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Berliner Mietmarkt : Trautes Heim

Die Mieten sind explodiert: Rein rechnerisch hätte in Berlin jeder zweite Haushalt Anspruch auf eine Sozialwohnung.

          Ausgestattet mit guten Vorsätzen und Wünschen für Mensch und Welt, treten wir ins neue Jahr, wie es in der Motette von Johann Michael Bach besungen wird: „Gib Glück und Heil / gib Fried und Ruh / darnach die Seligkeit dazu.“ Doch Seligkeit samt Prinzip Hoffnung weichen der utopiefreien Realität meist schon wenige Tage nach Neujahr, wenn alles so weitergeht wie bisher. Wer sich auf dem Wohnungsmarkt bewegt, bekommt das neujahrstypische Ineinanderwirken von politischer und privater Veränderungssehnsucht besonders zu spüren – einer Sehnsucht freilich, die unerfüllt bleibt. Wie aus Berlin kürzlich vermeldet wurde, sind die Mieten innerhalb kurzer Zeit dort so explodiert, dass, gemessen an dem stagnierenden Einkommen, jeder zweite Haushalt eigentlich Anspruch auf eine Sozialwohnung hätte. Die Immobilienanbieter kümmert es nicht.

          Dabei ist die oft eingesetzte Staffelmiete oder Mindestmietvertragsdauer von bis zu vier Jahren nicht einmal das Hauptproblem. Noch immer wird häufig bei Neueinzügen verlangt, dass das Nettoeinkommen des Mieters dreimal so hoch ist wie die Warmmiete. Spätestens hier fragt man sich, ob Großstädte künftig eigentlich nur noch von Schwervermögenden bewohnt werden sollen. Kapitalismuskritiker könnten sich die Hände reiben: Lehrbuchartig führt der Wohnungsmarkt vor, was passiert, wenn der Markt sich selbst überlassen wird. Die Mietpreisbremse spüren in Berlin die wenigsten, Sozialwohnungen sind Mangelware, die Schere zwischen Einkommen und Mieten wird immer größer. Aber bereitet das nicht genauso lehrbuchartig den Nährboden für die perfekte Rebellion? Doch statt Widerstand passiert das genaue Gegenteil: Anpassung. Bereitwillig gehorchen Noch-Mieter, die bald zu Vormietern werden, den Gesetzen des Marktes und nutzen die verzweifelte Wettbewerbssituation der Wohnungslosen, die darauf hoffen, Nachmieter zu werden, in Form von horrenden Abstandspreisen schamlos aus.

          Protest bleibt aus. Zu vernehmen ist bloß ein ächzendes Keuchen derer, die in den langen Schlangen vor einer Wohnungsbesichtigung stehen – oder die über alle Ohren verschuldet aus der Stadt fliehen. Vergessen, verdrängt, verpönt ist, was einst Alexander Mitscherlich als „Unwirtlichkeit unserer Städte“ kritisierte: „Das Einfamilienhaus ist der Inbegriff städtischer Verantwortungslosigkeit.“ Die Einsicht, dass der private Wohnraum politisch ist, stößt heute auf großes Unverständnis. Die Sehnsucht nach dem Eigenheim als höchstes Ziel vollendeten Lebensglückes vereint politische Klassen jedweder Couleur, stillt das Sicherheitsbedürfnis, das dem Drang nach Befreiung gewichen ist, und kulminiert in einer merkwürdig still akzeptierten Landflucht. Wer in der Stadt bleiben will, den holen die Makler.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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