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Bob Dylan zum Siebzigsten : Der Sänger, der aus dem Nichts kam

Eine Liedersammlung voller Todesgewissheit:Bob Dylan 2001 im dänischen Roskilde Bild: dpa

Von der Weisheit eines Rotzlöffels: Wie kommt es, dass er wie fünfzehn aussah und sich anhörte wie ein Fünfundachtzigjähriger? Er trug die amerikanische Tradition schon zu Beginn seiner Karriere in sich. Heute wird Bob Dylan siebzig.

          Man erzählt sich, dass bei der ersten Plattenaufnahme in den New Yorker Columbia-Studios ein alter schwarzer Hausangestellter hereinkam, der gerade den Flur fegte. Auf seinen Besen gelehnt, lauschte er den seltsam gequälten, todbereiten Kehl- und Nasallauten von „Fixin' to Die, einem Bukka-White-Song. Der Biograph Robert Shelton behauptete später: „Bob hat das nie vergessen, und es machte mehr Eindruck auf ihn als alles, was Hammond oder Lieberson jemals gesagt hatten.“ Und das war eine Menge: Der Columbia-Präsident Goddard Lieberson hatte dem Sänger von seinen Blues- und Country-Feldaufnahmen im Süden während der dreißiger Jahre berichtet und damit dessen Interesse an dieser Musik geweckt oder verstärkt; der Produzent John Hammond, der ihn ungehört unter Vertrag genommen hatte, war sich seiner Sache so sicher, dass er auf dem Rückcover der ersten, im März 1962 erschienenen Platte schrieb: „Obwohl erst zwanzig, ist Bob Dylan das ungewöhnlichste neue Talent der amerikanischen folk music.“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Bob Dylan war mehr als das. Er war der einmalige Fall eines Musikers, der aus dem Nichts zu kommen schien - bei seiner Ankunft in New York hatte er praktisch nur Lügengeschichten über sich in Umlauf gebracht - und trotzdem schon alles in sich trug: nämlich die Idee einer amerikanischen Kultur, die in die Vergangenheit wies, mehr aber noch in die Zukunft. So kam es, dass er mit seinen Baumwollhemden und Arbeiterhosen, seiner Huckleberry-Finn-Mütze und den ungekämmten Haaren aussah wie fünfzehn und klang wie fünfundachtzig. Es gibt viele Musiker, deren Alter hinter ihrer künstlerischen Reife zurückstand; doch das waren oft solche, die sich von vielversprechenden Starts nie wieder richtig erholten. Bob Dylan dagegen debütierte mit einer Liedersammlung voller Schicksals- und Todesgewissheit, die er so glaubwürdig intonierte wie irgendein Delta- oder Chicago-Bluesmann. Dass er damit die Bewunderung eines schwarzen Mannes erregte, sagt vielleicht mehr als alle Plattenrezensionen und Gelehrtenaufsätze, die seither über ihn erschienen sind.

          Der junge Dylan war dessen Sprachrohr

          Es war, an jenem 20. November 1961, als Dylan seine allererste Platte einspielte, eine Szene wie aus dem John-Ford-Western „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ aus dem folgenden Jahr: Schwarz (in Gestalt von Woody Strode) und Weiß (in Gestalt von John Wayne und James Stewart) respektieren sich, ohne sich über den Willen dazu erst verständigen zu müssen. Vielleicht lag damals wirklich so etwas wie ein Bedürfnis nach selbstverständlicher, von Respekt getragener Gemeinschaft in der Luft, und der junge Dylan war dessen Sprachrohr. Das mag auch erklären, dass er sich zu der Zeit, als Robert Kennedy und Martin Luther King erschossen wurden, seiner Country-Idylle hingab und im Wesentlichen schwieg.

          Jeden Einfluss wie ein Schwamm aufgesaugt: Bob Dylan im Jahr 1965
          Jeden Einfluss wie ein Schwamm aufgesaugt: Bob Dylan im Jahr 1965 : Bild: dapd

          Es ist begreiflich, dass die erste, „Bob Dylan“ betitelte Platte nur als Vorspiel zu Größerem gehört wird; aber selbst wenn es nur sie gäbe, wäre das schon genug. Welchen Eindruck der Mann aus Minnesota zu jener Zeit machte, ist dem ersten, seine Karriere vielleicht entscheidend befördernden Artikel zu entnehmen, den Robert Shelton am 29. September 1961 in der „New York Times“ veröffentlicht hatte und der hinten auf dem Cover nachgedruckt ist. Instinktiv erfasste der Autor wesentliche Eigenschaften, die nun schon seit einem halben Jahrhundert um und um gewendet werden: die Intensität, das burleske, quasi chaplineske Ineinander von Komik und Tragik, die Bereitschaft zu langen Monologen und, am wichtigsten, die Maskenhaftigkeit und Wandlungsfähigkeit, die Eigenart, jeden Einfluss wie ein Schwamm aufzusaugen.

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