Man stelle sich vor, man ist Journalist. Es ist Freitagmorgen, und die Stimme geht weg. Macht nichts, krächzt man sich innerlich zu, bin ja bei der Zeitung und nicht beim Radio, und für einen Anruf in der Berliner Senatsverwaltung für Kultur, wo ja auch nicht alles läuft wie geschmiert, wird es noch reichen. Guten Tag, ist Staatssekretär Schmitz zu sprechen, bittet man mit seiner sexy Marianne-Faithful-Stimme und lehnt, so energisch das flüsternd geht, eine erneute Verbindung mit Pressesprecher K. ab.
Versprochen wird ein Rückruf von André Schmitz, doch der Staatssekretär lacht dabei nur und verspricht, am Montag wieder anzurufen. Toll, denkt man, das geht ja recherchemäßig wie geölt, das Reporterleben, selbst todkrank. Am Montag ist die Stimme wieder glockenhell, aber es kommt kein Anruf. Man erkundigt sich. Es berlinert sich immer jemand anderes Weibliches durchs Telefon.
Die männliche Variation der Frau Stöhr
Schmitz sei in Besprechungen, auf Terminen, wer man noch mal sei und wieso und warum nicht Pressesprecher K. und so weiter. Platzt einem jetzt der Kragen? Iwo! Wo es doch bloß darum geht, dass die deutsche Hauptstadt zwar eine herrliche riesige Ballettkompanie besitzt, aber dazu nur einen Direktor, den Thomas Mann auf dem Zauberberg an den schlechten Russentisch gesetzt hätte.
Diese männliche Variation der Frau Stöhr hat in den letzten zehn Jahren gezeigt, was es heißt, keinen ästhetischen Schimmer zu haben. Vladimir Malakhov erträgt es nicht, dass seine besten Tage im Rampenlicht schon länger zurückliegen, und vernachlässigt seine Pflichten. Als Direktor hätte er den Tänzer Malakhov längst ins Sanatorium schicken müssen.
Wie hatte Pressesprecher K. formuliert?
Starballerina Polina Semionova ist schon vor Monaten Hals über Kopf nach New York geflohen, weil das Berliner Repertoire nichts als das Restkönnen des einst so glanzvollen Tänzers traurig ins Schaufenster stellt - und etwas Tanzdekor drumrum. Was hätte André Schmitz einem dazu schon sagen sollen? Vielleicht aber auch möchte er nicht zurückrufen, weil er gerade dabei ist, Malakhov zu verlängern? Könnte doch sein.
Und was hätte das einen auch anzugehen? Wie hatte Pressesprecher K. so schön formuliert, als er nach der hoffentlich international besetzten Zukunft des Festivals „Tanz im August“ gefragt wurde? Det wär’ doch een Berliner Festival, und det könne man ooch juuut aus Berlin besetzen. Wat wollen Se da noch tanzmäßig rumtelefonieren? Man ist vielleicht wieder bei Stimme, aber berlinmäßig offenbar nicht ganz bei Trost.