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Biennale Chengdu : Ausgebüxt aus der Schule des Kommunismus

Irrtum und Dekadenz sind auch ein Feindbild der Künstler, aber anders, als es sich die Zentralregierung in Peking vorstellt: Fang Lijun, „Herbst 2011“ Bild: Katalog Biennale

Peking proklamiert eine stärker von der Zentralmacht gesteuerte Kulturpolitik. Die Biennale in Chengdu jedoch zeigt, welches Potential und welchen Witz die chinesischen Künstler ohne staatliche Linienvorgabe zu bieten haben.

          Just in dem Moment, in dem die chinesische Zentralregierung die Kultur zur neuen nationalen Aufgabe erklärt (siehe den untenstehenden Bericht), geht in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan, an diesem Wochenende die fünfte dortige Biennale zu Ende. Deren Ausstellungen sind der beste Beleg für eine chinesische Kunst- und Kulturszene, die Beistand aus Peking längst nicht mehr nötig hat, um nicht nur nationale, sondern Weltgeltung zu erreichen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das zeigt sich schon daran, dass die fünfte Ausgabe der Biennale mit ihren vier Vorgängerinnen gebrochen hat. Nicht nur der neue Ort, ein 2010 renoviertes riesiges Industriewerk im Osten von Chengdu, das in den fünfziger Jahren im Rahmen der russischen Aufbauhilfe für das kommunistische China errichtet wurde, knüpft mit der sorgfältigen Konservierung alter Maschinen, Rohrleitungen und sogar Propagandaaufschriften an eine durchaus zwiespältige Vergangenheit an; auch der ausgestellten Kunst ist in diesem Jahr eine vermittelnde Funktion zwischen Zeiten und Stilen zugesprochen worden. So liest man auf einer Brücke zwischen zwei Werkhallen die Maxime: „Was immer die Partei verlangt, diene dir als Schule für den Kommunismus.“ Im Inneren der Hallen aber wird gerade nicht geboten, was die Partei verlangt. „Changing Vistas“ lautet die Parole der Biennale - wechselnde Ansichten.

          Lu Peng, der Kurator des Biennale-Sektors für Gegenwartskunst, hat deshalb mit der Hilfe des an der University of Illinois lehrenden Kulturwissenschaftlers Gary Xu die Crème der zeitgenössischen Künstler seines Landes dafür gewonnen, die chinesische Tradition des „shanshui“ (wörtlich „Berge und Flüsse“ als klassischer Begriff für Landschaftsmalerei) mit ihren Mitteln neu zu interpretieren.

          Die Schulen von Chengdu schicken ihre Klassen auf das frisch restaurierte Fabrikgelände, um dort die Biennale zu besuchen

          Unter dem Motto „Pure Views“ (reine Blicke) finden sich Arbeiten von Künstlern wie Yue Minjun, der mit seinen grotesk lachenden Gesichtern weltberühmt geworden ist und nun eine neue Serie mit in Grau gehaltenen Labyrinthen malt, deren Mauern sich zu chinesischen Schriftzeichen ergänzen. Im Fall des auf der Biennale zu sehenden Werks bilden sie einen kunstkritischen Auszug aus den berühmten „Bemerkungen zur Kalligraphie“, die Fu Shan im siebzehnten Jahrhundert aufschrieb. Der früher ähnlich wie Yue arbeitende Fang Lijun wiederum hat ein riesiges Bild mit dem Titel „Herbst 2011“ für Chengdu gemalt, auf dem sich eine fröhliche Horde seiner charakteristischen glatzköpfigen Männer in einer sonnenüberstrahlten Wolkenlandschaft nähert, unter der aber der dunkle Abgrund einer Albtraumlandschaft liegt.

          Ein höchst ambivalenter Bau

          Der Ehrgeiz, die Kunsttradition des eigenen Landes für die Gegenwartskritik nutzbar zu machen, ist in den geschickt in Kabinette unterteilten riesigen Werkhallen ebenso zu spüren wie die Freude an der ästhetischen Variation der alten Muster. Wang Wanli hat über das in Warhol-Manier vierzigfach nebeneinander montierte blaumonochrome Foto eines schmutzigen Abtritts für Wanderarbeiter die typische Shanshui-Kontur einer Ideallandschaft gelegt. Und Cao Jingping zeigt ein riesiges Ölgemälde, mit dem er aber ein Tuschebild suggeriert: „Der Sommerpalast im Schnee“. Das Paradox im Titel verstärkt die Wirkung der Motivwahl - ist der vor den Toren Pekings gelegene Komplex, in dem die Kaiser die heiße Jahrezeit verbrachten und 1860 europäische Truppen wüteten, doch für China ein historisch höchst ambivalenter Bau. So entfaltet Cao ein subtiles ästhetisch-politisches Spiel zwischen Gegensätzen.

          Blick in den großen Saal der Biennale-Sektion zum Design. Im Hintergrund ein großes Wandplakat von Dimitri Bruni und Manuel Krebs, im Vordergrund rechts eine Installation des chinesischen Gestalters eonway, der seine Infusionsbeutel als Hommage an Krzystof Kieslowskis Filmzklus „Drei Farben“ mit blauen, weißen und roten Flüssigkeiten gefüllt hat

          Aber Chengdus Biennale beschränkt sich nicht auf Kunst. Design und Architektur sind weitere Themen, und mit dem Schwerpunkt Gartenstadt hat der Architektur-Kurator Zhi Wenjun ein ebenso dringliches Problem für China mit seinen explodierenden Städten gewählt wie Ou Ning, der den Biennale-Teil für Design verantwortet, es unter Berufung auf den Beuys-Begriff der „Sozialen Plastik“ für die meist nur als kommerziell interessant eingeschätzten chinesischen Gestalter getan hat. Allen drei Sektionen gemeinsam ist also die bewusste Abkehr von etablierten Linien, wobei Design und Malerei besonders mutig agieren, weil sie als Teilnehmer fast ausschließlich chinesische Künstler wählten. Auffällig allerdings, dass dabei mit Ai Weiwei der im Westen bekannteste fehlt. Das ist doppelt interessant, weil die Konzeption des Teils zur Gegenwartskunst erst in den drei Monaten vor der Eröffnung im September erfolgte.

          Zusammenarbeit mit Venedig

          Die Biennale erwies sich als so erfolgreich, dass sie kurzerhand noch um eine Woche verlängert wurde. Dabei spielte es gewiss auch eine Rolle, dass sie das erste Großereignis war, das auf dem umgebauten Werksgelände stattfand, aus dem in Zukunft der East Chengdu Music Park werden soll. Die dort angesiedelten Luxusgeschäfte, Restaurants und Clubs ziehen abends ein junges städtisches Publikum an, das die Kunst nur als Begleitprogramm zur Unterhaltung wahrnimmt. So mag Peking sich das gedacht haben.

          Ein Teill von eonways Hommage an Kieslowski, hier das blaue Drittel.

          Dennoch war die Aufmerksamkeit so groß, dass die älteste und wichtigste aller Biennalen, die von Venedig, den Organisatoren in Chengdu angeboten hat, in zwei Jahren zusammenzuarbeiten. In Venedig mag man sich davon den Zutritt nach China erhoffen, in Chengdu sieht man darin eine wichtige Bestätigung des eingeschlagenen Kurses. Man ist in Sichuan nicht nur geographisch weit von Peking entfernt.

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