Home
http://www.faz.net/-gqz-30re
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Beutekunst Zweifelhafte Provenienzen in deutschen Museen

12.12.2001 ·  Wieviel Kunst aus dem Dritten Reich müssen Deutschlands Museen noch zurückgeben? Das fragt eine Tagung in Köln.

Von Gerd Korinthenberg
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Fast sechzig Jahre nach dem Ende des „Dritten Reiches“ warten in Deutschland noch etwa 2.200 Kunstwerke aus dem Besitz ehemaliger Nazi-Größen auf ihre Rückgabe an ihre rechtmäßigen Eigentümer. Öffentliche Gebäude in Deutschland schmücken sich mit ihnen. Sie schlummern in den Depots der Museen. Damit soll jetzt Schluss sein. In Köln verhandeln zum ersten Mal seit dem Krieg Deutschlands Museen öffentlich ihre Rolle im Dritten Reich. Eine Folge könnte sein, dass unrechtmäßiges aufbewahrtes Kunstgut an mögliche rechtmäßige Erben zurückgeht.

Über 580 bedeutende Gemälde und 1200 Grafiken mit „zweifelhafter Provenienz“ befinden sich noch in Deutschland. Betroffen sind mehr als 100 deutschen Museen. Es sind Leihgaben der Bundesrepublik. Diese Zahl nannte am Mittwoch Harald König, Referent bei der Oberfinanzdirektion Berlin, auf der Tagung zur NS-Museumspolitik in Köln. Der größte Teil dieser Kunstwerke sei den NS-Verfolgten nicht direkt geraubt, sondern auf dem deutschen wie internationalen Kunstmarkt gekauft worden, betonte König. Dennoch müsse gefragt werden, ob das nicht ein durch die NS-Gewaltpolitik bedingter Zwangsverkauf etwa jüdischer Vorbesitzer gewesen sei oder ob die Verkäufe wirklich ganz freiwillig stattfanden.

Die meisten Beute-Kunstwerke wurden zurückerstattet

Die seit kurzem im Internet unter der Adresse www.lostart.de veröffentlichten Kunst- und Kulturgüter, für die noch keine Eigentümer oder Erben ermittelt werden konnten, sind der Rest eines Kunstschatzes im Wert von rund 100 Millionen Reichsmark, der seit 1939 vor allem für die Sammlungen Hitlers und Görings im Reichsgebiet und dem besetzten Europa zusammengetragen worden war. Immerhin, so schilderte der Mitarbeiter der Bundesvermögensabteilung weiter, konnten seit 1949 auch rund eine Million Kunstobjekte zurückgegeben werden.

Seit Dienstag beschäftigten sich in Köln bei dem Kolloqium „Museen im Zwielicht“ knapp 200 Kunstexperten mit dem dunkelsten Kapitel ihres Faches. Enge Verstrickungen von bis in die Nachkriegszeit hoch geehrten Kunsthistorikern mit Nazi-Dienststellen und dem Kunsthandel bei der Plünderung besetzter Länder wurden ebenso deutlich wie die Notwendigkeit, bis heute vor jedem Ankauf die genaue Herkunft eines jeden Werkes zu klären, das zwischen 1933 und 1945 den Besitzer gewechselt hat. Das sei eine „Gewissenserforschung“, die in akribische Detektivarbeit münde, hieß es.

Schweiz war für die Raub-Kunst ein lukrativer Ort

Eine wichtige Rolle als Umschlagplatz für Beutekunst spielte die Schweiz. Sie war nicht nur für die braunen Machthaber ein Devisen bringender Auktionsplatz für „entartete“ Kunst, sondern im großem Umfang ein Markt für künstlerisches „Fluchtgut“ von Verfolgten. Auch rund 100 geraubte Gemälde, „darunter Impressionisten aus besten französischen Sammlungen“, fanden nach Darstellung einer jungen Kunsthistorikerin aus Zürich Abnehmer in der Schweiz: „Die Zahl ist aber nach oben hin offen.“

Das berühmte Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam, das seit 1933 fast 200 Dauerleihgaben und Schenkungen privater Sammler erhielt, bekam allein 1941 die traurige Rekordzahl von 40 Kunstschenkungen aus Privatbesitz. „Es war wohl besser“, so ein niederländischer Experte, „seine Kunst zu verschenken, als sie von den deutschen Besatzern gestohlen zu bekommen“.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Vorletzte Werte

Von Thomas Thiel

Die Welt hat eine neue Religion: „Kopinismus“ nennt sich der offiziell anerkannte Glaube an das Filesharing als höchsten Lebenssinn. Es geht aber nicht um letzte, sondern um strategische Werte. Mehr