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Anders reisen : Ferien auf der Raststätte

  • -Aktualisiert am

Essen, trinken, tanken in besonderer Atmosphäre Bild: dpa

Wo verbringen Autofahrer einen Gutteil ihrer Fahrtzeit? Auf der Autobahn. Wenn es dort zu lange dauert, fährt man auf eine der Raststätten. Und betritt dort eine Welt ganz eigenen Rechts.

          Allen Theorien und Beschwörungen der Entschleunigung zum Trotz sind wir ungebrochen mobil und „fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn“, wie die Gruppe Kraftwerk schon 1974 sang, 22 Minuten und 42 Sekunden lang. Wobei das noch immer eine viel zu kurze Zeit ist, denn einmal in Bewegung, macht sich oft eine gewisse Unlust breit, irgendwo anzukommen. Da wir bei langen Distanzen jedoch aus physischer Notwendigkeit ab und zu eine Pause einlegen müssen, suchen wir an der Strecke den transitorischen Ort par excellence auf: die Autobahnraststätte.

          Ein standardisiertes Piktogramm, das selbst der Landesfremde und Sprachunkundige entschlüsseln kann, zeigt ihn erstmals fünf Kilometer vorher an und nennt seinen oft klingenden Namen, der den Automobilisten daran erinnert, dass ganz nah an der Autobahn Ortschaften liegen, Höhenzüge, Ebenen, Äcker und Weiden. Die Rasthöfe heißen bis auf wenige Ausnahmen nach den umliegenden Regionen, von denen mancher Fahrer vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre lang immer nur den Namen registriert, ohne jemals die so bezeichnete Landschaft selbst zu erkunden.

          Dazu müsste er die Autobahn verlassen; dazu hat er keine Zeit. Also fahren wir nicht ins Holmmoor, sondern machen Rast in Holmmoor West, folgen nicht der Pfälzer Weinstraße, sondern trinken einen Espresso im Rasthof Pfälzer Weinstraße Ost, und wir streifen nicht durch die Dammer Berge, sondern blicken vom Brückenrestaurant direkt nach unten auf die Autobahn, von der wir uns selbst hier oben nicht ganz abnabeln müssen. Dann ziehen wir weiter.

          Das Gefühl des Tempoverlusts will sich nicht so recht einstellen: die Autobahn-Rastanlage Dammer Berge an der A 1
          Das Gefühl des Tempoverlusts will sich nicht so recht einstellen: die Autobahn-Rastanlage Dammer Berge an der A 1 : Bild: F.A.Z.- Daniel Pilar

          Wir fahren vorbei, doch andere verbringen dort ihr Berufsleben

          Nun gibt es aber Menschen, für die dieses exterritoriale Gelände, dieses Inbild des Transitorischen gerade ihr alltäglicher Ort und ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage ist, nämlich alle die, die dort arbeiten. Wo wir Durchreisende sind, sind sie fest verankert. Früher, als Rasthöfe noch mit einem größeren Prozentsatz vorübergehend Beschäftigter arbeiteten, war das vielleicht etwas anders. Heute funktionieren diese Betriebe nur noch mit Festangestellten, ergänzt um Saisonarbeiter in den Spitzenzeiten, wie es in der Gastronomie und im Tourismus gang und gäbe ist.

          Der Rasthof Dammer Berge etwa beschäftigt rund sechzig reguläre Mitarbeiter. Sie haben einen der exponiertesten Arbeitsplätze, die es an deutschen Autobahnen gibt. Er liegt an der A 1, der sogenannten Hansalinie, zwischen den Ausfahrten Holdorf und Neuenkirchen/Vörden, und spannt sich als 103 Meter langes und achtzehn Meter breites Brückenrestaurant über die vierspurige Fahrbahn. Es handelt sich also um eine doppelseitige Anlage, wie wir sie aus Italien oder Belgien durchaus öfter kennen, wie es sie sonst bei uns aber nur noch in Gestalt des Rasthofs Frankenwald bei Hof gibt, hart an der früheren Grenze zur DDR.

          Vor allem in der Dunkelheit ist die erleuchtete Brücke der Dammer Berge mit den wie Spielzeugfiguren wirkenden Menschen hinter der deckenhohen Fensterfront schon weithin sichtbar. Dieser Anblick ruft bei mir seit mehr als dreißig Jahren jedes Mal jenes Gefühl der Vertrautheit und Verlässlichkeit hervor, das uns zuweilen über die zerbrechliche Einrichtung der Welt trösten kann. Früher, auf meinen zahlreichen Fahrten von Köln in den Norden und zurück, war der Rasthof ein fest eingeplanter Haltepunkt.

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