05.11.2008 · Mit seiner Vernunft hat Bernard-Henri Lévy fast immer politisch recht behalten. Und auch wenn er sich kokett als „Volksfeind“ bezeichnet, schreibt er viel gelassener über den Lauf der Dinge in dieser Welt. Der epochale Fadenzieher wird 60.
Von Jürg Altwegg„Ich bin das uneheliche Kind eines teuflischen Paares, des Faschismus und des Stalinismus“: So lautet der erste Satz des Buches, das seinen Autor Bernard-Henri Lévy Ende der siebziger Jahre schlagartig bekannt machte.
Mit einem gemeinsamen Regierungsprogramm traten die Kommunisten und ihr damaliger Juniorpartner, die genauso marxistischen Sozialisten, zu den Parlamentswahlen des Frühjahrs 1978 an. Alle Meinungsumfragen sagten ihren Sieg nach dreißig Jahren kultureller Hegemonie voraus. Doch unvermittelt betraten damals ein paar junge „Neue Philosophen“ die intellektuelle und politische Arena.
Der epochale Fadenzieher
Sie waren am Mai '68 beteiligt gewesen. Nach seinem Scheitern, für das sie die Kommunisten verantwortlich machten, engagierten sie sich in den radikalen Sekten, welche die Revolution predigten. Mao, Trotzki, Fidel Castro waren die neuen Götter. Solschenizyn enthüllte den Franzosen die Realität der sowjetischen Lager, deren Existenz von den Intellektuellen des Nachkriegs in ideologischer Blindheit verdrängt worden war.
Nun wurde allen Ernstes das Schreckgespenst eines GULags in der roten Banlieue von Paris an die Wand gemalt. Ein „Neuer Philosoph“ trat zum Schauwahlkampf gegen den Kommunistenführer Georges Marchais an. Die Fäden bei dieser epochalen Inszenierung, welche die neue Volksfront um den versprochenen Sieg brachte, zog Bernard-Henri Lévy. Er war - zusammen mit André Glucksmann - ihr bester Vertreter im Fernsehen. Bei Grasset verlegte er als Lektor die entscheidenden Bücher. In seiner „Barbarei mit menschlichem Antlitz“ formulierte er die grundsätzlichste Kritik an der Linken.
In der Tradition Sartres
Konsequent weitete Bernard-Henri Lévy seine Totalitarismuskritik umgehend auf den Partner im Tanz des „teuflischen Paars“ durch das Jahrhundert aus. Sein Buch „Die französische Ideologie“ wurde zu einem der Auslöser der Vichy-Debatten und Vergangenheitsbewältigung. Das Buch stieß auf heftige Ablehnung, es war seiner Zeit voraus. Nach seinen ideologiekritische Essays publizierte Lévy „Das Testament Gottes“, in dem er den Monotheismus als einziges Rezept gegen den Faschismus beider Couleurs preist: Alle Totalitarismen haben ihm den Kampf angesagt. Zur linken und zur rechten Barbarei gehörte für ihn schon damals, als Jean Genet Baader/Meinhof literarisch verklärte und Michel Foucault mit ihnen sympathisierte, der Terrorismus: Er bezeichnete ihn als „Schweif des Kometen“, der dem Nazismus folgte.
Nach dem Sieg von Mitterrand prägte die Neue Philosophie noch zwei Jahrzehnte lang das intellektuelle Klima. Im ersten Golfkrieg wurde Saddam Hussein ebenso problemlos mit Hitler gleichgesetzt wie später Milosevic. Lévy schrieb viele Bücher - auch Romane. Und für das Theater. Über Baudelaire. Und eine sehr wohlgesinnte Biographie Sartres, in dessen Tradition er sich sieht. Doch am Anfang seines eigenen Engagements stand André Malraux. Lévy befand sich in der Pariser Intellektuellen-Kneipe „Closerie des Lilas“, als 1971 der Krieg zwischen Indien und Pakistan ausbrach. Im Fernsehen forderte Malraux wie einst im Spanischen Bürgerkrieg die Entsendung von Internationalen Brigaden. Niemand nahm den alten Dichter und gaullistischen Exminister, der selber einen Panzer fahren wollte, ernst. Lévy schrieb ihm, „er antwortete mir und ich entschloss mich, hinzureisen“.
Geschmeidig auf Veränderungen reagiert
So ist er seither immer wieder an die Schauplätze der Geschichte gereist. Er war in Georgien, in Bosnien und Afghanistan. In Pakistan verfolgte er die Spuren von Daniel Pearls Mördern. Der elfte September hat die antitotalitären Kriterien und die Pflicht auf das prophylaktische militärische Eingreifen aufgeweicht. Dank seiner vielen Reisen hat Lévy von allen „Neuen Philosophen“ am geschmeidigsten auf die Veränderungen reagiert. Im Gegensatz zu André Glucksmann und den Neokonservativen bezweifelte er von allem Anfang an den Sinn des Kriegs im Irak. Er hat sich im Gegensatz zu Glucksmann und Pascal Bruckner auch nicht für Sarkozy entschieden, sondern Ségolène Royal unterstützt.
Etwas kokett bezeichnet er sich in seinem neusten Buch, das er zusammen mit Michel Houellebecq verfasste, als „Volksfeind“. Vielfach ist Lévy einer gewissen intellektuellen Oberflächlichkeit geziehen worden. Er wird wegen seines Erfolgs, seiner Frau - der Schauspielerin Arielle Dombasle - und seines Geldes beneidet. Und nicht nur von Antisemiten angefeindet. Noch mehr irritiert seine Kritiker aber vor allem die Tatsache, dass er mit seiner Vernunft in den allermeisten Fällen politisch recht behalten hat. Inzwischen schreibt er auch sehr viel gelassener über den Lauf aller Dinge in dieser Welt. Heute feiert Bernard-Henri Lévy seinen sechzigsten Geburtstag.