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Bettencourt-Günstling Banier Ein Sohn aus gutem Hause

18.07.2010 ·  Der Prozess gegen den Künstler François-Marie Banier erschüttert das System Sarkozy. Aber wer ist eigentlich dieser Mann, dem Frankreichs reichste Frau mehr als eine Milliarde geschenkt hat?

Von Ingeborg Harms
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Wenn es im schwelenden Parteispendenskandal, der zurzeit ganz Frankreich bewegt, eine zentrale Figur gibt, dann handelt es sich nicht um Nicolas Sarkozy, auch wenn der Präsident von Tag zu Tag mehr um sein Amt fürchten muss. Die schillernde Gestalt, die all die Untersuchungen ins Rollen brachte, ist François-Marie Banier, Künstler, Protegé und engster Vertrauter der reichsten Frau Frankreichs und ganz Europas, der L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt.

Weil ihre von Baniers Einfluss beunruhigte Tochter, die Theologin Françoise Bettencourt-Meyers, im Dezember 2008 einen Antrag auf Vormundschaft über ihre Mutter einreichte, kam es zu jenem Prozess, in dessen Verlauf sich nun Details über eine mögliche Günstlingswirtschaft der Sarkozy-Partei UMP herauszukristallisieren beginnen.

Die Gründe, die das Einzelkind Françoise Bettencourt-Meyers nach dem Tod ihres Vaters dazu bewogen haben, Familienintimitäten mit dem großen Gestus attischer Tragödien an die Öffentlichkeit zu tragen, können niemanden kaltlassen. Innerhalb von wenigen Jahren hat ihre heute 87-jährige Mutter Banier Werte in der geschätzten Höhe von einer Milliarde Euro zukommen lassen, Schecks über Millionensummen, Gemälde, Lebensversicherungen und möglicherweise sogar ein kleines Steuerparadies. Personalaussagen deuten darauf hin, dass die Freundschaft zwischen der Grande Dame und ihrem 63-jährigen Vertrauten turbulent gewesen ist und zeitweise geradezu erpresserische Züge annahm. Die Tochter sah in den imposanten Gaben eine Ausnutzung der Altersschwäche und fürchtete, dass die große Zuneigung ihre Mutter gar zur Adoption Baniers verleiten könnte. Und weil der in L'Oréal investierende Schweizer Großkonzern Nestlé auf den Zukauf weiterer Aktien drängt, die ihm die Oberhoheit geben können, ist der Familienstreit zugleich eine Staatsaffäre.

Das kulturelle Establishment lag ihm zu Füßen

Liliane Bettencourt ihrerseits betont, dass sie ihr Aktiendepot nie angreifen würde und ihre Zuwendungen an Banier ausschließlich aus den jährlichen Ausschüttungen bestritten habe. Für die Besitzerin eines Vermögens, das sich in der jüngsten Finanzkrise um sieben auf circa 17 Milliarden Euro reduziert hat, sind die Millionen, die ihrem Künstlerfreund regelmäßig zuflossen, „eine wenn schon bedeutende, so doch proportional nicht ins Gewicht fallende Summe“. Liliane Bettencourt reklamiert die Freiheit, ihr Taschengeld nach eigenem Gutdünken auszugeben. Und das Einzige, was sie in ihrem Alter und nach dem Tod ihres Mannes noch „ablenken, amüsieren und überraschen“ kann, ist nun einmal Banier.

Sie ist nicht die Einzige, die er in seinen Bann schlug. André Maurois kam noch acht Jahre nach einer Begegnung mit dem zwanzigjährigen Banier bewundernd auf dessen Impertinenz und sarkastische Intelligenz zurück, Dalí ließ den jungen Mann jahrelang täglich in einem Wagen abholen, um mit ihm zu diskutieren, Aragon sagte ihm eine große Zukunft voraus und lobte sein impulsives, verstörendes Talent. Marie-Laure de Noailles vermachte ihm ihr stupendes Jean-Michel-Frank-Interieur, Madame Grès ernannte ihn zu ihrem Berater und Pierre Cardin zu seinem Pressevertreter, Johnny Depp vertraute ihm die Patenschaft seiner Tochter an, Vladimir Horowitz ließ sich von ihm zu einer letzten Tournee überreden, „Le Monde“ und „Le Figaro“ räumten dem frühreifen Wunderkind Kolumnen ein, und von Yves Saint Laurent und Françoise Sagan über Isabelle Adjani und Patrice Chéreau bis zu Silvana Mangano und Truman Capote lag das kulturelle Establishment François-Marie Banier zu Füßen.

Von Grund auf verlogen, irreführend und verstellt

Er spiele mit der Energie der Menschen wie Faust mit dem Feuer, gab Banier einmal zu wissen. Schon sein Talent, mit exzentrischen Persönlichkeiten in freundschaftlichen Kontakt zu treten, ihren Enthusiasmus anzuheizen und ihr Vertrauen zu ernten, dürfte ein Lebenswerk genannt werden. Doch Banier publizierte auch sieben Romane und drei Theaterstücke, entwickelte sich zu einem der beliebtesten Fotografen des Jetsets und neuerdings zu einem Virtuosen der gestischen Malerei.

Eine gewisse Vorstellung von Baniers Kindheit und einen starken Eindruck von seinen rhetorischen Fähigkeiten gibt der autobiographische Roman „Balthazar, Sohn aus gutem Hause“, der 1985 erschien und bei Steidl nun auf Deutsch zu haben ist. Im Zentrum steht ein sadistischer Vater, der seine ungarischen Wurzeln unter makellosem Französisch verbirgt und den Sohn mit seinem Etikettewahn an den Rand des Selbstmords treibt. Alles in diesem auf den gesellschaftlichen Aufstieg berechneten Haushalt ist von Grund auf verlogen, irreführend und verstellt: Die Dinnerabende, bei denen sich der Vater in einen zuvorkommenden Charmeur verwandelt, die kokette Gattin, die lustig weiterzwitschert, während ihr Mann den Sohn mit brennenden Zigaretten traktiert, die Wohnung, die der Antiquitätenhändler mit noch unverkauften Objekten möbliert, so dass sich die Einrichtung wie eine Theaterbühne von Tag zu Tag verändert. Und weil man sperrige Objekte im Kinderzimmer zwischenlagert, lebt Balthazar in einem Warenmagazin, aus dem er sich zum Träumen in einen überdimensionalen Schrank zu flüchten pflegt.

Eine kriminelle Energie, die bezaubert

Nicht zuletzt das in „Balthazar“ durchschimmernde Kindheitstrauma machte aus François-Marie Banier einen extravaganten, höchst widersprüchlichen Charakter: Von Ehrgeiz getrieben, verführerisch höflich und mit Komplimenten um sich werfend, doch zugleich aufbegehrend, ungeduldig und mit einer im Feuer der familiären Hölle geschmiedeten Intelligenz begabt, die durch den Festungswall der verwöhnten Pariser Gesellschaft wie ein Frühstücksmesser durch die Butter schnitt. Es gelte das Mysterium der Menschen zu ergründen, schreibt Banier in „Balthazar“, ihre Größe und den Punkt, an dem sie verwundbar sind. Sein fotografisches OEuvre wendet diese Maxime auf die ganze Gesellschaft an; in pointiertem Gegensatz zu seinen Porträts bekannter Persönlichkeiten gibt es darin noch einen ganz anderen Schwerpunkt: Auf dem Moped machte er sich täglich zu Spritztouren in den Bauch von Paris auf, um mit der Leica groteske Gestalten einzufangen, Zwergwüchsige, Alte, Dicke, Rollstuhlfahrer, Clochards, all jene, die nicht in das Selbstbild der Moderne passen und ihren Idealen peinlich sind. Während Baniers VIP-Porträts die Verletzlichkeit der kollektiven Vorbilder offenbaren, sucht er in den Freaks nach Würde, innerer Schwerkraft und der Immunität derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Diese Schnappschüsse verraten Baniers Hunger nach der epischen Dimension des Lebens und wirken wie ein Tonikum auf die sedierten Rituale des Pariser Luxusmilieus, dem sich der Fotograf gleichwohl verschrieben hat.

„Wer sich verlieren will, muss aufs Urteilen verzichten. Es gilt einfach darauf zu vertrauen, dass der andere dich, gleich dir, erwartet“, schreibt Banier: „Dass die Liebe kein Spiegel noch ein bodenloser Abgrund ist, sondern ein Licht, das man in sich trägt, das man im anderen sieht und das dich fortträgt. Nichts auf Erden ist großartiger.“ Zwischen Narzissmus und Ichschwäche schwankend hat der ungeliebte Sohn in seinem Begehrungsvermögen den Schlüssel zur Identität ausgemacht. Mit jakobinischem Elan folgt er seinen Wünschen und Intuitionen, spricht Mitterrand auf der Straße an, marschiert zu Dalí ins Hotel, verlangt den Léger, den Picasso, den Matisse und den de Chirico, der bei Liliane Bettencourt an der Wand hängt, unersättlich, begierig nach neuen Reizen, beflügelt von einer kriminellen Energie, die in Schülerstreichen geboren wurde und den Besitzstand bezaubert.

Unfehlbares Gespür für den richtigen Augenblick

„Ich bin gegen demokratische Wahlen, für die Revolution, gegen Erbschaft, für Fortuna“, heißt es in „Balthazar“. Und Françoise Bettencourt-Meyers muss diesen Satz nicht gelesen haben, um für ihr Seelenheil zu fürchten. Baniers Programm entmachtet natürliche Bande und betreibt systematische Ersatzfamilienbildung. Weil er mit adoleszenter Nonchalance in die Herzen von Fremden stürmt, hebt er heriditäre Verpflichtungen mühelos aus den Angeln; und weil es in seiner so verzweifelten wie hochfahrenden Suche nach emotionaler Wahrheit keine tiefere Berechnung gibt, entwaffnet er Klassenreflexe und individuelle Schutzinstinkte. Mit empörender Offenheit soll er vor Verabredungen mit Liliane Bettencourt deren Sekretariat per Telefon daran erinnert haben, ihr ja das Scheckbuch zuzustecken. Finanzielle Mittel, das A und O seiner arrivistischen Eltern, sind für Banier ein schnell zu verbrennender Rohstoff ohne Wert in sich. Für den guten Ruf hat dieser Bel Ami des dritten Jahrtausends nur Verachtung übrig, so wie sein Alter Ego Balthazar, der sich ohne den Hauch eines Skrupels in einer zwielichtigen Kaschemme als Vortänzer und Gigolo verdingt.

Nachdem alle literarischen Bewegungen der Moderne im Sande verliefen, steht der Surrealismus in Gestalt von François-Marie Banier triumphierend wieder auf: „Ihr weißes, schäumendes Haar scheint über ihrem Kopf zu schweben wie eine Wolke, die sie frisch frisiert hat“, heißt es im Roman von einer Greisin. Es ist dieser Kippschalter des poetischen Blicks, der Banier die unendlichen Möglichkeiten am Rande des Erlaubten sehen lässt. Seine Frivolität hat Methode, er steigert sie zu einem Gesamtkunstwerk der merkurischen Existenz, das nicht ohne Folgen für den siechen Kapitalismus bleiben dürfte. Nicht weil L'Oréal-Papiere in seiner Hand den Konzern über die Schweizer Grenze wandern lassen könnten, sondern weil Banier unseren Begriff von Kunst gefährlich subvertiert. Hatte der Markt sie in den letzten Jahren zu einer handlichen Ware entschärft, so zeigt Banier, dass die, die mit ihr jonglieren, längst zu Künstlern geworden sind. „Dass François-Marie Künstler ist“, sagt Liliane Bettencourt, „heißt nicht, dass er kein Geschäftsmann sein kann. Er ist ein sehr guter Geschäftsmann, mit unfehlbarem Gespür für den richtigen Augenblick.“ Sein Sinn für das Momentum scheint Schule zu machen. Am Donnerstag wanderte Banier in Untersuchungshaft.

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