http://www.faz.net/-gqz-75oas

Berliner Philharmoniker : Luxus

Im Jahr 2018 will Simon Rattle den Chefposten bei den Berliner Philharmonikern räumen. Die frühe Ankündigung ist freundlich: Nun hat man viel Zeit zum Nachdenken.

          Eine Orchesterrepublik stellen wir uns eigentlich weniger vor wie ein Raubtier. Eher wie eine Zeitungskonferenz: zeitraubend, nervtötend, unpraktisch in der Handhabung, jedoch gesegnet mit einem unberechenbaren Kollektivkreativpotential, das vulkanartig selten ausbricht, dann aber: ex negativo. Erst aus dem Widerspruch heraus zündet Neues. Die 128 Spitzenmusiker, die zusammen das als „Berliner Philharmoniker“ weltbekannte, wenn auch nicht unbedingt mehr klassikmarktführende Unternehmen bilden, haben jetzt fünf Jahre Zeit vor sich, in denen sie auf diesen kreativen Schub warten und derweil hin und her konferieren können: Wen sollen sie sich als neuen Chefdirigenten wählen, wohin soll die Reise gehen, im Anschluss an die Ära Simon Rattle?

          Segensreich, aber nicht musikalisch prägend

          Eine so üppige Bedenkzeit ist der pure Luxus, sehr freundlich von Sir Simon, bereits jetzt seine Karten auf den Tisch zu legen. Er war seinem Orchester in den letzten sechzehn Jahren immer ein guter Kumpel, ein fairer Chef. Jenseits seiner chronischen Gute-Laune-Miene, die ihm manchmal zur Maske gerann, hat Rattle nach innen (Verjüngung) wie auch nach außen (Digital Concert Hall) viel Segensreiches bewirkt. Seine Lieblings-Import-Idee der „Education“-Arbeit, die er mit „Rhythm Is It“ so spektakulär begann, machte Schule in den Orchestern und Konzerthäusern ganz Deutschlands. Andererseits arbeitet Rattle zu wenig im Weinberg des Orchesterklangbilds. Er hat die Berliner Philharmoniker weder musikalisch geprägt (wie es sein Vorvorvorgänger Karajan ehedem tat), noch hat Rattle seine Ideale kämpferisch gegen den bösen Geist des Hauses verteidigen müssen (wie es Claudio Abbado geschah). Es gab sehr gute Konzerte und sehr mittelmäßige, wie überall. Es gab aber auch vieles, das einmalig geriet, glänzend und unvergesslich (die halbszenische „Matthäuspassion“, zum Beispiel). Wir werden, wie immer, die Wahrheit erst später wissen. Vielleicht: in fünf Jahren?

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Topmeldungen

          Krise in Katalonien : Mit harter Hand gegen die Separatisten

          Madrid greift in Katalonien härter als erwartet durch, aus Protest gehen viele Katalanen auf die Straße. Regionalpräsident Puigdemont, der entmachtet werden soll, will sich noch am Samstagabend erklären.
          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Mayers Weltwirtschaft : Griechenlands Bankrott

          Es ist nicht zu erwarten, dass Griechenland seine Schulden jemals zurückzahlen wird. Europa muss aufhören, sich etwas vorzumachen.

          Parlamentswahl in Tschechien : Populist Babis klarer Sieger

          Nichts scheint Andrej Babis aufzuhalten. Trotz zahlreicher Affären gewinnt der umstrittene Milliardär die Wahl in Tschechien klar. Wohin steuert der „tschechische Donald Trump“ das Land in der Mitte Europas nun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.