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Berliner Theater : Lest die Spielpläne!

Ist die Tür halb geschlossen oder halb offen? Chris Dercon am ehemaligen Flughafen in Tempelhof Bild: dpa

Berlin erweist sich dieser Tage als geteilte Theaterstadt. Polarisierend wirkt vor allem der neue Volksbühnen-Intendant Chris Dercon. Egal, was er tut oder nicht tut: seinen Kritikern ist es zuwider.

          Ein alter Kritikerwitz geht so: Sitzt ein Rezensent in der fünften Reihe. Kaum geht der Premierenvorhang hoch, ruft er aus: „Schon Scheiße!“. Das findet nicht jeder witzig. Chris Dercon müsste eigentlich darüber lachen können. Seine Kritiker waren bekanntlich noch schneller. Den einen gilt der frühere Direktor der Londoner Tate Modern als Tempelschänder, Volksbühnen-Usurpator und Ensemble-Vernichter, den anderen als international bestens vernetzter Experte für alle Arten von Kunstwind und Windkunst, ein Frischluftlieferant, den jeder fürchtet, der die letzte Miefreserve der Volksbühne unter Denkmalschutz stellen möchte. Fünfzehntausend Frischluftfreunde sollen beim Saison-Eröffnungstänzchen auf dem Rollfeld des Flughafens Tempelhof dabei gewesen sein. Das klingt mit Blick auf die Zuschauerstatistik nicht schlecht, wird allerdings locker übertroffen von den vierzigtausend Dercon-Gegnern, die als Unterzeichner einer Petition Berlins Kulturpolitiker dazu auffordern, „die Diskussion um die Zukunft der Volksbühne neu zu führen, um einen entsprechenden Spielbetrieb an einer der wichtigsten Berliner Bühnen sicherzustellen“.

          Entscheidend ist das Wort „entsprechend“. Es bezieht sich auf den „im Haushaltsplan 2016/17 definierten Auftrag, die Volksbühne als ,ein im Ensemble- und Repertoirebetrieb arbeitendes Theater‘ beizubehalten“. Dass Kulturleute die Giftpfeile, mit denen sie einander beschießen, aus den Köchern der Finanzbürokratie ziehen, kommt selten vor. Andererseits ist Al Capone, der Erfinder der Geldwäsche, ja über seine Steuererklärung gestolpert. Kein Wunder also, dass sich die Redaktion des „Spiegels“ mit kühler Recherchemiene über den Berliner Haushaltsplan beugte, Tabellen und Zahlenkolonnen besah und schließlich herausfand, was die vierzigtausend Unterzeichner der Petition schon immer gewusst haben: Dercon will das Ensemble der Volksbühne abschaffen! Von 27 Schauspielerstellen, so „Der Spiegel“, sollen nur zwölf erhalten bleiben. Unterstützung fand das Nachrichtenmagazin beim „Neuen Deutschland“, das über „Dercons Kahlschlag“ berichtete, obwohl der Intendant die Meldung bereits mit dem Hinweis gekontert hatte, nicht er, sondern sein Vorgänger Frank Castorf habe das Ensemble auf elf festangestellte Schauspieler reduziert.

          Auch den vom „Spiegel“ erhobenen Vorwurf, er wolle 2018 sämtliche Stellen für Regie und Dramaturgie streichen, wies Dercon zurück und wunderte sich, dass „die Redaktion des ,Spiegel‘ komplett darauf verzichtet, mal bei der neuen Theaterleitung nachzufragen, ob denn der kolportierte Stellenplan so korrekt ist und wie die Zahlen zu verstehen sind.“ Die „taz“ spricht von einem „Unlauteren Skandal“, die „Berliner Zeitung“ hingegen warnt vor Entwarnung: „Also, liebe Leser: Alarm!“ Berlin bleibt eine geteilte Theaterstadt, da können Dercons Kollegen Reese und Khuon noch so mit Schauspiel-Rosinen um sich werfen. Dass der Ensemblegedanke bei Dercon tatsächlich eine nachrangige Rolle spielt, zeigt übrigens schon der kurze Blick in seinen Spielplan.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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