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Berlusconi-Attentat Dahinterismus

21.12.2009 ·  Seit dem Kirchenmodell-Attentat auf das Gesicht von Silvio Berlusconi haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Wer steckt hinter dem Angriff? Die Freimaurer, die Mafia, am Ende Berlusconi selbst? Wirklich verwirrt von der Tat scheint nur der Täter zu sein.

Von Dirk Schümer
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Dietrologia – das ist die Wissenschaft vom „Dietro“ (italienisch für „Dahinter“) und gar nicht zufällig eine italienische Spezialität. Wenn irgendwo irgendetwas Politisch-Ökonomisch-Kriminalistisches passiert, fragen sich die Dietrologen sofort: Welches Komplott steckt dahinter? Seit dem Kirchenmodell-Attentat auf das Gesicht von Silvio Berlusconi haben die Verschwörungstheorien naturgemäß Hochkonjunktur. Nachdem die Postpolizei alle hämischen Jubelwebsites mit Heiligsprechungen des Attentäters vom Netz genommen habt, sind jetzt penible Filmrekonstruktionen der Tat die beliebtesten Computerspiele des Landes.

Obwohl die Bilder von der dick verbundenen Nasenpartie des Premierministers alle Medien beherrschen, bleiben die Dietrologen misstrauisch. Warum ist auf den ersten Bildern kein Blut im Gesicht Berlusconis und auch später keines auf seiner Kleidung zu erkennen? Warum hielt man dem zusammensackenden Politiker sofort eine schwarze Plastiktüte vor den Kopf und bugsierte ihn dann ins Auto? Warum verbarg Berlusconi sich dort für Minuten gemeinsam mit seinem Privatarzt, statt schnurstracks in die Klinik zu fahren? Und warum stieg das Opfer dann noch einmal aus dem Wagen und präsentierte sein lädiertes Gesicht der Öffentlichkeit?

Das eigentliche Attentat

Hätte das Attentat Obama gegolten, wäre die Karosse mit Blaulicht davongebraust. Hier hingegen haben die Leibwächter nicht nur aus nächster Nähe einen Attentäter übersehen, sondern ließen den Verwundeten auch noch ein erneutes Bad in der gefährlichen Menge nehmen. Im Mutterland der Dietrologia haben je nach Geschmack ohnehin Opus Dei, die Freimaurer oder die Mafia das Sagen. Die Hypothese, Berlusconi habe sein Attentat genial getürkt, zeugt vom erschreckenden Ausmaß des Misstrauens gegen den Staat – und spricht zugleich von einer unendlichen Hochachtung für die Schauspiel- und Inszenierungskünste des Medienmannes Berlusconi.

In der Tat sind seine Umfragewerte hochgeschnellt, Koalition und Opposition lieben ihn plötzlich gleichermaßen. Und der bandagierte Staatsmann, der sonst den Bürgerkrieg beschwor, ruft weihnachtlich zum „Ende des Hasses“ auf. Was partout nicht zum Komplott passen will, sind die Botschaften des verwirrten Attentäters aus der Haft: Er sei von den Medien aufgestachelt worden und wolle fortan nie mehr fernsehen. Das muss ein Politiker, der diverse Sender sein Eigen nennt, nun wirklich als Attentat verstehen.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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