Home
http://www.faz.net/-gqz-76xh1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Berlusconis Comeback Bunga. Papa. Ciao.

Kein Papst, keine Regierung, dafür ein Berlusconi: Italien wählt ein neues Parlament. Die halbe Welt hat Angst vor einem Comeback des Medienmoguls. Und die Italiener?

© REUTERS Vergrößern In der Satire-Show „Gli Sgommati“ sind die Politiker Puppen und werden von Schauspielern bedient. In der Realität sind die Politiker Schauspieler, die versuchen, die Wähler wie Puppen zu bedienen

„Silvio, nimm dir am Papst ein Beispiel.“ Die Häme gegen den italienischen Politpapst Berlusconi ließ nach dem angekündigten Abtreten des echten Pontifex nicht lange auf sich warten. Die italienische Komikerin Luciana Littizzetto verwandelte beim Schlagerfestival von San Remo den Schock im katholischen Italien, das sein kirchliches Oberhaupt gern auch in der Politik verortet, sogleich in eine Aufmunterung: Möge der allpräsente Gerarch Berlusconi es dem so viel uneitleren Staatsmann Ratzinger doch gleichtun. Möge Silvio sich ebenfalls den Gesetzen des Alters beugen und aus dem Rampenlicht verziehen.

Dirk Schümer Folgen:  

Doch darauf können Berlusconis zahlreiche Gegner lange warten. Im Gegenteil: Silvio ist im Wahlkampf, der nun mit dem Tauziehen des Prä-Konklave zusammenfällt, präsenter denn alle seine Rivalen zusammen. Für viele Bürger Italiens bedeutet die Zähigkeit der längst weltweiten und unterhaltsam-anrüchigen Polit-Ikone des Landes einen Albtraum, der einfach nicht aufhört.

Berlusconi kommt laizistischer daher als seine linkeren Gegner

In Italiens Innenpolitik hat sich - anders als alle italienischen Päpste - weder der Kardinal Joseph Ratzinger noch der Papst Benedikt XVI. sonderlich eingemischt. Die Zeiten, da an der Kurie massiv die Innenpolitik der benachbarten Institutionen der Republik Italien betrieben wurde und sich manche Ministerpräsidenten im Gegengeschäft für Wählerstimmen ihre Instruktionen im Vatikan abholten, sind vorbei, seit 1992 die „Democrazia Cristiana“ in einem gewaltigen Korruptionsskandal kollabierte. Kein noch so ehrgeiziger italienischer Kardinal kann seither in katholischen Kernfragen wie Abtreibung, Scheidung, homosexuellen Partnerschaften mehr auf einen katholischen Block bauen.

23255062 © AFP Vergrößern Auch im Karneval von Viareggio wieder in der ersten Reihe: Berlusconi (vorne links), hinter ihm Mario Monti

Wie in anderen modernen Demokratien sind die Gläubigen inzwischen in allen Lagern von links bis rechts zu finden. Zwei Pontifikate eines polnischen und eines deutschen Kirchenoberhauptes haben zudem den Schwerpunkt der päpstlichen Mission von Rom und Italien massiv zur Weltkirche, vorzugsweise in den Wachstumsmärkten Südamerika und Afrika, verschoben. Die Kommentare italienischer Politiker beim angekündigten Abtreten Benedikts gingen denn auch über routinierte Würdigungen nicht hinaus. Mit dem distanzierten Deutschen hatten ohnehin keine echten emotionalen Bande mehr bestanden. Am ehesten zeigte sich noch Interims-Premier Mario Monti, dem eine große Nähe zum Reformkatholizismus aus der Schmiede des jüngst verstorbenen Kardinals Martini nachgesagt wird, von der historischen Geste betroffen.

Doch der immer heftigere Wahlkampf wird von keinem moraltheologischen Thema und von keinem Blick auf den verwaisten Vatikan entschieden. Silvio Berlusconi, der in seinem Villenpark von Arcore an einem synkretistisch-heidnischen Mausoleum für sich selbst baut, hat sich nie explizit auf die katholische Kirche gestützt, hat alle persönlichen Demutsgesten im Kielwasser der Christdemokratie vermieden und sich nur pragmatisch mit denjenigen ethischen Forderungen der Kirche - Gentechnikverbot, keine gleichgeschlechtlichen Partnerschaften - arrangiert, die ihn persönlich keine Opfer kosteten. Ansonsten kommt der Rechte Berlusconi dezidiert laizistischer daher als linkere Gegner wie Monti, Prodi, Casini oder gar die von ihm gern verhöhnte katholische Aktivistin Rosy Bindi.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schwierige Wirtschaftslage Italien macht Deutschland zum Sündenbock

Die Bundesrepublik soll schuld sein an der Stagnation Italiens. Der ehemalige Ministerpräsident Prodi verlangt Solidarität. Mehr

08.09.2014, 07:14 Uhr | Wirtschaft
Berlusconi muss Sozialdienst im Altenheim leisten

Der ehemalige italienische Ministerpräsident muss für ein Jahr einmal in der Woche im Altenheim Sozialdienst leisten. So entgeht er einer Gefängnisstrafe. Dieses Urteil verkündete das zuständige Gericht in Mailand. Mehr

15.04.2014, 15:49 Uhr | Politik
Interaktiv So viel verdienen unsere Abgeordneten nebenher

Peter Gauweiler, Gregor Gysi, Peer Steinbrück: Jeder vierte Bundestagsabgeordnete verdient sich mit Nebentätigkeiten teils erkleckliche Summen dazu. Mancher wird dabei zum Millionär. Mit dem ständig aktualisierten FAZ.NET-Monitor können Sie ab sofort sehen, welcher Abgeordneter wie viel Geld nebenher verdient. Mehr

12.09.2014, 11:56 Uhr | Politik
Berlusconi tritt Strafe an

Der ehemalige italienische Ministerpräsident hat seinen Dienst in einem Altenheim angetreten.Der wegen Steuerbetrugs Berlusconi muss mindestens vier Stunden pro Woche Sozialdienst leisten. Mehr

09.05.2014, 11:58 Uhr | Politik
Anleihenkäufe Alle Risiken auf die EZB

Mario Draghi muss verzweifelt sein. Wieder einmal schenkt er Ländern in der Eurozone Zeit - doch zwei von ihnen haben ihre Zeit bisher nicht genutzt. Mehr

04.09.2014, 18:04 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.02.2013, 13:45 Uhr

Die „Spiegel“-Fechter

Von Michael Hanfeld

Der Kampf in Hamburg ist noch nicht entschieden: „Spiegel“-Chefredakteur Büchner will zwei Ressortchefs loswerden, doch die wollen nicht gehen - und die restliche Redaktion steht geschlossen hinter ihnen. Mehr