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Berlusconis Niedergang Nach siebzehn Jahren Sultanat

 ·  In Italien ist die politische Landschaft in Bewegung geraten. Berlusconis Popularität ist im Sinkflug. Das Land bereitet sich bereits auf die Zeit nach der Ära Silvio vor.

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Die in diesen Tagen spürbare Aufbruchstimmung in Italien scheint sogar diejenigen zu überraschen, die sie selbst erzeugt haben. Immer noch diskutiert man in den Bars und auf den Plätzen ebenso bewegt über den sensationellen Ausgang der vier Referenden wie in den endlosen Gesprächsrunden des Fernsehens. Sind das wirklich dieselben Italiener, die fast zwanzig Jahre lang schafsgeduldig Eskapaden und Populismen des Medienmagiers Berlusconi erduldeten oder gar bejubelten und nun an einem sonnigen Sonntag – immerhin siebenundzwanzig Millionen Wähler – zu den Urnen gingen, um Grundzüge von Berlusconis Politik knallhart abzulehnen?

Zustimmung für Atomkraft oder auch die Privatisierung des Leitungswassers hätte wohl derzeit kein noch so begnadeter Politiker hinbekommen. Doch hatte Berlusconi auch für seine juristischen Ausnahmeregelungen ad personam auf die erwiesene Wahlabstinenz seiner Landsleute gewettet. Er hatte bekannt, lieber zum Strand als zum Referendum zu gehen. Die unerwartete Mobilisierung einer absoluten Mehrheit des Wahlvolks (und nicht nur der Wählenden) bringt in den Analysen die Kommentatoren wie die Politologen zum Schwärmen. Merklich bewegt schreibt der Direktor des oppositionellen Internetportals „Il Fatto Quotidiano“, Antonio Padellaro, Italien habe „nach siebzehn Jahren Sultanat die Zivilgesellschaft wiederentdeckt“.

Wenn in solchen vielgelesenen Blogs Berlusconis vermeintliche Schlussphase mit dem Duce in Salò verglichen wird, ist das sicherlich ein falscher Vergleich, der nur mit aufgestauter Frustration nach so vielen Erfolgen des „Cavaliere“ zu erklären ist. Doch für Padellaros Analyse, Italien werde nun von einer „Regierung der lebenden Leichen“ verwaltet, sprechen in der Tat desaströse Zahlen des einstigen Beliebtheitsgenies Berlusconi. Noch nie seit seinem Einstieg in die Politik im Jahr 1992 war der Premier in den Umfragen derart unbeliebt. Der angesehene Soziologe Renato Mannheimer sieht in einer detaillierten Analyse des Referendums den „Anti-Berlusconi-Effekt“ als entscheidend an. Gerade von den wohlorganisierten Internetforen, in denen seit Jahren die antipolitische Bewegung des Komikers Beppe Grillo vorwiegend jugendliche Massen hinter sich sammelt, sei diesmal die Mobilisierung fürs Referendum ausgegangen. Stimmen zugunsten von Berlusconis Politik waren nicht nur schwer vernehmlich, sondern schlicht inexistent.

Nervosität in den eigenen Reihen

Hat also ausgerechnet der milliardenschwere Mogul als Kommunikationsgenie versagt? Oder kürzer: Überholt die Zeit den Premier samt seinem Jugendwahn? Auch seine überzeugtesten Anhänger scheinen das jetzt zu befürchten. Dafür sprechen nicht nur kolportierte Schmähungen an die Adresse des Chefs aus der eigenen Regierung, nicht nur die ungewöhnliche Kritik an seiner Spürnase im familieneigenen Blatt „Il Giornale“, nicht nur das nervöse Grollen des Koalitionspartners Lega Nord, sondern dafür spricht vor allem eine einzige nackte Zahl: Unter den Befürwortern der Referenden waren nach Mannheimers Berechnung mindestens zwanzig Prozent Anhänger der Regierung. In einem Land, in dem es bisher keine Wechselwähler und höchstens Wahlabstinenz gab, ist das eine fatale Entwicklung für Berlusconis selbsternannte Freiheitsbewegung: Die Bürger blieben nicht nur den Urnen nicht fern, sondern stimmten auch noch, was bisher nie geschah, massenhaft für die andere Seite.

Während Berlusconi sich nach diesem Debakel kaum vernehmen lässt, ist die Nervosität in seinen Reihen unübersehbar. Der anfangs recht beliebte Bürokratie-Abbauer Brunetta ist unter den Ministern seit vorgestern der Buhmann, weil er bei einer Diskussionsrunde eine Arbeitslose als Vertreterin des „miesesten Italiens“ beleidigte. Spontan wurden im Netz Websites gegen Brunetta mit mehr oder weniger geschmacklosen Widerlegungen ins Leben gerufen, zumal gleichzeitig die Nationalbank eine Studie veröffentlichte, laut der 55 Prozent aller Italiener unter dreißig zum geschmähten Prekariat gehören. Diese leider wachsende Gruppe im Vorbeigehen pauschal zu beleidigen zeugt nicht von Zukunftsperspektiven einer Regierung, die von einem mehrfachen Milliardär angeführt wird.

Doch wahrscheinlich waren es weniger Berlusconis Reichtum noch seine Eskapaden mit blutjungen Prostituierten, die maßgeblich das Desaster vom Sonntag (und vorher schon bei diversen Bürgermeisterwahlen) herbeiführten. Über Berlusconis narzisstisches, ausschweifendes und durchaus lächerliches Sexleben weiß die Öffentlichkeit seit mehr als zehn Jahren aus Abhörprotokollen, Zeugenaussagen und Medienberichten recht gut Bescheid. Diese wiederholten Skandale plötzlich zum Sargnagel Berlusconis zu erklären hieße, die Toleranz noch der katholischsten Italiener zu unterschätzen. Doch im Unterschied zu früher traut dem merklich gealterten Ministerpräsidenten eine Mehrheit keine Wunderdinge mehr zu – und das nicht so sehr bei seinen Partys als vielmehr in der Politik.

Kein Nachfolger in Sicht

In der politischen Kultur Italiens, die auf Klientelismus und Showgeschäft fußt, ist das negative Momentum eines greisen Leaders, der sich nurmehr für seinen Privatspaß interessiert, ungemein fatal. Gerade darum hat Berlusconi mit Lifting, Haartransplantationen und junger weiblicher Entourage stets hartnäckig an der Verjüngung seines Images gearbeitet. Da nach Jahren auch ökonomischer Enttäuschung nun weder seine Witzchen noch sein ostentatives Strahlen, noch seine selten gehaltenen Versprechen mehr verfangen, befindet sich – so die linke „Repubblica“ – „die Anziehungskraft Berlusconis im freien Fall“.

Und weil der Mogul im typischen Stil einer Ein-Personen-Partei neben und hinter sich keinen Kronprinzen duldete, erweist sich das drohende Vakuum als riesig. In der Tat ist unter den Ministern kein adäquater Nachfolger in Sicht, nachdem der alternde Pate auch noch seinen langjährigen Mitstreiter Gianfranco Fini mit einer Schlammschlacht aus dem eigenen Lager geworfen hat.

Dass nun – wie die Opposition sich selbst auf die Schulter klopft – goldene Zeiten für die Linken anbrechen, ist hingegen nicht ausgemacht. Zum einen haben die mühsam vereinten Restbestände von Eurokommunisten und Linkskatholiken in den vergangenen zwei Jahrzehnten seit dem Kollaps der Christdemokraten nichts Überzeugendes hinbekommen und ihre gewählten Regierungen unter Romano Prodi in beispielloser Eitelkeit von Unterhäuptlingen regelmäßig demontieren lassen. Zum anderen traut eine Mehrheit dem Oppositionsführer Bersani, einem grauen Apparatschik aus der emilianischen Provinz, keine Führungsstärke zu, was bei möglichen Neuwahlen nur für eine starke Zersplitterung der Opposition spricht. Der „Partito Democratico“ Bersanis hat anfangs weder bei den Mailänder Bürgermeisterwahlen auf die richtige Karte gesetzt noch in Neapel den Triumph der radikalen Konkurrenz von „Italia dei valori“ verhindern können.

Auch die Referenden wurden zuerst nicht von einer linken Parteispitze getragen, die sich ebenso dringend erneuern müsste wie die Rechte nach der Ära Silvio. Ob die abgehalfterten Provinzfürsten der Linken wirklich in der Lage sein werden, Berlusconi dauerhaft zu beerben – das ist wohl bereits eine spannendere Frage als die nach der Rentnerzukunft des müden Mannes, der Italien seit zwanzig Jahren politisch und medial beherrscht hat.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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