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Die Bilanz aus Österreich : Nicht ohne die Italiener

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„Aetas Aurea (Das goldene Zeitalter)“ von Medardo Rosso ging ans Frankfurter Städel Museum. Bild: Auktionshaus Kinsky

In Wien sind weiterhin zwei Häuser ohne Konkurrenz, das Dorotheum und das Kinsky. Sie machen die Spitzenpreise in den Auktionen untereinander aus. Entsprechend gestaltet sich die Bilanz des ersten Halbjahrs in Österreich.

          Lange Zeit galten die Alten Meister als die weit überlegene Spitzensparte im Wiener Dorotheum. An diesem Rang wird aber seit einigen Jahren durch die Zeitgenossen-Abteilung heftig gerüttelt. Seit dem 300. Jubiläum des Hauses im Jahr 2007 sind viele Anstrengungen unternommen worden, der Kunst nach 1945 mehr Bedeutung zu verleihen. Bei der Internationalisierung der Offerte halfen besonders die Einlieferungen über die zahlreichen Filialen des Dorotheums in Deutschland und Italien.

          Die Mission ist geglückt, wie die Bilanz des ersten Halbjahrs im österreichischen Auktionsmarkt eindrucksvoll belegt. Nicht weniger als sieben Lose aus der Veranstaltung mit Gegenwartskunst im Mai sind in der Top-Ten-Liste vertreten. Mit den beiden Auktionen, bei denen 280 Lose unter den Hammer kamen, konnte das Dorotheum fast zehn Millionen Euro einspielen. Die Nachfrage war so groß wie selten zuvor: Zwanzig Mitarbeiter hingen an Telefonen, deren Bieter den Großteil der Konkurrenz um die Spitzenlose ausfochten.

          Platz 1: Lucio Fontanas „Concetto spaziale“ von 1957 aus der Serie der „Barocchi“

          Mit dem Zuschlag bei 920.000 Euro machte abermals ein Werk von Lucio Fontana das Rennen. Es ist diesmal aber keiner der berühmten Leinwand-Schnitte wie im Vorjahr, als das Dorotheum mit einem der „Tagli“ für 850.000 Euro das höchste österreichische Auktionsresultat einfuhr. Das mit Glitter und Zitronengelb zum Strahlen gebrachte „Concetto spaziale“ von 1957 stammt aus der Serie der „Barocchi“, wie Fontana die ins Kosmische strebende Werkgruppe von Mitte der fünfziger Jahre an nannte. Mit Steinen und Glasstücken experimentierte Fontana in seinem noch früheren Zyklus der „Pietri“, aus dem ein schwarzes, zur unteren Taxe von 550.000 Euro veräußertes Bild den dritten Rang der Frühjahrs-Charts belegt.

          Die Alten Meister hatten es diesmal nicht leicht

          Einen heftigen Bieterkampf löste das Bildobjekt „Zone Riflesse“ des früh gestorbenen italienischen Konstruktivisten Paolo Scheggi aus. Das monochrome Hochformat aus dem Jahr 1965, dessen ovale Schnittformen in drei hintereinander montierte Leinwände den Eindruck von räumlicher Tiefe erwecken, sorgte beim Zuschlag von 480.000 Euro für einen neuen Künstlerrekord. Das zuvor auf nur 90.000 bis 120.000 Euro geschätzte Werk nimmt Platz vier der Bestenliste ein. Auch der neunte Rang gehört Scheggi, für seine „Intersupificie curva“ für 220.000 Euro (Taxe 50.000/70.000).

          Zu den gefragten Italienern zählt auch Enrico Castellani, dessen strukturierte Leinwand „Superficie grigia“ von 1991 zum Hammerpreis von 210.000 Euro das Schlusslicht der Top Ten bildet (180.000/280.000). Aus einer österreichischen Privatsammlung gelangte das Großformat „Lucia“, ein Streifenbild von Sean Scully, auf den Markt. Das 2,5 mal 2,2 Meter messende Gemälde, das der amerikanische Künstler zwischen 1992 und 1996 schuf, wurde von einem europäischen Kunden zur oberen Schätzung von 750.000 Euro erworben. Mit Scully auf Platz zwei bleibt von den Zeitgenossen noch Rang sieben, den Ilya Kabakovs Konzeptbild „Mädchen mit Waage“ mit 300.000 Euro (300.000/400.000) belegt.

          Lediglich ein Alter Meister aus dem Dorotheum ist im Getümmel der neuen Kunst an sechster Stelle der Toplose zu finden: Aus Rubens’ Werkstatt stammt das 2,2 Meter hohe Ölbild „Die Heilige Familie mit der heiligen Anna und dem Johannesknaben“. Die in ihrer Profanität ungewöhnliche und doch so schöne Szene aus Adelsbesitz löste mit 400.000 Euro ihre untere Erwartung ein.

          Platz fünf der Top Ten: „Der Canal Grande nach Osten mit Blick auf Santa Maria della Salute“ aus Canalettos Umkreis im Auktionshaus Kinsky

          Sogar die Konkurrenz Im Kinsky, deren Altmeister-Sparte nicht zu den Stärken des Hauses gehört, hatte im ersten Halbjahr bei diesem Segment die Nase vorn, nämlich auf Platz fünf. Die Vedute „Der Canal Grande nach Osten mit Blick auf Santa Maria della Salute“ aus Canalettos Umkreis blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: Aus einer britischen Privatsammlung, wo die Ansicht den Stempel des Restaurators Francis Leedham erhielt, wanderte sie um 1920 nach Frankfurt, dann über Amsterdam in die Londoner Haberstock Art Gallery. Von dort wurde sie für das geplante Führermuseum in Linz erworben und landete schließlich auf Hitlers Obersalzberg. Im Jahr 1965 von einem österreichischen Privatsammler erworben und seither bei ihm verblieben, kletterte das Gemälde jetzt auf stattliche 420.000 Euro (150.000/ 300.000).

          Ein Medardo Rosso fürs Museum - und natürlich ein Egon Schiele

          Ein sehr gutes Ergebnis konnte das Kinsky auch für die Bronze „Aetas Aurea (Das goldene Zeitalter)“ von Medardo Rosso erzielen. Um 1902 geschaffen, stellt sie auf innige Weise die Frau und den kleinen Sohn des italienischen Bildhauers dar, wobei Rosso bewusst die Formauflösung ins Spiel bringt. Die mit 50.000 bis 100.000 Euro taxierte Plastik, die zu den Hauptwerken Rossos zählt, ließ sich das Frankfurter Städel Museum am Telefon für 280.000 Euro zuschlagen (F.A.Z. vom 26. Juli) - Platz acht des Frühjahrs-Rankings. Insgesamt lag der Umsatz des Kinsky im ersten Halbjahr - wie schon in den zwei vergangenen Jahren - bei dreizehn Millionen Euro. In der hausinternen Bestenliste belegt die Sparte der Klassischen Moderne die meisten Positionen, hierher gehört zum Beispiel Egon Schieles „Junge Frau in Unterwäsche“ für 190.000 Euro. Zu den Raritäten unter den Antiquitäten zählt ein weibliches Mumienporträt aus dem 2. Jahrhundert, das ein britischer Sammler erst für 170.000 Euro (35.000/70.000) heimtragen konnte.

          Als einer der wenigen Altmeister schaffte es Rubens’ „Die Heilige Familie mit der heiligen Anna und dem Johannesknaben“ aus dem Dorotheum auf Platz 6.

          Das Dorotheum wagte bei den Antiquitäten eine Wiederbelebung der Sparte Asiatika, die seit 2007 brachlag. Die leitende Sinologin Angelika Borchert durfte sich über das Ergebnis für ein seltenes Set von acht Lapislazuli-Tafeln aus der Qing-Dynastie freuen: Die Taxe von 50.000 bis 60.000 Euro konnten die, in einem Tischstellschirm gerahmten, gravierten Tafeln beim Zuschlag von 220.000 Euro weit hinter sich lassen. Beim Erfolgssegment des historischen russischen Silbers punktete ein acht Zentimeter hohes, goldenes Reisetriptychon von Fabergé mit 140.000 Euro (15.000/ 30.000).

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