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Bernsteinzimmer : Das Rätsel des 11. September 1945

Detail des rekonstruierten Bernsteinzimmers Bild: dpa

Präsident Putin und Kanzler Schröder haben am Samstag das Bernsteinzimmer im Zarenschloß bei St. Petersburg eröffnet. Seine Pracht konnte in jahrelanger Arbeit restauriert werden; das Rätsel seines Verschwindens bleibt ungelöst.

          Als im Herbst 1940 deutsche Truppen auf Leningrad vorrückten, konnten zahlreiche Kunstwerke nicht mehr in Sicherheit gebracht werden. Deutsche Kunstexperten wurden zur Front geschickt, um die Schätze der Eremitage nach Deutschland zu schaffen - ein Plan, der letztlich an der erfolglosen Belagerung der Stadt scheiterte.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch die Vororte von Leningrad wurden von der Wehrmacht überrollt, auch Puschkin, das frühere Zarskoje Selo, wo der Sommerpalast der Zarin Katharina der Großen stand. Dort war die kostbarste Wandverkleidung des Ostseeraums aufgebaut, das Bernsteinzimmer, ein besonders im Kerzenschein geheimnisvoll funkelnder Saal, 10,5 Meter breit, 11,5 Meter lang, sechs Meter hoch, vollständig mit Bernsteinplatten verkleidet.

          Am 17. September 1941 rollten die ersten deutschen Panzer durch die Trümmer des heftig umkämpften Puschkin. Am 14. Oktober demontierte eine Sondereinheit der deutschen Armee den Wandschmuck des Bernsteinzimmers, verpackte ihn in 27 Kisten und verschleppte ihn dorthin, wo das Zimmer einst geplant wurde: nach Deutschland.

          Historische Aufnahme des Bernsteinzimmers, um 1930
          Historische Aufnahme des Bernsteinzimmers, um 1930 : Bild: dpa

          Wie im Innern eines Bernsteins

          Es war die Idee des preußischen Architekten Andreas Schlüter, ein Prunkzimmer des Preußenkönigs Friedrich I. mit dem edlen Strandgut zu täfeln. Ein wahnsinniger Plan, der den Herrscher faszinierte. Zwölf Jahre wurde an dem Zimmer gearbeitet, der König starb, sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm I., ein sehr preußischer und etwas lustloser Mann, der sich lieber um seine Armee als um Glanz und Prunk kümmerte, ließ das ambitionierte Projekt stoppen; was fertig war, wurde in Kisten eingelagert.

          Es mußte erst Zar Peter I. 1716 nach Preußen reisen, damit der Schatz aus seiner Versenkung geholt wurde. Die Preußen schenkten ihn ihm als Dreingabe zum Bündnispakt gegen Schweden, der Zar bedankte sich, wie auch heute üblich, für Bündnistreue und freundliche Gaben mit der Bereitstellung einer Spezialeinheit - 55 Russen wurden dem Preußenkönig für seine Garde geschickt.

          Die 22 großen und 150 kleinen Tafeln, Figuren, Girlanden und Wappen wurden nach St. Petersburg gebracht, Peters Tochter Katharina schließlich ließ sie in ihrem Winterpalast aufbauen, dann in ihren Sommerpalast überführen; schon damals waren die Bernsteinsplatten eine der meistgereisten Wanddekorationen der Weltgeschichte. Katharinas Hofarchitekt Rastrelli ergänzte den Raum um Pilaster und Spiegel, in denen sich das schimmernde Licht weiter brach. Rastrelli erwies sich als Genie des Lichteffekts: Hinter die Platten legte er Spiegelfolien, in denen das Licht reflektierte und den Raum so glühen ließ, als säße man selbst im Inneren eines Bernsteins und sehe das vielfach gebrochene Tageslicht hinter der Wand schimmern. Katharina nutzte den Raum für Empfänge und ließ ihn von nicht weniger als 565 Kerzen erleuchten.

          Ungelöste Geheimnisse

          Der pathologische Kunstsammler Göring bekam fast alles -- nur nicht das Bernsteinzimmer. Erich Koch, Gauleiter in Ostpreußen, setzte sich bei Hitler mit seinem Plan durch, das Zimmer im Königsberger Schloß aufzubauen. Göring tobte - und, so lautete eine von zahllosen Thesen, wartete eventuell, bis sich eine neue Chance bot. Im August 1944 wurde das Königsberger Schloß bombardiert, das wie durch ein Wunder unbeschädigte Bernsteinzimmer wurde in Kisten verpackt und im Schloßkeller eingelagert. Am 12. Januar 1945 beschloß man, es nach Sachsen zu evakuieren. Danach verliert sich die Spur.

          Von diesem Samstag an öffentlich zugänglich, erstrahlt wieder ein Bernsteinzimmer im funkelnden Licht, ein Raum, der dank der großzügigen Spende der Essener Ruhrgas AG, des größten Importeurs russischen Gases, aus schätzungsweise sechs Tonnen Bernstein rekonstruiert werden konnte. Aber dieses Zimmer wird - wie jede Rekonstruktion - kaum die Aura des jahrhundertealten verschwundenen Zimmers haben, in dessen Wände sich der Ruß, der Tabakqualm und der Staub von Jahrhunderten eingenistet hatten, die den Bernstein dunkler werden ließen. Und so wird jede Brechung des Lichts in den neuen Wänden an die ungelösten Geheimnisse erinnern, die vielleicht in irgendeinem Stollen, in einer Sammlung in der Schweiz, auf dem Grund des Meeres, in einem Moskauer U-Bahn-Schacht eingeschlossen sind wie Insekten im Bernstein.

          Quelle: Die vollständige Fassung dieses Beitrags finden Sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12.05.2003, Nr. 109 / Seite 42.

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