14.06.2009 · Wer alles kann, muss nicht alles machen: Das Multitalent der Neuen Frankfurter Schule
Wäre für jeden Lacher, den sein Wortwitz hervorgelockt hat, und für jedes Mal, das einer seiner Reime zitiert oder eine seiner Pointen wiederholt wurde, ein Wassertropfen in den Main gefallen, weite Teile Deutschlands wären heute überflutet, und Bernd Eilert stünde hoch oben am Fenster seiner Wohnung in der Frankfurter Innenstadt und blickte stirnrunzelnd hinab in die Wogen, eine sanfte Klage über das schlechte Wetter auf den Lippen.
Aufgewachsen ist er an der Hunte. In einen anderen Fluss, der ihm der liebste werden sollte, hat er nie einen Zeh gestreckt. Als der Zehnjährige 1959 im Erdkundeunterricht vor einer Karte Deutschlands "in den Grenzen von 1937" stand, entdeckte er ungefähr auf Augenhöhe und ziemlich weit im Osten ein Flüsschen namens "Faule Obra", von dem er noch ein knappes halbes Jahrhundert später glauben wollte, dass es alle anderen gemächlich dahinströmenden Flüsse "untertrifft: Womöglich fließt sie überhaupt nicht und wälzt sich bisweilen nur in ihrem Flussbett auf die andere Seite. Hätte ich damals ein Leitbild gehabt, dann wäre es wohl dieser Fluss gewesen."
Geschäftigkeit war nie sein Maßstab. Aber die Sympathie für das träge Gewässer kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bernd Eilert selbst überaus produktiv ist. Sie verweist indes auf das Ideal einer Anstrengung, die unsichtbar zu bleiben hat, solange ihr nicht gelingt, in der Form ihrer größtmöglichen Eleganz in Erscheinung zu treten. Weil Kunst seiner Ansicht nach wohl doch mehr mit Können als mit Schwitzen zu tun hat, kann er die neue Brachialität, die sich auf dem Feld der komischen Unterhaltung breitmacht, nicht sonderlich schätzen. Gemäß seiner Überzeugung, dass man auf jedem selbst erwählten Terrain alles können sollte, um nicht alles machen zu müssen, ist ein Werk entstanden, dass an Vielseitigkeit das seiner Mitstreiter aus der Neuen Frankfurter Schule deutlich übertrifft. Denn Bernd Eilert ist nicht nur Satiriker und Humorist, sondern auch Schriftsteller, Essayist, Drehbuchautor, Filmproduzent und Übersetzer, der aus gutem Grund Oscar Wildes dramatisches Werk übertragen hat.
Nach einem kurzen akademischen Zwischenstopp in Marburg kam der Oldenburger 1970 nach Frankfurt am Main, wo er rasch Anschluss an den Autorenkreis des Satiremagazins "Pardon" fand. Bereits 1972 erschien die erste eigene Buchpublikation, als in Zusammenarbeit mit F. W. Bernstein der erst unlängst neu aufgelegte Kinderbuchklassiker "Die Kronenklauer" entstand. Sieben Jahre später zählte Eilert zusammen mit Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid zu den Gründern des Satiremagazins "Titanic". Zahlreiche Publikationen folgten: Eilert schrieb den Kriminalroman "Eingebildete Notwehr" (1989) und den preisgekrönten Erzählungsband "Windige Passagen" (1991), er veröffentlichte gemeinsam mit Henscheid eine Liste der "701 peinlichsten Persönlichkeiten 1979 - 1989" und zusammen mit Pit Knorr und Robert Gernhardt die Weihnachtsklassiker "Erna, der Baum nadelt" und "Es ist ein Has' entsprungen". Zusammen mit Gernhardt und Knorr verfasste er auch zahlreiche der Texte, mit denen Otto Waalkes seit Jahrzehnten seine triumphalen Erfolge feiert - bis zu den jüngsten Märchen-Komödien der "7 Zwerge".
So imposant die Liste seiner Publikationen und Erfolge zweifellos ist, noch beeindruckender wird Eilerts Gesamtwerk, wenn man es als die Summe der Andeutungen seiner Möglichkeiten betrachtet. Dass er nicht alle dieser Möglichkeiten immer bis zur bitteren Neige ausschöpfen wollte, ist einer Weltsicht geschuldet, die er 1987 in dem von ihm herausgegebenen dreibändigen "Hausbuch der literarischen Hochkomik" als "absolut" beschrieben hat: "Die komische Weltsicht relativiert alles. Nur wer die Welt sehen möchte, wie sie ist, um zu erkennen, wie sie bestenfalls sein könnte, wird die Unversöhnlichkeit absoluter Komik aushalten und in Wort und Bild für ihre Verbreitung streiten. Wenn er über die komischen Mittel verfügt, wird er so womöglich gar die Ahnung von einer helleren Welt vermitteln." Bernd Eilert verfügt über diese Mittel. Am 20. Juni wird er sechzig Jahre alt. HUBERT SPIEGEL