatischen Eintragungen um? Nützen die etwas für die Interpretation?

          Man kommt dadurch schon auf neue Ideen. Aber das ist ohnehin das Schöne an den großen Komponisten, dass man in ihren Werken unentwegt neue Aspekte entdeckt. Große Musik ist unerschöpflich. Es gibt in der Musik, genau wie im Leben, keine Grenzen. Daher versuche ich immer, eine Partitur jedes Mal wieder so studieren, wie beim ersten Mal. Alles andere wäre zu einfach – und auch sehr langweilig.

          Wie schafft man es als großer Dirigent, die Routine zu vermeiden?

          Also erstens: Man muss sie vermeiden. Und zweitens: Der Begriff „großer Dirigent“ hat keine Bedeutung für mich. Groß ist der Komponist. Wir sind nur Diener der Musik und haben die Aufgabe, so viel wie möglich zu verstehen.

          Mit manchem bedeutenden Komponisten waren Sie ja befreundet und haben eng mit ihm zusammengearbeitet. Ich denke an Luigi Nono.

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