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Bierhoff an der Uni Golden Goal vom Katheder

14.04.2004 ·  Der Freizeitbetriebswirt Oliver Bierhoff hält bei den Wirtschaftswissenschaftlern der Humboldt-Uni eine Vorlesung. Die Partie droht in Langeweile zu ersticken - bis dem Dozenten in letzter Minute ein Golden Goal gelingt.

Von Klaus Ungerer
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Immer diese leidigen Freundschaftsspiele! Schon als der Gast das Spielfeld betritt, als Schlips und Zähne im Blitzlicht glitzern, Hände schäkern, spürt man: Das wird heute ein hartes Stück Arbeit - für die länderspielleidgeprüften Betrachter. Freizeitbetriebswirt Oliver Bierhoff ist bei den Wirtschaftswissenschaftlern der Humboldt-Uni angetreten, eine Vorlesung zu halten. Thema: "Was die Gesellschaft vom Sport lernen kann". Mit dem Profisport und der Universität treffen zwei Kontrahenten aufeinander, die einander wenig einzuschätzen wissen. Bierhoff agiert aus einer sicheren Deckung heraus, doch wirkt sein Auftritt schematisch, kein gedanklicher Paß ergäbe einen unvorhergesehenen Sachzusammenhang.

Deutschland gehe es wie einer guten Fußballmannschaft, die überraschend gegen den Abstieg spiele, bei Ascoli Calcio sei es ihm genauso ergangen, da helfe nur, daß sich jeder an die eigene Nase packe und alle gemeinsam an einem Strang zögen, ein Trainerwechsel allein helfe nicht weiter, man brauche ein klares Bekenntnis zur Elite und zum Leistungsträger, der den Rest der Mannschaft mitziehe, daher brauchten wir eben auch den Wettbewerb, welcher ja oft mit sozialer Kälte gleichgesetzt werde, dabei freuten wir uns doch jeden Samstag über den Wettbewerb in der Bundesliga. Ein, zwei schwächere Spieler könne eine Mannschaft durchschleppen, aber auf Dauer eben keine vier Millionen, und sei nicht eine gut funktionierende Marktwirtschaft die Voraussetzung für einen gut funktionierenden Sozialstaat?

Stimmung von den Rängen

Die Begegnung droht in Langeweile zu ersticken, als plötzlich Stimmung von den Rängen in den Diskurs schwappt: Schwarzrote Flugblätter wirbeln auf, eine überraschende Drangperiode von seiten aufstrebender Studientalente beginnt: Protestschreie ertönen, unverständlich leider, auch fliegen bunte Bälle gegen Bierhoff, die der schön ordentlich neben sich aufs Rednerpult legt, ehe er wieder Ruhe ins Spiel bringt: Man solle ihn doch ausreden lassen, hinterher könnten ja Fragen gestellt werden. Ein Heißsporn aus dem Publikum wird noch des Feldes verwiesen, dann regiert wieder die Routine des Mannes, der in seiner Profikarriere genügend verbalen Attacken auszuweichen verstand, derweil die Materie ihn immer wieder unverhofft an Kopf und Knien traf.

Deutschland brauche: Teamplay. Fairneß. Leadership. Talente müßten gefördert werden, ohne Charakterwerte allerdings sei alles Können nichts wert, wer denn von den derzeitigen Nationalspielern schon in der U 18 gespielt habe? Oft seien es die größten Talente, die an charakterlichen Defiziten scheiterten. Unabdingbar für eine große Karriere seien: Disziplin, Mut, Kreativität (hier kicherte mancher im Publikum), so wie Pelé, Cruyff, Zidane immer das Überraschende täten, dürfe auch ein Unternehmer nicht nur auf die Rendite achten, sondern müsse Innovationen wagen - und so fort. Mit einem Gandhi-Zitat gedenkt Bierhoff das Match torlos zu Ende zu bringen, als noch einmal der Aufmupf hupft. Ein Backen-Milchbart ergreift die Initiative, entlarvt in knappen Worten die ideologische Verbrämtheit und Konditioniertheit des Profisportlers, weist auf soziale Schieflagen hin und dringt mit dem Saalmikrophon am Mund einschußbereit in Bierhoffs Torraum ein: Ob der es denn für ethisch halte, seinen Fußball mit dem richtigen Leben gleichzusetzen? Was denn aus den vielen anderen Menschen werde, wenn es immer nur um Leistungsträger gehe?

Da setzt der nimmermüd Freundliche den elegantesten Konter seiner Laufbahn: Habe der Fragesteller sich nicht durchs Fragen selbst zum Leistungsprinzip bekannt? Schließlich leiste er doch etwas, stelle er sich hin für seine Meinung, wo andere nur schwiegen. Lächelt Bierhoff. Der andere lamentiert. Das muß ein Golden Goal gewesen sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.2004, Nr. 88 / Seite 33
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