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Veröffentlicht: 23.01.2014, 16:40 Uhr

Berliner Schulen Unsere Kinder ersticken im Schmutz

In Berlin leiden viele Schulen unter völlig untragbaren hygienischen Zuständen. Die Bürokratie kennt das Problem, verschleppt es aber. Bericht einer betroffenen Mutter.

von Katrin Rönicke
© Lüdecke, Matthias Die unerträglichen hygienischen Zustände an Berliner Schulen

Wer in Berlin ein Kind zur Schule schickt, dem wird es nie langweilig werden. Abseits von medialen Aufregern wie Rütli-Schule und Pisa-Ergebnissen schlagen sich Eltern hier mit einer Mischung aus Unterfinanzierung und Bürokratie herum, die groteske Züge annimmt - dreckige Züge. Hier lernen Kinder noch fürs Leben: Konfrontiert mit Fadenwürmern auf den Toiletten, bleiben die Nematoda kein abstrakter Stamm im Biologiebuch; und die Eltern lernen, wie sie als Hobby-Juristen und Freizeit-Aufklärer im Behördendschungel überleben.

Das Problem gibt es schon viele Jahre. Manche glauben, es sei mit der Einführung des bis heute gültigen Vergabeverfahrens für die Reinigungsfirmen losgegangen - vor fünfzehn Jahren. Vor diesem Verfahren hat man den Schulen Geld gegeben, und sie haben sich ihre Putzleute selbst angestellt, eine Zeit, der manche Schulleitungen nachtrauern. Wirklich neu ist, dass Eltern es geschafft haben, den Tellerrand der eigenen Dreckzone zu überschreiten und eine Allianz mit anderen Dreckzonen zu bilden. Das Schmutz-Thema wird nun zur Freizeitbeschäftigung von Menschen, die tagsüber arbeiten, nach der Arbeit die Kinder zum Ballett oder zum Gitarrenunterricht bringen und abends eigentlich erschöpft ins Bett fallen wollen.

Versuche sich der Verantwortung zu entziehen

Stattdessen trifft man sich abends regelmäßig und berät über mögliche Hilfen. Diesen Treffen gingen viele gescheiterte Versuche voraus, diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die zuständig sind: Reinigungsfirmen, Bezirksamt und Schulsenat. Jede Ebene hat eine eigene Ausreden-Klaviatur erfunden. Die Putzfirma beklagt sich über zu wenig Budget. Das Bezirksamt hat einen ausgefeilten Trimm-dich-Pfad für Eltern und Schulleiter entwickelt („Dafür sind wir hier nicht zuständig. Da können wir nichts machen. Bitte wenden Sie sich an XY.“).

Und von dort geht es wie bei einer Schnitzeljagd weiter zur nächsten Station, bis man ohne Resultat wieder am Anfang steht. Der Senat verweist auf die Zuständigkeit der Bezirksämter. Die Schulämter verweisen auf die Budgetdeckelung durch den Senat. Nach jahrelangem Stillstand, in dem viele das Gefühl hatten, mit einer Wand aus Unzuständigkeit zu reden, nun also der Schulterschluss mit den anderen Betroffenen. Von denen hatte man nur zufällig gehört; die Behörden erzählten allen, es handelte sich um „Einzelfälle“.

Die alten Ausreden gelten nicht mehr

Im vergangenen Herbst gründete sich eine Elterninitiative, und plötzlich zogen die alten Ausreden nicht mehr. Es kam zu einem Treffen mit dem Schulamt am 4. November. Die Eltern erinnern sich an eine für sie enttäuschende Zusammenkunft. Schulstadtrat Beckers habe zwar betont, man werde sich um eine qualitätsorientierte Ausschreibung bemühen. Jedoch nur für fünf bis sechs Schulen, alles andere sei zu teuer. Und man könne mit Ergebnissen vielleicht bis Ende 2014 rechnen.

Es folgten die üblichen Hinweise auf Verträge, Gesetze und sonstige bürokratisch-institutionelle Zwangsjacken, die man dem Schulamt angelegt habe. Am Ende habe Beckers jedoch zuversichtlich davon gesprochen, er wolle diese Angelegenheit zusammen mit den Eltern lösen. Eine Ansage, die eine engagierte Mutter hellhörig machte. Denn wenn sich Beckers ab Ende 2014 damit befassen wollte und somit im Laufe von 2015 eine Lösung für ein fünfzehn Jahre altes Problem gefunden werde, käme dies zufällig passend im Vorfeld der nächsten Wahl zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordnetenversammlungen.

Und noch etwas schmeckt den Eltern an dieser Idee nicht: Sie sollen noch mehr Zeit investieren. Damit sich Beckers bei der nächsten Wahl damit brüsten kann, dass er ein jahrzehntealtes Problem gelöst habe. Und die Arbeit machen wir Eltern. Nein, danke.

„Was sind Fadenwürmer?“

Das Protokoll dieses Treffens ist von der betroffenen Emanuel-Lasker-Schule veröffentlicht worden. Darin heißt es wörtlich: „Dr. Beckers erklärt, dass er seit Januar 2011 in diesem Amt, für dieses Aufgabengebiet zuständig ist. Die Schulreinigung wurde auch schon im März 2011 angegangen, und der Wissensstand, dass es mehr Kontrollen und eine neue Ausschreibung geben soll, ist nicht neu.“ Warum sind die Zustände 2013 dann so schlimm? Weil - so steht es im Protokoll - „der niedrigste Servicedienstleister im Gebot gewählt“ wurde.

Am Berliner Umgang mit der Problematik kann man vieles lernen. Denn nicht einmal die offensichtliche Gesundheitsgefährdung von Kindern führt zu einer Änderung der rein finanziellen Prämisse, die billigsten Angebote zu nehmen. An eine Erhöhung des Putzetats wird auch nicht gedacht. So entstehen aus Geldmangel handfeste Gesundheitsgefährdungen. Die Fichtelgebirgsschule hatte zum Zeitpunkt des Gesprächs ein Problem mit Fadenwürmern. Mit dieser Tatsache am 4. November konfrontiert, reagierte das Bezirksamt laut Protokoll wie folgt: „Was sind Fadenwürmer? Wurde sofort notiert. Keine weitere Äußerung seitens der BA.“

Fadenwurm © picture alliance / WILDLIFE Vergrößern Wertes Bezirksamt: So sieht ein Fadenwurm aus

Danach kehrte man das Problem buchstäblich unter den Tisch, dabei wäre eine sofortige Intervention notwendig gewesen. Auch andernorts sind die gesundheitlichen Folgen gravierend. Die Schule am Friedrichshain wäre zum 13. Januar beinahe vom Gesundheitsamt geschlossen worden. In letzter Sekunde hat es die zuständige Putzfirma nach monatelangem Gerangel doch noch geschafft, sie angemessen zu reinigen - nicht ohne eine Spitze in Richtung Behörden und Politik: Hätte man genug Budget, könnten die Schulen immer so aussehen.

Der Dreck ist jetzt bei Facebook

Schulstadtrat Beckers war zwischenzeitlich im Urlaub und wäre eigentlich erst Ende Januar wiedergekommen. Nach Plan hätte es eine von der Reinigungsfirma zugesagte Grundreinigung für die betroffenen Schulen über die Weihnachtsferien geben sollen. Doch diese Reinigungen haben nie stattgefunden. Sie fielen aus - ebenso wie auch schon die versprochene Grundreinigung über die Herbstferien und zuvor die zugesagte Grundreinigung während der Sommerferien ausgefallen waren.

Den Eltern stank es inzwischen gewaltig. Vielleicht hätte man an den Schulen angefangen, in Wochenend-Hauruckaktionen den Dreck selbst wegzumachen - „Toiletten-AGs“ gibt es etliche, und wer will schon Fadenwürmer oder andere Krankheiten in seiner Familie. Doch die Vertreterinnen der Elterninitiative gegen den Schulschmutz sehen es nicht ein, die Arbeit der Putzfirma (die dafür bezahlt wird), des Bezirksamts (das dafür bezahlt wird) und des Stadtrats (der dafür gewählt ist und dafür bezahlt wird) zu machen.

Nun haben die betroffenen Berliner Eltern eine sehr effiziente Waffe entdeckt: die Öffentlichkeit. So hat der Berliner Schuldreck seit Ende letzten Jahres eine eigene Facebookseite, und auf einem Blog werden Fotos der Zustände veröffentlicht. Die Berliner Tageszeitungen sind in der Zwischenzeit auf das Thema angesprungen, RTL hätte am liebsten eine Reportage gedreht, in deren Mittelpunkt Ekelbilder von Toiletten und verwahrlosten Kindern gestanden hätten.

Plötzlich lassen sich Dinge ändern

Wer gewählt werden will, kann einen solchen Presserummel nicht ignorieren, und so endete nicht nur der Urlaub des Schulstadtrats früher als geplant - plötzlich lassen sich Dinge ändern. Von wegen Ende 2014: Schon zum 3. Februar werden an vierzehn Berliner Schulen die Reinigungsleistungen neu vergeben. Man habe sich einvernehmlich von der betreffenden Firma getrennt, ließ die Pressestelle des Schulstadtrats am 14. Januar verlauten. Betroffen sind erstaunlicherweise gerade jene Schulen, deren Eltern die neue Freizeitbeschäftigung „Engagement gegen Schulschmutz“ pflegen.

Diese Eltern aber sind nun erst richtig in Fahrt gekommen. Sie haben nicht nur einen Blick für Mängel entwickelt, sie haben auch ihre Macht entdeckt. In einem öffentlichen Papier legen sie klare langfristige Ziele vor - angefangen beim Vergabeverfahren über die Erarbeitung eines Leistungskatalogs bis hin zur grundsätzlichen Frage, wie Schulen individueller geputzt werden können. An Entschlossenheit mangelt es nicht; was einige indes ratlos macht, ist die Art und Weise, wie man in Berlin mit den Problemen umgeht.

„Man lebt ständig in der Sorge: Was kommt als Nächstes?“

„Man kann nie einfach nur vertrauen, dass die Zustände an den Schulen gesetzlichen Vorgaben entsprechen“, erklärt Birgit Brauneis, Elternsprecherin der Zille-Grundschule. Wenn Eltern nicht ständig ein Auge auf alles hätten, könnte im nächsten Moment entweder eine etablierte und notwendige Institution wie die Schulsozialarbeit gestrichen werden oder die grundsätzlichsten Voraussetzungen wie Hygiene und Sauberkeit würden nicht geschaffen. „Es ist dieses Gefühl, immer wachsam sein zu müssen. Nie davon ausgehen zu können, dass die Dinge korrekt ausgeführt werden und auch langfristig bestehen. Man lebt ständig in der Sorge: Was kommt als Nächstes?“

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Diese Eltern werden nicht lockerlassen - sie können es gar nicht. Am Ende werden sie doch mehr Zeit investieren, als sie es sollten. Denn dass ausgerechnet in Berlin das grundsätzliche Problem der Unterfinanzierung gelöst werden könnte, steht angesichts von zu bauenden Großflughäfen und auslaufendem Länderfinanzausgleich nicht in Aussicht.


 

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