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Big Data und NSA Am Lügendetektor

Gefangen im digitalen Stromkreis: Die algorithmisch aufgerüstete Informationsökonomie macht aus pathologischen Verhaltensweisen Normen für die Gesellschaft. Wie lange wollen wir das noch verantworten?

© ullstein bild So sah das alte analoge Gerät aus, aber eingefangen im digitalen Stromkreis bemerken wir mittlerweile nicht einmal, dass wir gerade ausgelesen werden: ein Lügendetektor oder Polygraph.

Gegen den Code der Überwachung setzt der Regierungssprecher den Code der Moral: „Abhören unter Freunden ist inakzeptabel.“ Was wie eine Erinnerung an Selbstverständliches klingt, ist alles andere als das. Denn das Gegenteil ist richtig: Abhören unter Freunden und die Analyse ihrer Kommunikation sind in der Informationsökonomie in Wahrheit nicht nur akzeptiert, sie sind ihr Rational und entscheiden darüber, wer Freund, Feind, Geschäftspartner oder Kunde ist.

Nicht zu glauben, was einer sagt und tut, und sei es der beste Freund, ist der Wesenskern der modernen Informationsökonomie. Zu Recht hat man das die „Rationalität des Paranoiden“ genannt, der in ständiger Alarmbereitschaft den Denkprozess seines Gegenübers simuliert, von dem er annimmt, dass er seine wahren Absichten verschweigt. Dieses Verfahren, für das der Spieltheoretiker John Nash einst die Algorithmen entwickelte, ist mathematisch modellier- und programmierbar; es findet heute in digitalen Umgebungen fast überall Anwendung.

Das Selbstinteresse ist berechenbar

„Das Problem ist, dass es viel kostspieliger ist, fälschlich an die guten Absichten anderer Leute zu glauben, als zynisch anzunehmen, dass sie nur an sich selbst denken.“ Das sagt der praktische Spieltheoretiker Bruce Bueno de Mesquita, der sowohl für das amerikanische Außenministerium, die CIA wie auch für Privatfirmen Überwachungs- und Vorhersagealgorithmen geschrieben hat - mit ebenso sensationeller wie beunruhigender Treffsicherheit. Das Selbstinteresse des Menschen lässt sich, genug Daten vorausgesetzt, exakt bestimmen. Und das ist durchaus angenehm - nur deshalb wird einem der interessanteste Film oder die billigste Reise empfohlen.

Doch in Zeiten, wo Nachrichtendienste sich als „Märkte“ mit Produzenten und Konsumenten verstehen, hört es beim Flugticket nicht auf. Bei der forensischen Analyse von E-Mails in amerikanischen Unternehmen beispielsweise sucht kein Algorithmus nach dem „rauchenden Colt“. Analysiert werden Muster, die die „wahren“ Kommunikationsabsichten und die Persönlichkeit des Betroffenen abbilden.

Wer sich heute an den digitalen Stromkreis anschließt, verschmilzt mit einem gigantischen Lügendetektor. Warum eigentlich wollen alle Internetgiganten ständig herausfinden, was wir als Nächstes tun oder kaufen? Man könnte ihnen entgegenhalten: Wir werden es Euch schon sagen, wenn es soweit ist. Die Antwort lautet: weil wir in den Augen der Systeme entweder nicht sagen, was wir wollen, oder es selbst nicht wissen. „Wir werden die Antworten auf ihre Fragen kennen, ehe sie selbst die Frage wissen.“ Dieser berühmte Satz eines Google-Chefs ist das Credo des Big-Data-Zeitalters. Das digitale Nervensystem registriert durch Korrelationen unzähliger Daten jeden noch so kleinen Ausschlag, der auf die Spur der wahren Absichten führt: sei es das Buch, das man als nächstes kaufen will, oder das Verbrechen, das man begehen könnte.

Staat und Markt verschmelzen

Was durch die Snowden-Enthüllungen bekannt geworden ist, entspricht genau dem, was Vordenker des „Informationsmarktstaates“, viele von ihnen selbst Repräsentanten der amerikanischen Geheimdienste, vorhergesagt und gefordert haben. Für den Informationsstaat, so das frühere Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats, Philip Bobbitt, zählen keine Freundschaften oder Loyalitäten, auch nicht die Souveränitätsansprüche der Nationalstaaten. Er agiert auf globalen, großenteils automatisierten Überwachungsmärkten, sucht nach Mustern und Anomalien und bedient sich mathematischer Codes, die im Kern fast überall gleich sind.

Der Bürger will Schutz vor einem übermächtigen Staat ebenso wie Schutz vor einem völlig unkontrollierten Markt. Das Informationszeitalter erlebt die Verschmelzung von beiden und, konsequent im Morgengrauen von Big Data, die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Die unstrukturierten Daten, die die elektronische Zahnbürste, das individuelle Bremsverhalten, die Bewegung („iPhones können jeden Menschen an seinem Gang identifizieren“, sagt die CIA) mit der Kommunikation von Menschen und ganzen Gesellschaften vernetzen, eröffnen ein nie dagewesenes strategisches Spiel.

Der totale Verdacht als Norm

Ob sich damit Terroristen fangen lassen, ist, wie so vieles in der NSA-Affäre, unklar. Aber im Augenblick spricht vieles dafür, dass die algorithmisch aufgerüstete Informationsökonomie im Begriff ist, aus pathologischen Erscheinungsformen Normen für die gesamte Gesellschaft abzuleiten. Vernetzt mit Mobilgeräten, deren Summe die Weltbevölkerung übersteigt, haben sich die Gesellschaften ins Innere einer Maschine begeben, deren Gesetze sie nur rudimentär kennen.

Wenn der Code das Gesetz ist, muss umgekehrt das Recht die Kontrolle über den Code zurückerlangen. „Wir kennen nicht den künftigen Wert von Daten“, sagte der Technikchef der CIA, Gus Hunt. Wer weiß, was es in zehn Jahren bedeutet, was einer heute tat? Wer weiß, in welchem Umfang, ob bewusst oder unbewusst, Daten von Kindern gespeichert werden, der ersten Generation, die auf Facebook ihre soziale Identität erlebt und womöglich später mit Profilen zu leben hat, die sie ein Leben lang begleiten? Auf all das haben wir keine Antwort. Die Frage ist, wie lange wir diese Hilflosigkeit angesichts einer Welt, in der der totale Verdacht zur Norm geworden ist, noch verantworten können.

Quelle: F.A.Z.

 
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