09.09.2008 · Einige Kilometer nördlich von Berlin grub die DDR ihren Regierungsbunker in den Sand. Nach der Wende wurde der Bau verschlossen und dem Verfall überlassen. Nun ist er für kurze Zeit begehbar. Ein Rundgang durch einen verschollenen Ort.
Von Lea von MartiusDie Grube ist im friedlichen brandenburgischen Kiefernwald leicht zu übersehen. Eine Stahltreppe führt unter Tage; schon wenige Stufen vor der metallenen Tür, die sich zum Stollen hin öffnet, umfängt den Besucher klamme Kälte. Die Luft im Gang ist schal und von einem scharfen Geruch nach Moder und Schimmel erfüllt. Von den Wänden und der niedrigen Decke tropft Wasser und bildet auf dem unebenen Boden kleine Pfützen. Wenn man seine Blicke umherschweifen lässt, sieht man auf dem Boden des spärlich beleuchteten Gangs das Parkett: wunderbares Linoleum, etwas ausgefranst an den Rändern, aber unverkennbar DDR-Design.
Der Bunker liegt vierzig Kilometer nördlich von Berlin, nicht weit von Wandlitz entfernt, jenem Ort, in dem fast das gesamte Politbüro der DDR abgeschottet in einer Waldsiedlung lebte. Im Falle eines atomaren Angriffs hätte es sich gemeinsam mit vierhundert anderen Mitgliedern von Partei, Regierung und Staatssicherheit in diesen Bau zurückgezogen. In einem Würfel, neunundvierzig Meter breit, fünfundsechzig Meter lang und vierundzwanzig Meter hoch, hätte die Funktionärselite der DDR ausgeharrt, bis der Große Bruder zu Hilfe gekommen wäre.
Graugrün gemusterte Duschvorhänge
Als das Objekt 17/5001 Ende der siebziger Jahre erbaut wurde, war es das aufwendigste und größte Schutzbauwerk innerhalb der Grenzen des Warschauer Paktes. Nachdem die Mauer gefallen war, wurde es zur nutzlosen Hinterlassenschaft für die Bundeswehr. Der Bunker wurde verschlossen, jahrelang durfte kaum jemand hinein. Ende Oktober soll er nun endgültig versiegelt werden. Zuvor hatte der Verein Berliner Bunkernetzwerk das Labyrinth aus Gängen, Kammern und Treppen eineinhalb Jahre lang dokumentiert. Nun bietet er Führungen an.
Weil der Haupteingang verschüttet ist, betritt man den Bunker heute durch einen Einlass, der in die Wand des Zugangstunnels geschlagen wurde. Nach einiger Zeit biegt der Tunnel ab und endet in einem Mauerloch, gerade groß genug, um hindurchzuschlüpfen. Dahinter erstreckt sich ein weiterer Gang. Rote Linien auf dem Boden führen seitlich durch schwere Drucktüren in den Vorraum der chemischen Duschen, mit dem die Dekontaminationsschleuse beginnt. Es ist kalt, konstant elf Grad. Die Wände des Raumes sind mit dunkelbrauner Tapete verkleidet, deren rechteckiges Muster auf den ersten Blick wie Kacheln anmutet. Hier hätten sich Neuankömmlinge ihrer Kleidung entledigt, um in den nachfolgenden Brausen mit allerlei Chemikalien von atomarer, biologischer oder chemischer Verseuchung gereinigt zu werden. An den Duschräumen hängen graugrün geblümte Plastikvorhänge, die zwischen all den Stahlrohren, Kabeln und Panzertüren seltsam deplaziert wirken.
Gerüchte über einen Raketenstützpunkt
Der roten Linie folgend, gelangt der Besucher tiefer ins Herz des Bunkers. Je weiter man vordringt, umso stärker wird der Eindruck von Verlassenheit. Im Treppenhaus, das vierundzwanzig Meter nach unten führt, fällt spärliches Licht auf das schlichte Mobiliar. Neben grünen Stühlen, die wie drapiert vor einer grauen Wand stehen, lehnt ein Schreibtisch, der jede Sekunde in sich zusammenzufallen droht. Rotweißes Klebeband verschließt den Durchgang zu Gängen, die sich in der Dunkelheit verlieren. Der Weg führt vorbei an unzähligen nahezu identischen Kontrollräumen, kleine Kammern mit Stuhl, Tisch, Leuchten und manchmal einem unscheinbaren Wandschrank. Die Aufgabenfelder der Beamten, die hier saßen, waren sicher nicht mehr größer als die Kämmerchen, in denen sie sich um deren pflichtgemäße Ausführung kümmerten. Einige Meter unter der Erde hätten sie das Ende eines Krieges abgewartet, aus dem sie nichts gerettet hätten außer dem eigenen Leben.
Die Gegend, in der der Bunker liegt, ist beschaulich. Einige verschlafene Dörfer hier und dort, gepflasterte Alleen, weites Heideland, ein Golfplatz in der Nähe. Ein Landstrich, in dem es keinen strategisch wichtigen Punkt gab, der aber so unschuldig wirkte, dass man in ihm kaum die Ausweichführungsstelle der Regierung vermutet hätte. Um die Neugier der Dorfbewohner irrezuführen, errichtete man auf dem Areal zuvor eine Kaserne. Aber im Gegensatz zum Zweck waren die Mittel nicht so einfach zu vertuschen. Die immensen Betonlieferungen ließen auf anderes schließen als einen einfachen Militärposten. So hielt sich in der Bevölkerung hartnäckig das Gerücht, man habe hier einen Raketenstützpunkt errichten wollen, um den Feind aus dem Westen abzuwehren.
Eine Schneeschicht aus weißem Schimmel
Der mehrere tausend Tonnen schwere Innenbau hängt teilweise an Stahlseilen von der Decke. Die Ingenieure nahmen an, die Druckwelle eines atomaren Anschlags würde den gesamten Bunker unter der Erde um etwa vierzig Zentimeter versetzen. Wichtige Maschinen, private Räume und unentbehrliche technische Abteilungen brachten sie deshalb in schwebenden Komplexen unter. Ihren Berechnungen zufolge hätte die meterdicke Decke Erschütterungen von bis zu einer Megatonne ausgehalten. Das entspricht der fünffachen Gewalt der Bombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde. Ob der Bunker wirklich standgehalten hätte, blieb naturgemäß aber ungewiss.
Auf dem Weg zur Schaltzentrale, die in einem solchen schwebenden Komplex liegt, überquert man eine Vielzahl kleiner Brücken, die die Tragwerke miteinander verbinden. Zwischen den Wänden geht es steil hinunter. Die genaue Tiefe ist schwer abzuschätzen, auch seitlich erkennt man kein Ende der Finsternis. Schließlich kommt man in den Kontrollraum, das technische Herz der Anlage, in dessen Mitte zwei metallene Pulte stehen, übersät von unzähligen Knöpfen, Hebeln und Schaltern: eine Fülle, die angesichts der sonstigen Kargheit des Bunkers überraschend wirkt.
Anfang der neunziger Jahre wurde der Bau versiegelt. Einige Zeit noch hatten Mitarbeiter der Telekom von der automatischen Telefonanlage aus Gespräche vermittelt, dann baute die Bundeswehr viele der Geräte aus. Später kam es immer wieder zu Einbrüchen, bei denen Stühle, Lampen, technische Ausrüstung und Ventile der Wasserleitungen gestohlen wurden. Der Wasserschaden, der daraus entstand, hatte verheerdende Folgen. Aus den tapezierten Wänden, den Teppichleisten in den sanitären Einrichtungen, im Notoperationssaal und in den privaten Räumen der Bunkerbewohner quellen Schimmel und Pilz aus Fugen und Ritzen. Verschont blieben auch nicht die Schlafstätten der Besatzung, vier dunkle Räume, in denen spartanische Kojen hängen, die über Stahlseile an der Decke befestigt sind, je fünf Betten in die Breite und drei in die Höhe. Weißer Schimmel liegt wie eine Schneeschicht auf den Gestellen, ein bizarres Bild der Ruhe.
Was es zu Essen geben sollte, wenn Atomkrieg war
Im Krisenkonferenzraum der Regierungsspitze fällt es heute schwer, sich in die Lage zu versetzen, die zu einem Zusammentreffen in diesem Raum geführt hätte. Im fahlen Licht der Deckenleuchten wirkt der einfache Saal mit dem rostbraunen Teppich und den grauen Projektionsflächen an der Wand schäbig und heruntergekommen. Sessel, Pulte und sonstiges Interieur wurden von der Bundeswehr entfernt. Drei Türen öffnen sich zum Saal hin, von denen die mittlere nur für Erich Honecker vorgesehen war. Sie ist der erste Hinweis darauf, dass er in diesem Gebäude über einen besonderen Status verfügte. Die mittlere Tür war unmittelbar mit seinen privaten Gemächern im oberen Stock verbunden. Anders als dem Rest der Besatzung war es Honecker gestattet, seine Frau mit in den Bunker zu nehmen.
Für einen Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzenden des Politbüros ist der private Bereich unerwartet nüchtern ausgestattet. Die Tapete und der rostbraune Teppich gleichen der Ausstattung der anderen Etagen, die gedeckten Farben entsprachen offenbar den damaligen Vorstellungen von Gemütlichkeit. In den zwei Räumen stehen nur noch ein Stuhl und eine Pritsche. Dennoch sind dies die einzigen der insgesamt dreihundert Räume in dem riesigen Gebäude, die überhaupt wie Zimmer wirken und beinahe eine Wohnsituation erzeugen. Nebenan liegt die Küche, in der – natürlich im Schichtbetrieb – für die gesamte Besatzung, aber speziell für Erich Honecker gekocht werden sollte. Wie die Kombüse einer Jugendherberge mutet sie an, gekachelt, gefliest und ehemals mit immensen Vorräten an Dosennahrung ausgestattet. In einem morschen Regal steht zwischen Kochtöpfen und verstaubten Wasserflaschen ein leeres Schraubglas mit heruntergerissenem Etikett. So kann man leider nicht mehr erkennen, was es zu Essen geben sollte, wenn Atomkrieg war.
Erich Honecker betrat den Bunker nur ein einziges Mal. Er blieb fünfzehn Minuten und kehrte nie wieder zurück. Bei den zahlreichen Katastrophenübungen, an denen die Regierungskader teilnehmen mussten, ließ er sich doubeln.
DDR-Bunker
Heinz-Werner Raderschatt (HEWERA)
- 09.09.2008, 15:47 Uhr
@Herr Raderschatt
Markus Leibold (MSL)
- 09.09.2008, 18:07 Uhr