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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Rede Köhlers Wir

24.03.2009 ·  In der Ansprache von Bundespräsident Köhler war fast alles drin, was man an gängigen Topoi in einer Rede zur Lage der Nation erwarten konnte. Es fehlte nur die Kritik der allumfassenden Beschleunigung. Und wer war dieses „wir“, von dem Köhler in fast jedem Satz sprach?

Von Christian Geyer
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Nur von der Beschleunigung war nicht die Rede. Diesen Topos der Sozialkritik (alles wird immer schneller), hat der Bundespräsident einfach unterschlagen. Dabei war seine Berliner Rede doch hinreichend offen und unternahm so viele Schlenker ins Wohlbekannte, dass es auf einen Schlenker mehr oder weniger wirklich nicht angekommen wäre. Es gab Schlenker zur Menschenwürde; zum Schicksal (das noch nie so sehr in unseren eigenen Händen gelegen habe wie heute); zum Glück (was es sei); zum Sinn (des Lebens); zur einen Erde; zum falschen Immer-mehr-Denken und zur richtigen „Wie viel ist genug?“-Frage; zur Generationengerechtigkeit (die es nicht auf die lange Bank zu schieben gelte); zum westafrikanischen Fischereiwesen; zum Mehrbedarf an Information und Erklärung (über das, was abläuft).

Ja, mit all diesen Wendungen wurde ordentlich geschlenkert. Aber vergeblich wartete man auf einen Satz wie diesen: „Übrigens bin auch ich dagegen, dass alles immer schneller wird.“ Nein, solche Worte wollten in dieser unter der Hand Ruinenrede genannten Ansprache des Bundespräsidenten partout nicht fallen (Ruinenrede deshalb, weil sie in einer 1945 zerstörten und später für Ruinenreden aller Art wieder aufgebauten Kirche Berlins stattfand). Man muss es deshalb als das große Desiderat dieser ansonsten durch und durch vollständigen Rede ansehen, dass sie kein Plädoyer für die Langsamkeit enthielt, nirgends. Im Gegenteil: Kaum war der Redner bei einem Wort angelangt, war er auch schon augenblicklich irgendwo anders.

Der genius loci hatte es freilich in sich. Das Krisengemäuer, in dem Köhler mit angemessener Anspannung sprach, ausgeleuchtet mit sachte flackerndem Kerzenschein, gab dem Staatsoberhaupt etwas Transzendentes, Sublimiertes, Entrücktes, wie es jemandem gut zu Gesicht steht, der eine neue Ethik verkündet und den Adressatenkreis nicht unnötig einschränken möchte. Köhler sagte: „Wir wollen andere in Zukunft nur so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen.“ Er sagte: „Wir wollen gemeinsam beschließen, nicht mehr auf Kosten anderer zu leben.“ Und er sagte: „Der Klimawandel zeigt: Die Erde wird ungeduldig.“ Wo ein allgemeines „Wir“ als zurechnungsfähiges Subjekt genügt, kann auch gleich „die Erde“ einspringen.

In beiden Fällen fühlt man sich angesprochen und doch nicht gemeint. Das ist einerseits nobel. Andererseits hätte ein Tick Entschleunigung die Rede nachhaltiger gemacht (der Nachhaltigkeitsschlenker war natürlich drin). Dann hätte schon aus Zeitgründen nicht alles gesagt werden können, was gesagt wurde.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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