22.08.2009 · Es kann trotz Krise gar nicht teuer und luxuriös genug zugehen: Notting Hill, Londons begehrtester Stadtteil, bekannt vor allem durch den Film mit Hugh Grant und Julia Roberts, bietet immer noch Häuser zu Höchstpreisen.
Von Gina Thomas, LondonDie britischen Meteorologen sitzen wieder einmal „in der Hundehütte“, um eine hiesige Redewendung wörtlich zu übernehmen, die so viel bedeutet wie „in Verruf stehen“. Sie hatten im April einen Grillpartysommer vorhergesagt mit Affenhitze, was der krisengebeutelten Nation nicht unrecht war, hatten doch viele beschlossen, auf den Auslandsurlaub zu verzichten. Stattdessen aber erlebten die Inselbewohner den nassesten Juli, seitdem das Wetter systematisch aufgezeichnet wird. Ein anderer Berufsstand, nämlich jener der Grundstücksmakler, dem die vom Wohnungsmarkt besessene Nation auf der Skala des öffentlichen Ansehens eine der niedrigsten Sprossen zugewiesen hatte, bis die in Ungnade gefallenen Banker ihn weiter nach oben verdrängte, sieht allerdings Anlass, sich über die meteorologische Fehlprognose zu freuen: Londoner Immobilienhändler glauben, dass sie davon profitieren. Wittern sie doch zur Zeit unsaisonale Frühlingsluft.
In der Regel tut sich, auch wenn es boomt, im Juli und August nichts. Gerade in diesem Jahr war mit absolutem Stillstand zu rechnen. Aber Tim Wright, Leiter des Kensingtoner Büros der internationalen Immobilienfirma Knight Frank, erinnert sich an keinen Juli, in dem das Geschäft derart brummte. Nicht nur, dass ein zaghaftes Vertrauen in die Börse zurückzukehren scheint, so dass auch der Wohnungsmarkt zumindest in den teureren Vierteln plötzlich wieder in Bewegung kommt, wie eine ächzende Maschine nach längerer Untätigkeit. Anders als in früheren Jahren sind viele Londoner gar nicht oder kürzer verreist, so dass sie zugegen sind, wenn Besitzer, die ein günstigeres Klima abgewartet haben, ihre Wohnungen kurzerhand auf den Markt werfen.
Richtpreis überschritten
In den letzten sechs Wochen hat Knight Frank im begehrten Stadtteil Notting Hill im Westen der Metropole vier Spitzenimmobilien für Beträge zwischen 5,25 und 6,95 Millionen Pfund verkauft, darunter eine ungewöhnlich großzügige Wohnung in Lansdowne Road, die pro Quadratmeter rund 1500 Pfund einbrachte. Noch vor kurzem hätten Käufer versucht, den ohnedies durch die Krise um bis zu fünfundzwanzig Prozent gefallenen Preis weiter zu drücken. Inzwischen aber kommt es immer häufiger vor, dass die ursprüngliche Preisvorstellung erfüllt oder gar übertroffen wird, berichten die anspruchsvolleren Immobilienbüros der Gegend erleichtert. Um ein anderes Haus in derselben Straße bewarben sich kürzlich mehrere Käufer. Wie in den besten Zeiten, die ihren Höhepunkt im Herbst 2007 erreichten, wurde das Patt durch versiegelte Gebote durchbrochen und der Richtpreis überschritten. Im Februar hätten die Makler nicht zu hoffen gewagt, dass die alten Verhältnisse so bald wiederkehren könnten.
Lansdowne Road ist freilich keine gewöhnliche Straße. Gesäumt von Villen und verputzten Reihenhäusern, erklimmt sie in gerader Linie den Hügel, der dem Viertel seinen Namen gibt, und schleicht sich am anderen Ende im Bogen wieder den Berg hinab. Tim Wright bezeichnet die repräsentativen Anwesen im ersten Abschnitt, wo gestutzte Buchskugeln, von Glyzinien umrankte Säulenvorbauten und der begehrte eigene Parkplatz den Ton angeben, als Trophäen, seine Kollegin Caroline Foord spricht etwas spröder von „Triple A“-Objekten.
Einheitlicher Charakter
Hier trifft man jedoch nicht auf die sterile Pracht der weißglänzenden, neoklassischen Fassaden von Nashs Regent's Park, obwohl diese wohl einigen der Bauspekulanten vorschwebten, als sie sich seit 1820 in das damals noch vorwiegend ländliche Gebiet am westlichen Stadtrand vorwagten wie die Goldsucher im Wilden Westen. Einer von ihnen legte sogar eine Pferderennbahn auf dem Hügel an, die es mit Epsom und Ascot aufnehmen sollte. Das Potpourri der Baustile erklärt sich nicht zuletzt aus der Zahl der Bauträger, die ihr Glück hier versuchten und zu reüssieren glaubten, wo andere sich übernommen hatten und an den verschiedenen Wirtschaftskrisen des vorvorigen Jahrhunderts gescheitert waren. So entfaltete sich das Viertel Zug um Zug als Wohngegend für das aufstrebende Bürgertum, das etwas weiter stadtauswärts Terrain wie in den Edelvierteln des Zentrums zu einem Bruchteil von deren Preisen erwerben konnte. Durch die Anlehnung an den Masterplan der ursprünglichen Unternehmer bewahrte es dennoch einen einheitlichen Charakter, der das Streben nach der Idylle des rus in urbe mit großstädtischem Ehrgeiz verknüpfte. Die Besonderheit von Lansdowne Road und einigen wenigen anderen Straßenzügen des Quartiers machen die sogenannten Gemeinschaftsgärten aus, welche die Idee des herkömmlichen Square umkehren.
Statt die Häuser um einen Platz zu gruppieren, in dessen Mitte der von der Straße wie durch einen Wassergraben umgebene Garten liegt, ließen die Bauträger die Liegenschaften hier hinten an die von den Anwohnern geteilte, ansonsten aber private Grünfläche grenzen - ein Paradies für Stadtkinder, die sich in der Geborgenheit eines nach allen Seiten abgesicherten Grünraums der Illusion hingeben können, die Freiheit der offenen Landschaft zu genießen. Es gibt in ganz Notting Hill knapp vierhundert solcher Immobilien, die durch den Hintergarten direkten Zugang zu einem der fünfzehn communal gardens haben. Ihre Eigentümer sitzen, sofern der Markt liquide ist, auf einer Goldgrube. Trotzdem zeigt die Geschichte von Lansdowne Road, dass auch die feinsten Adressen nicht vor Rückschlägen gefeit sind.
Schäbige Mietbuden
Der auf äußerste Diskretion bedachte Peter King, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert Wohnungen in Notting Hill vermittelt, verrät, dass mindestens dreimal eine zur Zeit im Umbau befindliche Immobilie in Lansdowne Road zum Verkauf stand. Sie ist geradezu exemplarisch für die Entwicklung der Gegend, die im zwanzigsten Jahrhundert zusehends verfiel, als der gehobene Mittelstand sich das für die Instandhaltung vorgesehene Personal nicht mehr leisten konnte. Die Objekte verloren an Wert und wurden oftmals unterteilt in Miet- oder Pachtwohnungen. King erinnert sich noch, wie die stattliche Doppelhaushälfte in Lansdowne Road in den Nachwehen der Rassenunruhen der späten fünfziger Jahre, die den schlechten Ruf von Notting Hill in alle Welt trugen, aus schäbigen Mietbuden bestand, dann in Wohnungen dividiert wurde, eine weitere Aufbesserung als anspruchsvolleres Apartmenthaus erfuhr und schließlich wieder zu ihrer ursprünglichen Bestimmung als Einfamilienhaus zurückfand.
Der Aufschwung hatte schon vorher eingesetzt, aber die Filmschnulze von 1999 mit Hugh Grant und Julia Roberts gab Notting Hill den letzten Schliff. In der Mischung aus Boheme und modischem Schick, aus altem und neuem Geld, aus englischer Bodenständigkeit und internationalem Flair verkörperte das Viertel geradezu den Geist der boomenden Metropole um die Jahrtausendwende. Obwohl sich anderswo größere Grundstücke anbieten, bestanden manche Multimilliardäre partout auf Notting Hill und schafften sich durch Anbauten und mehrstöckige Unterbauten mit Fitnessräumen, Autoschauräumen und Schwimmbecken den Platz, den sie für die Lage geopfert hatten.
Geld ist noch vorhanden
Dieser Trend der Untertunnelung hat derart um sich gegriffen, dass die Anwohner um die Fundamente fürchten und die Gemeindeverwaltung das Ingenieurbüro Ove Arup mit einer Untersuchung der möglichen Auswirkungen beauftragt hat. Auch dieses Phänomen ist Ausdruck der Exzesse, die durch die Krise verringert, aber keineswegs abgestellt worden sind. Tim Wright gesteht zwar, dass das Geschäft mit Immobilien über der Zehn-Millionen-Pfund-Grenze überaus schleppend ist, so wie der Markt für Zweithäuser mehr oder weniger stillsteht, aber die jüngsten Verkäufe zeigen, dass noch Geld vorhanden ist und die Immobilie weiterhin als attraktive Anlage gilt.
Niedrige Zinsen haben den Londoner Markt bislang vor den Einbrüchen der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bewahrt, als Hypothekenzahler sich zum Verkauf genötigt sahen. Anderswo, zumal im Norden Englands, präsentiert sich freilich ein weniger rosiges Bild. Aber die leisen Anzeichen der Besserung lassen die Makler der gehobenen Viertel hoffen, dass die Gipfel von 2007 wieder in Reichweite rücken. Es fragt sich allerdings, ob man sich die fieberhaften Zustände von damals wirklich zurückwünscht, als selbst Häuser von der Größe einer Hundehütte kaum erschwinglich waren.
1.500 Pfund pro Quadratmeter? Na sowas!
Felix Römer (bechstein1a)
- 21.08.2009, 23:05 Uhr