Home
http://www.faz.net/-gqz-zg8h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Berlusconis Niedergang Nach siebzehn Jahren Sultanat

In Italien ist die politische Landschaft in Bewegung geraten. Berlusconis Popularität ist im Sinkflug. Das Land bereitet sich bereits auf die Zeit nach der Ära Silvio vor.

© Reuters Vergrößern Er trägt jetzt maskenhafte Züge: der Patriarch im Herbst seiner Macht

Die in diesen Tagen spürbare Aufbruchstimmung in Italien scheint sogar diejenigen zu überraschen, die sie selbst erzeugt haben. Immer noch diskutiert man in den Bars und auf den Plätzen ebenso bewegt über den sensationellen Ausgang der vier Referenden wie in den endlosen Gesprächsrunden des Fernsehens. Sind das wirklich dieselben Italiener, die fast zwanzig Jahre lang schafsgeduldig Eskapaden und Populismen des Medienmagiers Berlusconi erduldeten oder gar bejubelten und nun an einem sonnigen Sonntag – immerhin siebenundzwanzig Millionen Wähler – zu den Urnen gingen, um Grundzüge von Berlusconis Politik knallhart abzulehnen?

Dirk Schümer Folgen:  

Zustimmung für Atomkraft oder auch die Privatisierung des Leitungswassers hätte wohl derzeit kein noch so begnadeter Politiker hinbekommen. Doch hatte Berlusconi auch für seine juristischen Ausnahmeregelungen ad personam auf die erwiesene Wahlabstinenz seiner Landsleute gewettet. Er hatte bekannt, lieber zum Strand als zum Referendum zu gehen. Die unerwartete Mobilisierung einer absoluten Mehrheit des Wahlvolks (und nicht nur der Wählenden) bringt in den Analysen die Kommentatoren wie die Politologen zum Schwärmen. Merklich bewegt schreibt der Direktor des oppositionellen Internetportals „Il Fatto Quotidiano“, Antonio Padellaro, Italien habe „nach siebzehn Jahren Sultanat die Zivilgesellschaft wiederentdeckt“.

Mehr zum Thema

Wenn in solchen vielgelesenen Blogs Berlusconis vermeintliche Schlussphase mit dem Duce in Salò verglichen wird, ist das sicherlich ein falscher Vergleich, der nur mit aufgestauter Frustration nach so vielen Erfolgen des „Cavaliere“ zu erklären ist. Doch für Padellaros Analyse, Italien werde nun von einer „Regierung der lebenden Leichen“ verwaltet, sprechen in der Tat desaströse Zahlen des einstigen Beliebtheitsgenies Berlusconi. Noch nie seit seinem Einstieg in die Politik im Jahr 1992 war der Premier in den Umfragen derart unbeliebt. Der angesehene Soziologe Renato Mannheimer sieht in einer detaillierten Analyse des Referendums den „Anti-Berlusconi-Effekt“ als entscheidend an. Gerade von den wohlorganisierten Internetforen, in denen seit Jahren die antipolitische Bewegung des Komikers Beppe Grillo vorwiegend jugendliche Massen hinter sich sammelt, sei diesmal die Mobilisierung fürs Referendum ausgegangen. Stimmen zugunsten von Berlusconis Politik waren nicht nur schwer vernehmlich, sondern schlicht inexistent.

Nervosität in den eigenen Reihen

Hat also ausgerechnet der milliardenschwere Mogul als Kommunikationsgenie versagt? Oder kürzer: Überholt die Zeit den Premier samt seinem Jugendwahn? Auch seine überzeugtesten Anhänger scheinen das jetzt zu befürchten. Dafür sprechen nicht nur kolportierte Schmähungen an die Adresse des Chefs aus der eigenen Regierung, nicht nur die ungewöhnliche Kritik an seiner Spürnase im familieneigenen Blatt „Il Giornale“, nicht nur das nervöse Grollen des Koalitionspartners Lega Nord, sondern dafür spricht vor allem eine einzige nackte Zahl: Unter den Befürwortern der Referenden waren nach Mannheimers Berechnung mindestens zwanzig Prozent Anhänger der Regierung. In einem Land, in dem es bisher keine Wechselwähler und höchstens Wahlabstinenz gab, ist das eine fatale Entwicklung für Berlusconis selbsternannte Freiheitsbewegung: Die Bürger blieben nicht nur den Urnen nicht fern, sondern stimmten auch noch, was bisher nie geschah, massenhaft für die andere Seite.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Katalanischer Separatismus Der freie Wille der Vollstrecker

Die separatistische Regierung in Barcelona will das Ersatz-Referendum über sie Zukunft Kataloniens als Angelegenheit privater Bürger darstellen. Ob Madrid sie gewähren lässt? Mehr Von Leo Wieland, Barcelona

29.10.2014, 07:46 Uhr | Politik
Separatisten verkünden Sieg bei Referendum

Bei dem international nicht anerkannten Referendum in der Ostukraine hat sich nach Angaben der Separatisten eine überwältigende Mehrheit für die Unabhängigkeit ausgesprochen. Mehr

12.05.2014, 07:42 Uhr | Politik
Schwache Konjunktur Italiener demonstrieren gegen Arbeitsmarktreform

Hier wird das Dilemma des italienischen Regierungschefs Renzi deutlich: Seine Arbeitsmarktreform geht Kritikern nicht weit genug. Im eigenen Land treiben schon diese Pläne die Menschen auf die Straße. Mehr

25.10.2014, 15:37 Uhr | Wirtschaft
Viele arme Schotten haben genug von Großbritannien

Am Rand der schottischen Metropole Glasgow liegt Drumchapel, eine der ärmsten Gegenden in ganz Großbritannien mit hoher Arbeitslosigkeit. Viele Menschen hier geben der britischen Regierung die Schuld an der Misere. Beim Referendum wollen sie dafür stimmen, dass Schottland unabhängig wird – doch einige fürchten, dann noch schlechter einen Job zu finden. Mehr

16.09.2014, 22:25 Uhr | Aktuell
Europaparlament Rechtspopulisten wieder in Fraktionsstärke

Mit der Aufnahme des polnischen Abgeordneten Robert Iwaszkiewicz weist der Zusammenschluss der Euroskeptiker im Europäischen Parlament unter dem Vorsitz des Briten Nigel Farage wieder Fraktionsstärke auf. Mehr Von Michael Stabenow, Brüssel

21.10.2014, 17:04 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.06.2011, 08:41 Uhr

Warhol mit Zeitungsbeilage

Von Patrick Bahners

Wie kann man Leser noch schockieren, die man an optische Sensationen gewöhnt hat? Mit der Mittwochsausgabe dieser Woche gelang der „New York Times“ das Kunststück: Die Zeitung wurde in eine Anzeige verpackt. Mehr 2