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50 Jahre danach : In der Sache Adolf Eichmann

Die amerikanische Zeitschrift „Life” schickte 1961 den Zeichner Ronald Searle zum Eichmann-Prozess nach Jerusalem Bild: Ronald Searle / Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst · Wilhelm Busch. Leihgabe der Stiftung Niedersachsen

Vor fünfzig Jahren, am 11. April 1961, begann der Prozess gegen Adolf Eichmann. Der Judenreferent des Reichssicherheitshauptamts war des millionenfachen Mordes angeklagt. Doch in Jerusalem stand mehr zur Verhandlung als nur individuelle Schuld.

          Mai 1961. Am Ende der vierten Woche des Prozesses gegen Adolf Eichmann rief die Anklage den Arzt Josef Buschminski in den Zeugenstand. Er berichtete über das Ende der Juden in der polnischen Stadt Przemysl und erläuterte zunächst, wie es dazu gekommen war, dass er vor dem Gericht in Jerusalem seine Aussage machen konnte. Als die Juden von Przemysl im Herbst 1941 im Getto festgesetzt wurden, konnte er sich durch einen glücklichen Umstand entziehen. Eine Polin versteckte ihn, die später seine Frau werden sollte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Buschminski schilderte mehrere Szenen. Als das Getto abgeriegelt wurde, versuchte eine Frau, ihr kleines Kind über den Zaun nach draußen zu reichen. Dort standen Polinnen, die ihr die Arme entgegenstreckten. Ein SS-Mann sah das, griff sich das Kind, erschoss die Mutter und riss das Kind in Stücke, „wie man ein Blatt Papier zerreißt“. Der Mörder lachte auf und reichte einem Hund, der gerade vorbeistrich, ein Stück Zucker. An dieser Stelle der Aussage, berichtete Adolf Wolfmann, der Korrespondent der „Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland“, erwachte der Angeklagte „aus seiner scheinbaren Gleichgültigkeit, schaute wütend drein und schnappte mit geöffnetem Mund sichtlich nach Luft“.

          Als die Bewohner des Gettos zum Bahnhof gebracht wurden, so berichtete der Zeuge weiter, hetzte ein SS-Mann seinen Hund auf eine Frau. Das Tier riss ihr ein Stück Fleisch aus dem Leib und apportierte es seinem Herrn. Schreiend sprang die Frau auf den Zug, und die SS-Leute riefen den Deportierten nach: „Ihr seid fette Juden, aus euch kann man gute Seife machen!“ Bei der Schilderung einer dritten Untat konnte Buschminski den Täter mit Namen nennen. Er hatte gesehen, wie Josef Schwammberger, der Kommandant des Gettos, einen Jungen fast zu Tode prügelte. Achtzig Stockhiebe hatten die Augenzeugen gezählt.

          Der israelische Generalstaatsanwalt Gideon Hausner mit seinem Team
          Der israelische Generalstaatsanwalt Gideon Hausner mit seinem Team : Bild: Ronald Searle / Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst · Wilhelm Busch. Leihgabe der Stiftung Niedersachsen

          Das Singuläre des Prozesses

          Schwammberger leitete später das KZ Mielec und war zum Zeitpunkt des Prozesses gegen Eichmann flüchtig. 1990 wurde er von Argentinien nach Deutschland ausgeliefert, 1992 wegen Mordes und Beihilfe zum Mord an 650 Personen zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Dem Neunzigjährigen schlug das Landgericht Mannheim 2002 die vorzeitige Entlassung ab, wegen der besonderen Schwere seiner Schuld. Schwammberger starb 2004 im Gefängniskrankenhaus auf dem Hohenasperg. Spätestens nach dem fünfzigsten Hieb, so die Einschätzung des Arztes Buschminski, hätte Schwammbergers jugendliches Opfer „normalerweise“ sterben müssen. An dieser Stelle der Aussage unterbrach der Anklagevertreter, Generalstaatsanwalt Gideon Hausner, den Zeugen und fragte ihn, ob er den Jungen im Gerichtssaal sehe. „Ja“, sagte Buschminski, „dort sitzt er.“ Und er zeigte auf den Polizeibeamten, der neben dem Staatsanwalt saß. Durch das Publikum, notierte Wolfmann, ging ein Raunen.

          Kommissar Michael Goldmann hatte die Ermittlungen gegen Eichmann geleitet und saß während des gesamten Prozesses an der Seite Hausners. Goldmann hatte erlebt, dass man ihm in Israel nicht glauben wollte, als er von den achtzig Schlägen erzählte, die er überlebt hatte. Das Mitleid, das er erweckte, weil man meinte, er phantasiere, empfand er als den einundachtzigsten Schlag. Es macht das Singuläre des Prozesses gegen Adolf Eichmann in der Geschichte der Strafgerichtsbarkeit aus, dass Richter, Staatsanwälte, Polizisten, Zeugen und der größte Teil des Publikums dem Angeklagten nicht hätten gegenübersitzen können, wenn es nach seinem mörderischen Willen gegangen wäre und er die ihm zur Last gelegte Tat hätte vollenden können. In makabrer Zuspitzung könnte man sagen: Die bloße Tatsache, dass der Prozess stattfinden konnte, bewies, dass die Tat Versuch geblieben war - insofern Eichmann die Juden als solche ums Leben hatte bringen wollen, und das hieß: alle Juden.

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