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Berliner Kunstgewerbemuseum : In der Kleiderkammer des Weltgeistes

Als die Schlafwandler in den Ministerien und Generalstäben Europas noch nicht ins Dunkel des Ersten Weltkriegs tappten, sondern auf dem Parkett der Ballsäle und Salons ihren Mut bewiesen, entstand dieses Abendkleid von Jeanne Paquin, das die Eleganz einer römischen Tunika mit dem Pathos einer Satinschleppe verbindet. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum Klonk

Nach drei Jahren Umbau eröffnet das Berliner Kunstgewerbemuseum mit einer Mode-Galerie. Unter den Exponaten finden sich Bestände aus Mittelalter, früher Neuzeit, Barock, Rokoko, dem Welfenschatz, Empire und Biedermeier

          Ars nannten es die Römer, die Griechen sprachen von téchne. Beide meinten die Kunst. Keiner wäre damals und noch lange später auf die Idee gekommen, das, was Maler, Bildhauer, Musiker und Dichter schufen, vom Metier der Handwerker zu trennen. Erst in der Renaissance schieden sich die Sphären. Seither gibt es die Sehnsucht, sie wieder zu vereinen. Im preußischen Klassizismus wurde sie Realität. Sein Vordenker Karl Friedrich Schinkel, Architekt des Alten Museums, war zugleich der Erfinder der Industriekunst. Das Berliner Kunstgewerbemuseum, das erste in Deutschland, entstand erst dreißig Jahre nach seinem Tod, aber es trägt seine geistige Handschrift. Was immer heute in Berlin an Kunsthandwerk und -gewerbe gezeigt wird, muss sich an Schinkels Einheitsgedanken messen lassen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am 21. November 2014 wurde das Kunstgewerbemuseum am Berliner Kulturforum nach dreijähriger Umbauzeit wiedereröffnet. Die Neugestaltung durch das Architekturbüro Kuehn Malvezzi hat knapp viereinhalb Millionen Euro gekostet. Sie konzentriert sich auf das Zwischengeschoss, in dem auch das Foyer mit der Museumskasse liegt, und das Untergeschoss, in dem die Designsammlung des Hauses untergebracht ist. Im Obergeschoss werden die Exponate zum Jugendstil in neuen Einbauten präsentiert. Der Kern des Museums, die reichen Bestände aus Mittelalter, früher Neuzeit, Barock, Rokoko, Empire und Biedermeier, zu denen das Lüneburger Ratssilber, der Welfenschatz und der Neuwieder Schreibschrank von David Roentgen gehören, bleibt von der Neuordnung unberührt.

          Fußboden aus den achtziger Jahren

          Damit ist keines der schweren strukturellen Probleme des Kunstgewerbemuseums gelöst. Der 1985 eingeweihte Bau des Stuttgarter Architekten Rolf Gutbrod, in dem es residiert, stellt mit seiner baukastenhaften Beton-Ziegel-Fassade und seinem labyrinthischen Inneren, in dem sich freischwebende Treppen, brutalistische Stützbalken und Waschbetonsäulen ohne Sinn und Verstand übereinander kanten, nach wie vor eine ästhetische Zumutung erster Ordnung dar. Die weißen Vitrinen und der Fußboden aus den achtziger Jahren rauben den Objekten jeden Schimmer, sie saugen der Kunst das Licht ab, statt es auf sie zurückzuleiten. Und die starre Ordnung der Ausstellungsblöcke, die dazu noch durch Wände und schwere Türen voneinander getrennt sind, kappt jede historische Verbindung zwischen den Epochen, den Gattungen, Entstehungs- und Verbreitungsräumen.

          Kuppelreliquiar aus dem Welfenschatz. Köln, Ende 12. Jh. Bilderstrecke

          In diesem, gelinde gesagt, unvorteilhaften Rahmen haben die Architekten von Kuehn Malvezzi mit der Mode-Galerie im Zugangsgeschoss ihr Meisterstück abgeliefert. Zuvor war der Raum rings um die klobige Brüstung nach außen abgeschottet, während Vitrinen an den Geländern mehr schlecht als recht Beispiele der Sammlung vorstellten. Jetzt schließt sich die neue Galerie mit weißen Wänden von der Vorhalle ab, öffnet im Inneren aber Durchblicke von der Rückfront des Gebäudes auf die Baumkronen des Tiergartens. Die Vitrinen, außen dunkel, innen hell, sind wie Schaufenster gestaltet, im Wechsel von kurzen und längeren Einheiten, manche über Eck, andere als Séparée eingerichtet, je nachdem, ob Einzelstücke oder Ensembles gezeigt werden.

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