Home
http://www.faz.net/-gqz-6zw96
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Theatertreffen Sturm auf die Theaterfestung

 ·  Hier steht der Mensch im Mittelpunkt: Der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens stellt junge Nachwuchsdramatiker vor - nicht alles, was sich gut liest, spielt sich gut.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)
© dpa Vielleicht liegt es an ihr, dass der Mensch beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens diesmal das Maß der Dinge ist: Jurymitglied und Leiterin des Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer

Natürlich, denkt man sich, geht es in Theaterstücken um den Menschen. Aber so natürlich ist das gar nicht: Oft geht es um Theorien, um Diskurse, um Ironie und Verbrechen. Oder um Camouflagen, hinter denen sich dramatisierte Romane, Filme oder Recherchen zu allen möglichen Sujets von schrumpfenden Städten bis zu steigenden Migrationsbewegungen verbergen. Beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, der mit nunmehr 34 Jahren ältesten deutschen Initiative zur Förderung junger Autoren, ist diesmal jedoch tatsächlich der Mensch das Maß aller Dinge. Ob das am Jahrgang liegt oder an der Jury, bestehend aus Mieke Matzke (Performancekünstlerin), Stefan Bachmann (Regisseur), Ewald Palmetshofer (Dramatiker), Dries Verhoeven (Regisseur) und Yvonne Büdenhölzer (Leiterin des Theatertreffens), sei dahingestellt.

Die diesjährige Auswahl jedenfalls überzeugt durch eine ausgeprägte Ernsthaftigkeit und die Lust auf diskursive Auseinandersetzung mit der Welt. So unterschiedlich die Themen, so deutlich die Empathie, mit der allen möglichen Konflikten, Kuriositäten und Katastrophen hier begegnet wird. 325 Stücke aus über dreißig Ländern wurden eingeschickt, fünf davon ausgewählt und in öffentlichen szenischen Einrichtungen vorgestellt. Dazu kam erstmals ein „Projekt“, das unter Mithilfe von René Pollesch als Mentor entwickelt wurde. Ausgedacht hat sich „Polis 3000: respondemus“ das Duo Markus & Markus und es in einem Spannungsfeld von „Neo-Agit-Prop“ bis „Lecture-Performance“ angesiedelt. Denn selbst beim Theatertreffen sollen die Grenzen der Genres „verflüssigt“ werden, wie der neue Festspiel-Intendant Thomas Oberender zur Eröffnung sagte - als genüge es nicht, dass sich Schelfeis und Gletscher verflüssigen.

Eine verblüffenden Satire

Dagegen haben die anderen Dramatiker weitgehend ausformulierte Texte eingereicht. Am konventionellsten wirkt „Skåne“ der Engländerin Pamela Carter (Jahrgang 1970), in der zwei skandinavische Ehepaare auf der Suche nach großen Gefühlen Bäumchen-wechsle-dich spielen, was ihre Kinder naturgemäß höchst merkwürdig anmutet. Frau Carter erhielt dafür den mit 7000 Euro dotierten Werkauftrag des Stückemarktes. Junge Leute stehen auch im Mittelpunkt von Wolfram Hölls Stück „Und dann“. Der 1986 in Leipzig geborene Autor erzählt in poetisch dichten Sequenzen von einem alleinerziehenden Vater und seinen zwei Söhnen, die in einem riesigen Plattenbau leben. Die Verlorenheit der Geschwister in einer sich abrupt wandelnden Welt nach dem Fall der Mauer wird ohne Larmoyanz ausgemalt. Nie klingen die surreal gebrochenen Wahrnehmungsfetzen und Lautmalereien aus der Kinderperspektive aufgeblasen oder sentimental. Wer allerdings könnte dieses zarte Quasi-Langgedicht adäquat auf die Bühne bringen? Und die frischen Dramenblüten nicht bloß abreißen?

Weniger fragil, aber wegen der Fülle der Sujets auf andere Art regietheatermäßig gefährdet, erscheint „Kalibans Tod“ von Magdalena Fertasc (geboren 1975 in Warschau). Nicht ohne Grund lässt der Titel an Shakespeares „Sturm“ und Prosperos Sklaven Caliban denken. In dieser verblüffenden Satire wird die Festung Westeuropa mit Flüchtlingen aus Albanien, Brasilien und Haiti konfrontiert, die sich im Niedriglohnsektor oder als Objekt bei Kunstaktionen durchschlagen. Mag das mitunter auch eindimensionale Globalisierungskritik streifen, die hart geschnittene, bitterwitzige Persiflage auf zynisches Gutmenschentun und kreativ verbrämten Eurozentrismus ist doch so provokant wie berührend.

Der Titelheld sucht Liebe und Glück

Die existentielle Verflechtung von politischen und individuellen Entwicklungen reflektiert das zweite Stück aus Polen. „Fremde Körper“ von Julia Holewinska (Jahrgang 1983) verbindet das Werden der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc mit den Biographien ihrer einfachen Mitglieder und zeigt, wie es denen heute vielleicht gehen könnte. Die Themen, die hier in kunstvoller Durchdringung verhandelt werden, wirken nicht angelesen oder ergoogelt, sondern haben durch ihre engagierte Kompetenz eine schöne tragische Dimension.

Sogar eine Komödie fand bei diesem Stückemarkt Zustimmung. In „Jonas Jagow“ von Michel Decar, geboren 1987 in Augsburg, sucht der Titelheld das Glück, die Liebe und vor allem sich selbst. Die Szenenabfolge ist chaotisch, der Autor, der seinen Brecht, die Bibel, Döblins „Berlin Alexanderplatz“ und die Stilmittel des epischen Theaters wie der Dada-Strömung studiert hat, turnt mit jugendlichem Überschwang durch die Literaturgeschichte und die Berliner Verhältnisse. Alles ist fraglos ein großer Unfug, aber Decar zelebriert ihn gekonnt und mit ansteckendem Spaß an der anarchischen Fabulierfreud’. Dafür wurde ihm der mit 5000 Euro dotierte Förderpreis für neue Dramatik der Heinz und Heide Dürr Stiftung zuerkannt, verbunden mit der Uraufführung im Maxim Gorki Theater.

Die sympathische, eindringliche Phantasterei der Nachwuchsdramatiker kann später auf der Bühne trotz aller Begabung immer noch scheitern, denn nicht alles, was sich gut liest, spielt sich auch gut, und schon gar nicht in jeder Regie. Doch dass sie das Theater und die Sprache so ernst nehmen und den Menschen konsequent in den Mittelpunkt rücken, ist jetzt zumindest ein Lichtblick und eine Wohltat dazu.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Freitod-Fashion

Von Fridtjof Küchemann

Ein Model kniet vor dem Gasherd, eines steht mit einem Stein im Arm im Fluss: Für eine Modestrecke ließ das amerikanische Magazin „Vice“ den Freitod bekannter Autorinnen nachstellen. Was als Kunst gemeint sein soll, verrät die Kunst. Mehr 2