http://www.faz.net/-gqz-8cty5

Berliner Stadtschloss : Baut sich hier ein Monstrum sein eigenes Labyrinth?

Das Preußische muss sofort zu sehen sein: Der Plan für das Humboldt-Forum entstand über Nacht, nun wird er wohl nachgebessert. Bild: dpa

Das Humboldt-Forum steht am Scheideweg: Neil MacGregor, der neue Intendant, muss die Planungen ändern. Ob das Projekt damit zu retten ist?

          An einem Spätsommertag im Jahr 1999 wurden Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, zum damaligen Berliner Kultursenator Peter Radunski bestellt. Radunski, so erzählt man, eröffnete den beiden, dass sich die politischen Gewichte in der Debatte um die Rekonstruktion des Berliner Schlosses endgültig auf die Seite der Schlossbefürworter verschoben hätten, im Berliner Senat ebenso wie im Bundestag. Deshalb wolle er von Lehmann und Schuster wissen, was sie für den Fall des Wiederaufbaus in petto hätten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die beiden antworteten, sie würden die Gemäldegalerie und das Kunstgewerbemuseum gern vom ungeliebten Kulturforum ins Schloss verpflanzen. Doch Radunski winkte ab: Dies sei „vieux chou“, alter Kohl. Daraufhin improvisierten seine Gesprächspartner einen Alternativvorschlag. Die Dahlemer Museen, erklärten sie, könnten in die Stadtmitte umziehen und dort mit den Sammlungen der Humboldt-Universität vereint werden. Das Erbe Wilhelm von Humboldts, des Universitätsgründers, werde auf diese Weise mit den Museumsbeständen verschmolzen, die vom Weltforschergeist seines Bruders Alexander inspiriert worden seien. Radunski war von der Idee begeistert. Er bat Lehmann und Schuster, sie so rasch wie möglich zu Papier zu bringen. Und so entstand gleichsam „über Nacht“, wie sich ein Zeitzeuge später erinnerte, der Plan für das Humboldt-Forum.

          Vorspiel für eine traurige Farce

          Kann sein, dass sich bei der Geburt des kostspieligsten Projekts in der noch jungen Geschichte der Bundeskulturpolitik nicht alles ganz genau so abgespielt hat. Was an der Anekdote aber auf Anhieb überzeugt, ist die Rollenverteilung: ein Politiker in Begründungsnot, zwei Museumsleute, die ihre Chance wittern, und ein Name, der als Codewort für ein luftiges Konzept dient: „Humboldt“. Im Theater wäre die Szene, ein bisschen bühnengerecht aufgemöbelt, Stoff für eine Komödie. In der Berliner Wirklichkeit ist sie das Vorspiel für eine traurige Farce.

          Wundert sich über schrille Töne: der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor, Gründungsintendant des Humboldt-Forums bei einer Baustellenbesichtigung.
          Wundert sich über schrille Töne: der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor, Gründungsintendant des Humboldt-Forums bei einer Baustellenbesichtigung. : Bild: dpa

          Denn in den siebzehn Jahren, die seither vergangen sind, ist zu der Ideenskizze, die Klaus-Dieter Lehmann und Peter-Klaus Schuster dem Kultursenator Radunski vorgetragen haben, nichts Wesentliches hinzugekommen. Zwar werden die beiden großen Dahlemer Museen, das Ethnologische und das Asiatische, in ihre vorgesehenen Räume in den Obergeschossen des vierstöckigen Schlosses einziehen. Aber in den beiden unteren Etagen des Gebäudes, dort, wo sein ökonomischer wie symbolischer Erfolg auf dem Spiel steht, stochern die Programmverantwortlichen immer noch im Nebel. Das liegt nicht daran, dass es keine Konzepte für diese Bereiche gäbe. Es liegt daran, dass jene, die sie umsetzen sollen, vor lauter Konzepten den Blick für das Wesentliche verloren haben.

          Wissenschaftlicher Spezialisten-Tango

          Man muss nur auf den Webportalen der Staatlichen Museen, des Landes Berlin und der Stiftung Berliner Schloss – Humboldt-Forum, die bei dem Projekt als Bauherrin fungiert, die entsprechenden Seiten öffnen, um in einen deprimierenden Wirrwarr aus teils widersinnigen, teils unausgegorenen Planungen zu geraten. Da wollen sich im ersten Obergeschoss, dessen Bedeutung als Schnittstelle zwischen den Museen unter dem Dach und der Event-Ebene im Parterre kaum zu überschätzen ist, die Fachbibliothek der Ethnologen und das Tonarchiv der Humboldt-Uni die Hand zum wissenschaftlichen Spezialisten-Tango reichen. Daneben möchte die Universität auf tausend Quadratmetern zeigen, „mit welchen Fragen sich Forscherinnen und Forscher rund um den Globus im Dialog miteinander befassen“. Und auf den gut fünftausend Quadratmetern, die ihr rings um den Schlüterhof zur Verfügung stehen, will die Stiftung Stadtmuseum Berlin unter ihrem neuen Leiter Paul Spies davon erzählen, „wie Berlin es geschafft hat, in die Welt zu gelangen, und wie die Welt nach Berlin und nach Deutschland gefunden hat“.

          Weitere Themen

          Durch die Zeit Video-Seite öffnen

          Der Osten damals und heute : Durch die Zeit

          Die Berliner Mauer war gerade gefallen, da zog Matthias Lüdecke mit einer alten Kamera durch den Osten Deutschlands. Nun war der Fotograf wieder dort – mit dem Handy.

          Flughafen erzwingt Zwischenstopp Video-Seite öffnen

          Air Berlin : Flughafen erzwingt Zwischenstopp

          Eine Maschine der insolventen Fluglinie musste auf dem isländischen Flughafen Keflavik am Boden bleiben. Die Flughafengesellschaft teilte mit, Air Berlin habe Flughafengebühren nicht bezahlt.

          Topmeldungen

          Krise in Katalonien : Mit harter Hand gegen die Separatisten

          Die Zentralregierung greift härter als erwartet durch, aus Protest gehen hunderttausende Katalanen auf die Straße. Regionalpräsident Puigdemont bezeichnet Madrids Vorgehen gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens als „schlimmste Attacke“ gegen die Region seit der Franco-Diktatur.
          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Mayers Weltwirtschaft : Griechenlands Bankrott

          Es ist nicht zu erwarten, dass Griechenland seine Schulden jemals zurückzahlen wird. Europa muss aufhören, sich etwas vorzumachen.

          Parlamentswahl in Tschechien : Populist Babis klarer Sieger

          Nichts scheint Andrej Babis aufzuhalten. Trotz zahlreicher Affären gewinnt der umstrittene Milliardär die Wahl in Tschechien klar. Wohin steuert der „tschechische Donald Trump“ das Land in der Mitte Europas nun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.