http://www.faz.net/-gqz-845pb

Bevölkerungsentwicklung : Land ohne Kinder

  • -Aktualisiert am

Kinder kommen nicht von selbst, sie großzuziehen ist kein Zuckerschlecken Bild: dpa

Seit Jahrzehnten haben wir in Deutschland die niedrigste Geburtenrate der Welt. Dass die Jungen keine Lust auf Kinder haben, ist weder Zufall noch Ausdruck von Egoismus. Es liegt an den Alten.

          An allen Ecken und Enden wird deutlich: Die Bevölkerung Deutschlands wird immer älter. Meine Generation - ich bin 1978 geboren - umfasst circa ein Viertel weniger Menschen als die Generation meiner Eltern. Schulen werden dicht-, Pflegeheime aufgemacht. Wenn nicht dagegen gesteuert wird, droht ein Rückgang der Wirtschaftsleistung, ein Versagen der sozialen Sicherungssysteme, Pflegenotstand, Altersarmut. Es wären die Auswirkungen einer seit 40 Jahren konstant niedrigen Geburtenrate, die über diesen langen Zeitraum hinweg in der Welt einzigartig ist.

          Oft macht mich die Art und Weise, wie über die Gründe des demographischen Wandels gesprochen wird, unglaublich wütend, denn sie ist blind für soziale und politische Faktoren. Sie sucht die Ursachen ganz bequem beim Individuum. Dabei war die niedrige Geburtenrate noch nie ein Ausdruck egoistischer Akademikerinnen im Gebärstreik. Sie ist eine Gemeinschaftsfehlleistung von Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien, die viel zu lange nicht wahrhaben wollten, das eine Generation herangewachsen ist, die in weiten Teilen andere Vorstellung von Familie, von Leben und Arbeiten hat, als sie selbst.

          Wir sind weder faul, noch egoistisch. Die Welt hat sich gewandelt und wir mit ihr. Wir stehen vor einer anderen ökonomischen Situation, die Arbeitsverhältnisse sind unsicherer. Frauen und Männer sind ähnlich gut ausgebildet. Und wir haben andere Werte. Wir wollen Selbstbestimmung, Partnerschaften auf Augenhöhe. Beruf und Familie vereinbaren. Und das ist derzeit für die meisten immer noch unmöglich.

          Mehr Gleichberechtigung, höhere Geburtenrate

          Geschlechtergerechtigkeit gilt international mittlerweile als Schlüssel zu einer höheren Geburtenrate in Industrieländern, wie eine OECD-Studie aus dem Jahr 2013 belegt. Gesellschaftliche Werte, Familienpolitik und Geburtenraten der OECD-Länder wurden verglichen. Je eher Gleichberechtigung gelebt werden kann, desto höher die Geburtenrate. Für Deutschland fand das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung im selben Jahr heraus: Die heute 20- bis 39-jährigen sind zu mehr als 90 Prozent der Meinung, dass beide Elternteile für die Betreuung der Kinder verantwortlich sein sollen.

          Die überwältigende Mehrheit - 84 Prozent aller Frauen und 77 Prozent aller Männer - findet auch, dass beide Elternteile das Familieneinkommen verdienen sollten. 60 Prozent aller Menschen in diesem Alter wünschen sich ein egalitäres Familienmodell, in dem die Bereiche Lohnarbeit und Kinderbetreuung gleichmäßig zwischen den Partnern aufgeteilt werden.

          Das ist ein immenser Wertewandel in kurzer Zeit. In der Generation meiner Großeltern dominierte die Alleinverdiener-mit-Hausfrau-Ehe, ein romantisiertes bürgerliches Ideal, aus dem es kaum möglich war auszubrechen, ohne gesellschaftlich sanktioniert zu werden. Wer nicht verheiratet war, konnte keine Wohnung mieten, Ehemänner durften ihren Ehefrauen bis in die 1970er hinein verbieten, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, wenn sie glaubten, dass Haushalt oder Kinder darunter leiden würden. Alles heute nicht mehr vorstellbar. Zum Glück.

          Aus dieser Zeit stammt aber unser Grundgesetz, das allein die heterosexuelle Kleinfamilie als staatlich schützenswerte Form des Zusammenlebens ansieht. Und in diese Zeit wurden auch diejenigen hineingeboren, die nun an der Macht sind. Die sich schwertun mit dem Wandel der Familienstrukturen, auch wenn dieser eigentlich schon längst stattgefunden hat.

          Weitere Themen

          Wackelige Königsmacher

          FDP in Hessen : Wackelige Königsmacher

          Die FDP könnte CDU und Grünen beispringen, damit es für eine Mehrheit reicht – dafür muss sie es aber erst einmal in den Landtag schaffen. Und auch dann ist eine Jamaika-Koalition keinesfalls gewiss.

          Es fehlt der Realitätsbezug Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Dogman“ : Es fehlt der Realitätsbezug

          Der neue Film von Matteo Garrone ist kein schöner Film und spielt in einer Gegend, die wir oft nur aus dem Kino kennen: Auf der Rückseite Süditaliens. - Ob es sich trotzdem lohnt ihn zu sehen verrät Andreas Kilb.

          Hilfe, das bin ich nicht

          Im falschen Körper : Hilfe, das bin ich nicht

          Die meisten Transsexuellen empfinden die geschlechtsangleichende Operation als Erlösung. Doch es gibt Ausnahmen. Zwei Betroffene erzählen, warum sie ihre Entscheidungen bereuen.

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : Der Moment der Wahrheit naht

          Beim EU-Gipfel in Brüssel sind sich die Teilnehmer einig: Eine Einigung für den anstehenden Brexit zu erzielen, wird immer schwerer. Und neue Kritik an der britischen Premierministerin gibt es auch.
          Mit oder ohne Krawatte: Amtsinhaber Bouffier mit Herausforderer Schäfer-Gümbel

          TV-Duell in Hessen : Und plötzlich eine Schicksalswahl

          Der Zusammenhalt der Koalition, die Zukunft der SPD: Nach der Bayern-Wahl geht es in Hessen um mehr als nur den neuen Landtag: Beim TV-Duell wird deutlich, wie schwer die Klötze an den Füßen der beiden Spitzenkandidaten sind.

          Anschlag auf der Krim : „Ich liebe Dich, meine Sonne“

          Eine mit Metallteilen gefüllte Bombe geht in einer Berufsschule im Osten der Krim hoch. Dutzende Schüler werden verletzt. Zunächst wird wegen Terror ermittelt – doch die Tat war wohl nicht politisch motiviert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.