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20.10.2008 ·  Große Töne: Ben Becker liest die Bibel in der Festhalle

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Nichts liebt Ben Becker mehr als spektakuläre Auftritte. Der 43 Jahre alte Schauspieler und Gelegenheitsmusiker, der so gerne ein Rockstar wäre, neigt mitunter zu Übertreibung und Widersprüchlichkeit in den ganz großen Gesten. Im vergangenen Jahr ist er nach dem Konsum harter Drogen dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen.

Und nun verkündet er, sozusagen, das Wort Gottes in deutschen Arenen. Das Interesse an "Die Bibel - eine gesprochene Symphonie" hält sich jedenfalls in Grenzen. Wurde doch nicht nur die Premiere in Kiel wegen chronisch schleppender Ticketverkäufe, sondern kurzerhand auch noch vier weitere Termine auf Februar kommenden Jahres vertagt.

Auch das Gastspiel in Frankfurt schwächelt. Die hintere Hälfte der Festhalle wurde mit einer riesigen Plane abgehängt. Ebenfalls nur halb belegt präsentiert sich der erste Rang. Die Etage darüber bleibt fürs Publikum gleich ganz geschlossen. Im Innenraum, wo auch Schauspielkollege Mario Adorf Platz nimmt, kaschiert eine Komplettbestuhlung den Mangel an zahlendem Publikum.

Am Anfang war das Wort, heißt es bei Johannes. Bei Ben Becker gestaltet sich der Auftakt des dreistündigen Marathons um einiges aufwendiger. Wähnt sich der Zuschauer doch per Leinwand-Triptychon in einem Science-Fiction-Film. Zu Galaxien, Sternen und Planeten in kostspieliger Animierung wabert das Filmorchester Babelsberg unter der Leitung des Dirigenten Peter Christian Feigel unheilschwanger in Bläsern, Streichern und Chören.

Zehn Minuten später betritt Becker im extralangen Gehrock die Bühne, um sich in einer mit goldenem Kreuz versehenen Kanzel an das Buch der Bücher zu wagen. Predigen oder gar missionieren wolle er aber nicht, wird er nach dem Konzert in der Festhallen-Rotunde sagen, nachdem er jüngst auch im Fernsehen seine Distanz zur Religion zu Protokoll gegeben hatte. Aber warum hat er sich dann überhaupt die Bibel als Lesestoff ausgesucht? Ist es möglicherweise der Versuch, es Klaus Kinski nachzutun? Der wagte 1971 mit der Performance "Jesus Christus Erlöser" eine radikale, von ihm umgeschriebene Interpretation des Neuen Testaments, der allerdings wenig Glück beschieden war.

Selbst Hand an die Texte gelegt hat Becker zwar dann doch nicht. Aber er traf die Auswahl: von der Genesis bis Jonas im Wal, von Noahs Sintflut bis zu Samson und Delilah. Stark verkürzt, versteht sich. Quasi ein Best Of Heilige Schrift, eine biblische 5-Minuten-Terrine. Mitunter gerät das Gelesene so straff, dass die Geschichte mittendrin unvermittelt abbricht.

Stets schwelgt Becker in triefendem Pathos. Selbst wenn er in die Bühnenmitte tritt, um mit seiner "Zero Tolerance Band" Elvis Presleys "In The Ghetto" oder Johnny Cashs Version von Nine Inch Nails "Hurt" zu interpretieren. Nach der Pause geht es ins Neue Testament. Bei der Passion Christi steigert sich der Mime noch mehr in sein überzogenes Spiel, als gelte es, sämtliche Dramen Shakespeares in einem Aufzug aufzuführen. Zum Finale sprudeln idyllisch Springbrunnen, jubiliert der Gospelchor engelsgleich, und Becker verkündet, hektisch die Showtreppe auf und ab wandernd, einem amerikanischen Fernsehprediger gleich: "He's Alive!" Tosender Applaus. Immerhin ist Beckers das unterhaltsamste Wort zum Sonntag seit langem gewesen. Michael Köhler

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