Home
http://www.faz.net/-gqz-75oas
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Philharmoniker Luxus

 ·  Im Jahr 2018 will Simon Rattle den Chefposten bei den Berliner Philharmonikern räumen. Die frühe Ankündigung ist freundlich: Nun hat man viel Zeit zum Nachdenken.

Artikel Lesermeinungen (0)

Eine Orchesterrepublik stellen wir uns eigentlich weniger vor wie ein Raubtier. Eher wie eine Zeitungskonferenz: zeitraubend, nervtötend, unpraktisch in der Handhabung, jedoch gesegnet mit einem unberechenbaren Kollektivkreativpotential, das vulkanartig selten ausbricht, dann aber: ex negativo. Erst aus dem Widerspruch heraus zündet Neues. Die 128 Spitzenmusiker, die zusammen das als „Berliner Philharmoniker“ weltbekannte, wenn auch nicht unbedingt mehr klassikmarktführende Unternehmen bilden, haben jetzt fünf Jahre Zeit vor sich, in denen sie auf diesen kreativen Schub warten und derweil hin und her konferieren können: Wen sollen sie sich als neuen Chefdirigenten wählen, wohin soll die Reise gehen, im Anschluss an die Ära Simon Rattle?

Segensreich, aber nicht musikalisch prägend

Eine so üppige Bedenkzeit ist der pure Luxus, sehr freundlich von Sir Simon, bereits jetzt seine Karten auf den Tisch zu legen. Er war seinem Orchester in den letzten sechzehn Jahren immer ein guter Kumpel, ein fairer Chef. Jenseits seiner chronischen Gute-Laune-Miene, die ihm manchmal zur Maske gerann, hat Rattle nach innen (Verjüngung) wie auch nach außen (Digital Concert Hall) viel Segensreiches bewirkt. Seine Lieblings-Import-Idee der „Education“-Arbeit, die er mit „Rhythm Is It“ so spektakulär begann, machte Schule in den Orchestern und Konzerthäusern ganz Deutschlands. Andererseits arbeitet Rattle zu wenig im Weinberg des Orchesterklangbilds. Er hat die Berliner Philharmoniker weder musikalisch geprägt (wie es sein Vorvorvorgänger Karajan ehedem tat), noch hat Rattle seine Ideale kämpferisch gegen den bösen Geist des Hauses verteidigen müssen (wie es Claudio Abbado geschah). Es gab sehr gute Konzerte und sehr mittelmäßige, wie überall. Es gab aber auch vieles, das einmalig geriet, glänzend und unvergesslich (die halbszenische „Matthäuspassion“, zum Beispiel). Wir werden, wie immer, die Wahrheit erst später wissen. Vielleicht: in fünf Jahren?

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

Jüngste Beiträge

Freitod-Fashion

Von Fridtjof Küchemann

Ein Model kniet vor dem Gasherd, eines steht mit einem Stein im Arm im Fluss: Für eine Modestrecke ließ das amerikanische Magazin „Vice“ den Freitod bekannter Autorinnen nachstellen. Was als Kunst gemeint sein soll, verrät die Kunst. Mehr 2 6