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Bikinihaus in Berlin : Ja, wo stöckeln sie denn?

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Auf der Dachterrasse des neuen Einkaufzentrums: Nach über 50 Jahren ist das Bikinihaus in Berlin zurück Bild: dpa

Mit viel Wirbel hat in Berlin das Bikinihaus wiedereröffnet. In den Fünfzigern ein „Schaufenster des Westens“, steht es nun für den Wiederaufstieg des „Zentrums am Zoo“ - und für die Gefahr neuer Fehlplanung.

          Und dann zog sie den Bikini, den sie nirgends tragen kann, ganz alleine zu Hause in der Badewanne an!“ Mit dieser parodierend gequakten Schlusszeile beseufzte 1960 Caterina Valente in ihrem Hit „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“ die kleinbürgerliche Prüderie der Adenauer-Republik. Eine mit Komik weichgespülte Ironie, die im selben Atemzug guthieß, was sie aufspießte. Dem gleichen Prinzip folgte der angeblich notorisch respektlose Berliner Mutterwitz, der drei Jahre zuvor den Bauriegel des neuen „Zentrums am Zoo“ zum „Bikinihaus“ ernannte.

          Die Inspiration dieses kollektiven „Huch!“-Witzes gab die auffallende Zweiteilung des Baus: Zwischen eine erdgeschossige, mit einem Fensterband gekrönte Ladenreihe, vor der eine elegante Kolonnade mit extrem dünnen Rundstützen so eilig trippelt wie die weiland modischen Stöckelschuhe, und vier Bürogeschosse, das oberste so kapriziös wie eine Chanel-Kappe nach innen gerafft, hatten die Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger einen durchgängig offenen Laubengang geschoben. Dieses luftige Nichts, das dem Baukörper Schwebecharakter verlieh, führte als Zweiteiler die Phantasie findiger Werbetexter auf die Spuren des Bikinis.

          Der Westen will Konsum-Terrain

          Dass der Bau trotz seines piefigen Titels 1955 fast so mondän wie ein Entwurf des legendären Oscar Niemeyer konzipiert war, zeigt sich nun, da er, saniert und restauriert, wieder seine mit leuchtenden Farbakzenten und unbekümmerten Asymmetrien auffallenden 180 Meter Fassade präsentiert. In einer Hinsicht gleichen sich die festliche Eröffnung des Jahres 1957 und jetzt die spektakuläre Wiedereröffnung.

          Es bleibt das „Schaufenster des Westens“: das sanierte Bikinihaus, 1957 gebaut in der Nähe des Bahnhofs Zoo
          Es bleibt das „Schaufenster des Westens“: das sanierte Bikinihaus, 1957 gebaut in der Nähe des Bahnhofs Zoo : Bild: Getty Images

          Wie damals knüpfen sich auch heute Riesenerwartungen an die Architektur. 1957 sollte das Bikinihaus die Wiedergeburt West-Berlins als moderne Metropole beglaubigen: gemeinsam mit dem als rasante Mischung aus Luxusdampfer und Jakobsmuschel gestalteten Großkino Zoopalast und einem sechzehngeschossigen, Le Corbusier abgeschauten und für Modebetriebe reservierten Hochhaus am Bahnhof Zoo.

          Unter der Losung „Schaufenster des Westens“ trumpfte das Trio mit seinen rasanten Kurven und Winkeln auf gegen den Zuckerbäckerstil der Stalinallee, deren muffiger Neohistorismus dem Rang Ost-Berlins als Hauptstadt der DDR Gestalt geben wollte. Auch heute kann man das frisch polierte Areal - im November 2013 nahm der aufwendig renovierte und restaurierte Zoopalast den Betrieb wieder auf - als Schaufenster bezeichnen. Nur ist es diesmal nicht Macht-, sondern Marktpolitik, die hier baut. Der Westen, sprich Kurfürstendamm und Umgebung, will endlich wieder Konsum-Terrain zurückerobern, das er nach dem Fall der Mauer an die Stadtmitte verloren hat.

          Der Bau schwebt, und seine Besucher mit ihm

          Im selben Maß nämlich, in dem zwischen Hackeschem und Gendarmenmarkt, Oranienburger und Friedrichstraße glanzvoll wiederhergestellte Gründerzeitpaläste und glamouröse Neubauten zu Publikumsmagneten wurden, stieg das „Zentrum am Zoo“ ab. Kronzeuge war das Bikinihaus. In ihm, das schon 1978 entstellt worden war, als der Laubengang für die (1994 wieder aufgegebene) Kunsthalle zugebaut wurde, nisteten Tauben im Dachgeschoss, und hinter der Kolonnade hielten nur noch Ramschläden durch. Dieser Schäbigkeit angemessen, moderte einige Schritte weiter der Zoopalast vor sich hin und tarnt sich das ursprünglich dynamische Hochhaus seit 1986 unter einer teigig gelbstichigen Plattenverkleidung.

          Aus Alt mach Neu: Die umgebaute Einkaufsmeile im Bikinihaus
          Aus Alt mach Neu: Die umgebaute Einkaufsmeile im Bikinihaus : Bild: dpa

          Jetzt leuchtet das Ensemble, ergänzt um den neuen steinverkleideten Vierkant des mit Gewächshaus und zooaffiner „Monkey-Bar“ aufwartenden Nobelhotels „25hours“, wie ein Hochglanzmagazin. Soll es auch. Denn untergebracht sind im sanierten Bikinihaus 58 Geschäfte auf drei Etagen, von 17 000 Quadratmeter Verkaufsfläche vereinigt zu Deutschlands, wie die Betreiber erklären, erster „Concept Mall“. Ihr Motto: „kultureller Austausch“ in einer „Lifestyle-Welt“. Nymphenburger Porzellan wird hier angeboten, Glasschliff aus Theresienthal, es gibt die Fotogalerie C/O, dazu „Pop up Stores“ junger Designer. Besonders stolz ist man auf das „vegane Modelabel“, das demnächst hier Kleidung aus exklusiven Pflanzenfasern wie denen des Eukalyptusbaums verkaufen wird.

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