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Berliner Mahnmalstreit Die mögliche Zukunft der "Topographie des Terrors"

23.05.2003 ·  Ein Symposium im Berliner Martin-Gropius-Bau beschäftigte sich jetzt mit der weiterhin ungewissen Zukunft des "Topographie des Terrors". Nach dem Einlenken des Architekten Peter Zumthor bleibt dennoch die Frage, wie in Zeiten dramatisch geschrumpfter Kulturhaushalte die Dokumentationsstätte realisiert werden könnte.

Von Ilona Lehnart
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Theoriegebäude sind in Berlin allemal leichter zu errichten als feste Häuser. Wie sollte es da wundern, daß die Stiftung "Topographie des Terrors" in Zeiten, da ihre künftige Dokumentationsstätte akut gefährdet ist, ihr wissenschaftliches Fundament festigt? Immerhin gilt es, dem Stillstand auf der verödeten Baustelle über den Ruinen der Gestapo-Keller die Kontinuität geschichtswissenschaftlicher Forschungen entgegenzusetzen. Nicht nur, um dem zornig formulierten Anliegen Gewicht zu geben, es möge doch endlich das so kläglich gescheiterte Bauprojekt auf dem ehemaligen Prinz-Albrecht-Gelände fortgeführt werden. Mehr noch um das Profil der "Topographie des Terrors" in der künftigen Trias zu schärfen, in der sie sich zwischen Jüdischem Museum und Holocaust-Mahnmal behaupten muß.

Als "Ort der Täter" für alle Zeiten stigmatisiert, könnte die geplante Dokumentationsstätte - sollte sie je vollendet werden - vornehmlich ein Ort der Täterforschung werden. Das Desiderat liegt zwar im aktuellen Trend des geschichtswissenschaftlichen Diskurses, ist aber gut geeignet, die Existenzberechtigung der Forschungsstätte auf dem authentischen Richtplatz der Gestapo politisch zu gewichten. Ein Bedeutungszuwachs wäre der "Topographie des Terrors also zu wünschen.

Nicht ganz ohne Grund argwöhnte Stiftungsdirektor Reinhard Rürup dieser Tage auf einem Symposium, eine insgeheime "Hierarchisierung" innerhalb der Berliner Denk- und Mahnmalsarchitektur habe dazu geführt, daß der als "Denk- und Lernort" geplante Bau für die "Topographie des Terrors" zeitweise aus dem Blickfeld geriet. Mochte hier auch begreiflicher Zorn den Blick des Historikers verengen, trifft zumindest zu, daß dem Zumthor-Bau mit dem wesentlich später geplanten Dokumentationszentrum für das Holocaust-Mahnmal eine Konkurrenz erwachsen ist, die ursprünglich nicht vorgesehen war. Von vorrangiger Behandlung zu sprechen, wäre dennoch falsch. Wer für das blamable Scheitern des Neubauprojekts der Topographie ernsthaft Ursachenforschung betreibt, wird das Dilemma sowohl bei einer inkompetenten Bauverwaltung suchen müssen als auch in einem architektonischen Entwurf, der bei aller ästhetischen Brillanz das Prädikat "nicht machbar" trägt.

Nicht von ungefähr hatte man sich zu dem Symposium im Martin-Gropius-Bau zusammengefunden, in anregender Nachbarschaft zur Baustelle. Rückschau wollte man halten, einen Vorausblick wagen und womöglich Energien revitalisieren, die vor zwanzig Jahren durch "bürgerschaftliches Engagement" zur Erhaltung des Schreckensortes als "Denkort" entscheidend beitrugen. Ist das möglich? Eine aus nostalgischen Erinnerungen wiederbelebte Bürgerinitiative, warnte der Historiker Volkhard Knigge (Buchenwald/Jena) die ehemaligen Aktivisten, laufe Gefahr, in "krude Interessenskonflikte" zu geraten. Sie waren längst greifbar: Im Diskurs der Historiker hatten sie sich bereits angedeutet, in der Debatte der Politiker sollten sie sich ungehemmt fortsetzen.

Es war der "Täter-Diskurs", der die Historiker gespalten hatte und insbesondere den bekennenden Strukturalisten Hans Mommsen erzürnte. Besorgt sieht er die jüngere Historikergeneration von einem methodologischen Virus infiziert, der weniger nach politischen Kausalitäten als nach sozial-psychologischen Ursachen fragt. Wie Gerhard Paul (Flensburg) ausführte, schauen junge Historiker, - von Daniel Goldhagen beflügelt -, verstärkt auf die kognitive und mentale Struktur der Täter; sie wenden sich dem Fußvolk zu, dem Personal in Zivil und suchen in biographischen Einzelstudien nach Erklärungsmustern für die "Gewaltsozialisation" ganzer Jahrgänge. Daß die unzureichende Quellenlage ein verzerrtes Bild evoziert, mußte der Historiker einräumen. Die große Gruppe der Wehrmachtstäter etwa, die sich der Justiz entziehen konnte, bildet einen blinden Fleck in den Statistiken.

Gewiß für die Stiftung ein weites Forschungsfeld. Für Reinhard Rürup steht denn auch außer Frage, daß der technisch aufwendige Entwurf des Schweizer Architekten Peter Zumthor ohne ästhetische Abstriche vollendet werden müsse. Freilich nicht nur, weil Zumthors Entwurf der sinistren Historie des Ortes in der Außenhaut einer komplizierten Stabwerkfassade "Ausdruck" verleihen konnte, sondern auch, weil die Konkurrenten, - das Jüdische Museum und das Holocaust-Mahnmal - ebenfalls die Handschrift weltberühmter Architekten tragen. Auch er hat inzwischen gelernt, daß erst aus der Synthese von Architektur und Wissenschaft wahre Attraktionen entstehen.

Was sagt die Politik dazu? Zunächst sehen sich Bund und Land Berlin mit der überraschenden Wende konfrontiert, "daß auf einmal eine kreative Überarbeitung des Konzepts durch den Baukünstler Zumthor vorliegt" (Ulrich Eckhardt). Für die "technologische Vereinfachung" der komplizierten Stabskonstruktion will der Schweizer ganz einfach die Zahl der "Knoten" von siebzehntausend auf schlichte siebentausend reduzieren. Sollte der Plan keine Eulenspiegelei sein oder im Räderwerk der Administration untergehen, könnte noch in diesem Sommer mit dem Ausschreibungsverfahren begonnen werden. Ob der Bund finanziell beispringt, ist allerdings fraglich. In der überspitzten Rhetorik Norbert Lammerts (CDU), derzeit Vizepräsident des Bundestages, war nur von unsäglichen "Berliner Usancen" die Rede, die der Bund nicht mehr mitzutragen gedenke. Der Berliner Kultursenator aber hat gerade eine schmerzliche Schmälerung seines Budgets zu verkraften. Was wird nun?

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