25.03.2010 · Ein Berliner Sozialkapitalist gab vor, Obdachlosen zu helfen, und bediente sich dabei kräftig aus öffentlichen Kassen. Der Skandal wirft ein disqualifizierendes Licht auf den wuchernden Markt mit der Armut in der Hauptstadt.
Von Regina MönchNichts ist klar in dieser Geschichte. Der Skandal um den nach eigener Einschätzung als „evangelischer Sozialkapitalist“ agierenden Harald Ehlert, Geschäftsführer der Berliner „Treberhilfe“, beschäftigt seit Wochen die Stadt. Er hatte zu Beginn noch einen hohen Unterhaltungswert, als es scheinbar nur darum ging, ob es unanständig sei, als vermeintlicher Diener der Beladenen und Gescheiterten einen Maserati zu fahren (dienstlich, privat bevorzugt man Jaguar), natürlich mit Chauffeur. So käme „das Gute zum Schönen“, hatte der flotte Ehlert das kommentiert. Dann aber reagierte er schnell und kreativ auf die andauernde Empörung, die er zwei Jahre zuvor im „Tagesspiegel“ noch folgenlos als „bigott“ abtun konnte. Nach lustigem Dozieren über Sozialstaat und Weicheier (er ist keines) gab er vor kurzem bekannt, dass der teure Schlitten jetzt ein Sozial-Maserati sei.
Ehlert, der im feinen Caputh bei Berlin in einer pompösen, vereinseigenen Villa am See, in der seine Firma irgendwie gut bezahlte Weiterbildung betrieben haben soll, zur Miete wohnt, ist oder war führend auf dem rasch wachsenden „sozialen Markt“ in Berlin. Liest man seine Aufstiegsbiographie, mutet sie an wie die wohlfahrtsstaatlich abgepufferte Variante des Tellerwäschers, der reich wird. Er mag es gern groß, gratulierte Obama zum Beispiel gleich mit einer halbseitigen Anzeige im „Tagesspiegel“. Über die tatsächliche Arbeit der Firma aber weiß man auch nach Wochen überraschend wenig.
Der Staat ist ein zuverlässiger Zahler
Der soziale Markt brummt, Armut muss erfasst, verwaltet, betreut werden, sie schafft Arbeitsplätze, inzwischen mehr als in der Industrie. Wer will da kleinlich sein? Auch das erklärt, warum der Mann mit dem Maserati seine „Innovationen“ immer besser verkaufte als die anderen.
Bundesweit werden etwa 186 Milliarden Euro im Jahr für soziale Dienstleistungen ausgegeben. Berlin allein zahlt zur „Beratung und Hilfe“- ein weites Feld - für Obdachlose 28 Millionen Euro, die Kosten für die Unterbringung übernehmen die Jobcenter; wie viel, ist unbekannt. Auch die Ausgaben für freiwillige, also vom Gesetzgeber nicht vorgeschriebene Sozialausgaben können in der Hauptstadt nur geschätzt werden, weil es niemand genau weiß, offenbar auch bisher nicht wissen wollte: etwa zwei Milliarden Euro im Jahr. Ein großes Stück von diesem Kuchen jedenfalls hat sich die Treberhilfe reserviert, die sich auch um gescheiterte, früh kriminelle Jugendliche und um Familien mit allerlei Nöten kümmert.
Nachfragen galten lange als anstößig, das grautönige System funktioniert ja auch darum so gut, so reibungslos und für einige wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Kein wirtschaftliches Risiko für welche abgehobene Idee auch immer, der Staat ist ein zuverlässiger Zahler, wenn es um die Ärmsten der Armen geht. Wer da scharf hinguckt, bekommt Schelte, gilt rasch als einer, der den Armen nichts gönnt. Noch besser, wenn man als Sozialkapitalist einer Partei angehört, die Netzwerke funktionieren wie geschmiert.
Sowas fahren dort sonst nur Dealer und Zuhälter
Nur Berlins Sozialsenatorin, Frau Bluhm von den Linken, weiß ungefähr, was ihre Behörde an die Treberhilfe zahlt, doch auch nur für Bedürftige über achtzehn Jahren. Ob das Geld sinnvoll verwendet wurde, das verliert sich im Dickicht. Das Haus des Jugendsenators schweigt sich aus, obwohl seine Klientel, die Kinder und Jugendlichen, das Hauptgeschäft der Treberhilfe sind. Man verweist an zwölf verschiedene Jugendämter in den Stadtbezirken. Denen, so meldete die „Berliner Zeitung“, stelle allein die Treberhilfe im Jahr etwa vierzehn Millionen Euro in Rechnung, das meiste für sogenannte Hilfen zur Erziehung. Damit kann alles Mögliche gemeint sein, von der Hausaufgabenhilfe bis zum Ausflug auf die Kartbahn (Eintritt pro Stunde etwa sechzig Euro) mit jungen Straffälligen, eine „intensivpädagogische Maßnahme“. Wenn der vom Wege abgekommene Junge nebenher weiter Leute verprügelt oder überfällt, ist das ein ganz anderes Feld, jedenfalls kein Misserfolg für Firmen wie die Treberhilfe.
In der Berliner Jugendbehörde kann oder will man nur von zweihunderttausend Euro (pro Jahr) aus EU-Mitteln für das Treberhilfe-Projekt „Stop“ wissen. Die vier Betreuer, sie sollen Sozialarbeiter oder Pädagogen sein, fahren ebenfalls schicke Dienstwagen, steuervergünstigt, weil gemeinnützig: große, weiße BMW mit integriertem Laptop, die immer mal durch die intensivpädagogisch betreuten Rap-Videos ihrer Kundschaft geistern. Sowas fahren dort sonst nur Dealer und Zuhälter.
Für gefährdete, schwierige Jugendliche wird die Hilfe pro Tag berechnet. Ein Beispiel: Ein schwer gestörter Dreizehnjähriger, gewalttätig, missbraucht, drogenabhängig, unbeschulbar, wurde auf Vermittlung der Treberhilfe ins ferne Kirgistan geschickt. Dort soll er bei Bauern am Fuße des Tienschan das wahre Leben erlernen. Was eher nach RTL und „Teenager außer Kontrolle“ klingt, ist ernst gemeint. Der Junge war nirgendwo in Deutschland unterzubringen, heißt es aus dem zuständigen Jugendamt, womit eine der empfindlichsten Lücken im staatlichen Hilfsangebot gemeint ist, die professionellen Therapien für dissoziale Jungen. Die nun aus der Not heraus, angeblich im Internet gefundene „intensivpädagogische Maßnahme“ kostet täglich 200, also 6000 Euro im Monat - wer davon profitiert, ist unbekannt. Die Kirgisen müssen im Monat mit weniger auskommen, mit zwanzig bis neunzig Euro im Durchschnitt.
Das Ehlertsche Sozialimperium
Als das Kartenhaus der Treberhilfe zu wackeln begann und die Diakonie begriff, dass sie mittendrin saß, weil sie der Treberhilfe das notwendige Wohlfahrtsdach stellte; als herauskam, dass Ehlert sich selbst im Aufsichtsrat beaufsichtigte und ein viel höheres Gehalt bezieht als die Bundeskanzlerin, jedoch niemand feststellen konnte, ob die Gewinne wirklich immer in Gemeinnütziges reinvestiert wurden; als die noble Ausstattung der Obdachlosenhelferbüros bekannt wurde und immer mehr Fragen ohne Antwort blieben, erst da begann man zu handeln. Jedenfalls nannten Politiker und Wohlfahrtsverbände das so.
Ehlert flog überall raus, der reiche Mann soll nur fünfzehntausend Euro zurückkriegen; damit hatte er mal angefangen. Jetzt schlägt die Stunde der Anwälte. Eine ehemalige Senatorin und ein führender Diakonie-Funktionär erboten sich als Retter des guten Rufs und gingen in den Aufsichtsrat, der sie alsbald wiederum rausschmiss. Erkenntnisgewinn: Die sind wirklich nicht zu kontrollieren, nicht nur ihr Finanzgebaren, das ganze System ist so gestrickt, wie es Herr Ehlert mit dem echten Stetson und dem echten Obdachlosen-Maserati nutzte. Die Wohlfahrtsverbände schlossen die Treberhilfe aus. Nun wird es für den Verein und seine GmbH eng bei den bisher so zugeneigten Finanzämtern und den staatlichen Geldgebern, die angeblich nichts wussten. Allerdings hätten sie nur Zeitung lesen müssen, der „Tagesspiegel“ veröffentlichte schon vor fast zwei Jahren eine große, gut recherchierte Reportage über das Ehlertsche Sozialimperium.
Viele sind froh über den Skandal
Die geschasste Ex-Senatorin war verzweifelt, hatte aber vergessen, dass sie jahrelang die politisch Verantwortliche war. Alle Senatsbehörden im ewig klammen Berlin sind involviert in diesen Wildwuchs, wie die FDP nun herausgefunden hat. In einem Positionspapier zum Desaster nennt sie die verschwurbelten Haushaltstitel, unter denen pauschal nicht näher benannte gute Taten vergolten werden: „Zuschüsse an soziale oder ähnliche Einrichtungen“ heißt das oder auch bloß „Ausgaben für konsumtive Zwecke“. Eine Gesamtübersicht fehle, die Liste der Empfänger ebenfalls, hinzu kämen Verträge mit den großen Wohlfahrtsverbänden, die wiederum die Steuergelder nur weitergeben an Dachverbände, die wiederum . . . Ein Vereinsregister wird nun gefordert und Finanzberichte und die Evaluation der Hilfen und zuerst einmal klare Ziele.
Die Klagen, wonach nun der Imageschaden für die gesamte Wohlfahrt immens sei, klingen hohl. Denn vor der sogenannten Maserati-Affäre hat niemand über Kontrollverlust geklagt, da summte die Geldversenkungsmaschine noch geräuschlos. Und viele, die in engen, kargen Büros für wenig Geld und mit Dienstwagen, die gerade mal so den TÜV überstanden haben, helfen, wo Menschen in Not gerieten, sind sogar froh über diesen Skandal. Er hat den Nebel etwas gelichtet. Bisher wurden ihre Warnungen vor grotesken Auswüchsen wie der Treberhilfe, die kein Einzelfall ist, unter Neid und Konkurrenzdruck abgebucht. Zumindest das geht jetzt nicht mehr.