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Bernhard in Münster Schöner Schmarrn

 ·  Gerd Leo Kuck inszeniert wohltemperiert und mit einigen neuen Zutaten Thomas Bernhards „Ritter, Dene, Voss“, das, 1986 uraufgeführt, inzwischen ein Klassiker ist.

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Brandteigkrapfen - das Rezept dazu findet sich im Programmheft. Ziemlich genau in der Mitte von Thomas Bernhards Theaterstück „Ritter, Dene, Voss“ werden sie aufgetragen und sehen, goldbraun luftig gebacken und mit sattem Sahne-Äquator, zum Reinbeißen aus. Die Inszenierung von Gerd Leo Kuck erreicht mit Ludwigs gehasster Lieblingsmehlspeise ihren kulinarischen Höhepunkt, wenn auch weniger fürs Publikum, das ihn ja zu Hause nachbacken kann, als für den inzestuös zwischen seinen beiden Schauspieler-Schwestern im Sandwich klemmenden Bruder. So kommt etwas Wiener Küchenkunst ins pumpernicklige Münster, wo der Schmarrn, wenn überhaupt, eher als Windbeutel oder (neudeutsch) Profiterol bekannt ist.

Intendant Wolfgang Quetes, ein Österreicher, setzt zum Ende seiner achtjährigen Intendanz noch eine Duftnote. Ob der frisch aus der Psychiatrie Steinhof entlassene Ludwig ganz gebacken ist, aber ist auch schon die einzige Frage, die die Aufführung stellt - so grüblerisch und überspannt, wie er hier hochfährt, sich über die Brandteigkrapfen stürzt, würgt und fast daran erstickt! Oder doch nur ein durchgeknallter Schauspieler? Ansonsten riecht man den Braten, der hier mit Sauce serviert wird.

Denn die Schwestern sind schnell durchschaut. Brav, dienend, zugeknöpft, im halblangen Kleid und die Haare verknotet Dene, die ältere; rauchend, sich bedienen lassend, das lange Sommerkleid dekolletiert und die Haare offen Ritter, die jüngere. Sie aber liest den „Standard“ und zeigt mit der lachsfarbenen Zeitung, die erst 1988 gegründet wurde, an, dass das 1986 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Stück nicht mehr ganz das alte ist. Kuck, früher Intendant in Zürich und Wuppertal und dort nie sein erster Regisseur, inszeniert es wohltemperiert im Theatertreff, dem zum Studio leergeräumten Café mit hundert Plätzen.

Durchs Fenster grüßt die Apostelkirche, und von der Kreuzung dröhnen erstaunlich viele frisierte Motoren herauf. In der Ausstattung mit Buffett- statt Standuhr und Familienporträts (wie vom Touristenmaler vor dem Stephansdom) an der Wand auf Puppenstubenformat gebracht, ist „Ritter, Dene, Voss“, und das schien vor einem Vierteljahrhundert unvorstellbar, zum Klassiker geworden. Was Münster womöglich, doch eben das bleibt abzuwarten, nicht ganz so auf den Geschmack bringt, wie - Abonnenten, an den Herd! - die Brandteigkrapfen.

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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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